Aus Niederämter Sicht
Alte Liebe

Thomas Vogt
Thomas Vogt
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Colin Frei (Themenbild)

Obwohl ich es nicht als Midlifecrisis bezeichne, hat sich mein Leben verändert, seit ich 50 Jahre auf dem Tacho stehen habe. Diesen runden Geburtstag feierte ich damals fernab der Heimat mit einem Freund und seiner Familie in Mexico. Es war herrlich, an der Riviera Maya ohne Rummel dieses Wiegenfest geniessen zu dürfen. Jedoch stand schon vorher fest, mir die Haare wachsen zu lassen, so wie ich sie vor der Rekrutenschule zu tragen pflegte. Zudem entschied ich mich, vermehrt zu reisen, und meine Zeit mit Leuten zu verbringen, welche mich und meine Lebensart akzeptieren und beschloss, mir ein 67-er Camaro Cabrio mit einem grossen V8-Motor - also einem Bigblock - zuzulegen.

Die persönlichen Entscheide waren relativ zeitnah umgesetzt, doch die längeren Haare und der Oldie liessen noch auf sich warten. Doch was macht eigentlich den Reiz aus, einen Oldtimer zu fahren? Als fortschrittlich und modern eingestellter Mensch widerspricht es sämtlicher Logik, solche Autos auf unserem Planeten zu bewegen. Denn diese Fahrzeuge fallen durch betörenden Lärm auf, verbrauchen oft zu viel Benzin, sind nicht allzu bequem, benötigen viel Pflege und Aufmerksamkeit, riechen nach Treibstoffen sowie Schmiermitteln, verfügen über keine elektronischen Fahrhilfen oder elektrische Fensterheber und verlieren immer irgendwo ein wenig Flüssigkeit.

Letzteres dürfte bei den älter werden Lebewesen vermutlich genau gleich sein. Trotzdem ist es ein pures Vergnügen, sich mit diesen antiken Gefährten fortzubewegen. Man fühlt, wie der Wagen reagiert, spürt, ob es etwas sportlich um’s Eck geht. Das Motorengeräusch gibt umgehend Rückmeldung, ob der richtige Gang eingelegt ist. Das Schaukeln der Karosse vermittelt sofort, ob die Bodenwelle zu zügig genommen wurde. Beim Bewegen eines alten Automobils sind alle Sinne gefragt und geschärft. Das macht diese (Er)fahrung einfach einzigartig in der doch so perfekten, durchgetakteten und automatisierten Welt. Ja richtig, mit diesen automobilen Preziosen muss man von A-Z noch selber fahren.

Mit einem alten Auto unterwegs zu sein, ist also sehr aufregend. In unseren Breitengraden sehe ich oft einen Daumen nach oben gehen, manchmal kommt mir ein Lächeln entgegen oder höre gar Zurufe wie «geile Chare» oder «Hammer Sound»! Anders, als wenn man mit einem modernen Sportwagen aus Maranello oder Zuffenhausen über die Strasse gleitet, fliegt einem bei einem Oldtimer oft viel Sympathie entgegen und nicht ein neiderfülltes, herablassendes müdes Lächeln. Als ich letztmals nach Mexico reiste und meinen alten 69-er Dodge Dart wieder mal über die verhassten Topes scheuchte, war das sogar noch ein etwas eindrücklicheres Erlebnis.

Es verging keine Viertelstunde, ohne dass mich Passanten fragten, ob sie ein Foto machen könnten; also vom Auto und nicht etwa vom lang geratenen Chauffeur oder einer attraktiven Begleitung. Die Menschen waren angetan von der alten Technik, den Formen und der Geschichte. Es war ein besonderes Erlebnis, wegen des antiken Strassenkreuzers offen angesprochen zu werden. So kam beispielsweise beim Nachfüllen des Benzins meistens die gesamte Crew der Tankstelle angerannt und wollte wissen, um welches Modell es sich handelt und welchen Jahrgang der Wagen hat. Wenn sich dann ein komisches Geräusch aus dem Motorraum bemerkbar machte, wollten alle helfen und glaubten immer zu wissen, was nicht in Ordnung sei. Das Thema alte Fahrzeuge verbindet.

Im Weiteren bedeutet einen Oldtimer fahren, auch ein kleines Stück Kultur zu bewahren. Es ist also durchaus ein Hobby, das grosse Freude bereitet und sich bei guter Behandlung dieser in die Jahre gekommenen Karossen sogar lohnt. Was gibt es Schöneres, als einen Oldie zu bewegen und zu wissen, dass er noch an Wert gewinnen kann? Ob ich das von mir auch einmal behaupten kann, wage ich zu bezweifeln, aber die Liebe zu alten Dingen wird sich bestimmt weiterentwickeln.