Däniken/Gretzenbach

Auch ein Atheist marschiert beim interreligiösen Spaziergang mit

Die Spaziergängerinnen und Spaziergänger beim Verlassen der evangelisch-reformierten Kirche Däniken

Die Spaziergängerinnen und Spaziergänger beim Verlassen der evangelisch-reformierten Kirche Däniken

Der interreligiöse Spaziergang durchs Niederamt hat mehr Leute angezogen als erwartet.

Besucher aller Alters- und Religionsgruppen erschienen am Sonntag in Däniken, um den interreligiösen Spaziergang durchs Niederamt anzutreten. Die Veranstaltung wurde im Rahmen der gesamtschweizerischen Woche der Religionen von Vertretern der evangelisch-reformierten Kirche, der römisch-katholischen Kirche sowie der Offenen Kirche Region Olten organisiert.

Wie wird man eigentlich Buddhist?

In der ersten Station, der evangelisch-reformierten Kirche in Däniken, treffen die ersten Spaziergänger bereits um 9.15 Uhr ein und setzen sich auf die noch leeren Bänke der Kirche. Schon bald treten die Besucher jedoch in Scharen in das Gotteshaus, bis dieses um 9.30 Uhr mit vollen Bänken und zusammenrutschenden Menschenmengen gefüllt ist.

Pfarrer Daniel Müller tritt vor die rund 130 Besucherinnen und Besucher und begrüsst diese mit einer kurzen Einführung zum Spaziergang: «Das Motto unserer heutigen Veranstaltung ist: Wie wird man eigentlich reformiert oder katholisch? Wie wird man Sikh oder Buddhist?», erklärt der Pfarrer und erörtert sogleich, wie dies bei der reformierten Kirche funktioniert. Auch bedauert er, dass die Zahl der Austritte in der reformierten Kirche zurzeit um einiges höher liegt als diejenige der Eintritte.

Nach einem kurzen Vortrag zur reformierten Kirche beginnt für die Teilnehmenden der Spaziergang zum nächsten Treffpunkt, der römisch-katholischen Kirche in Däniken, wo Pfarrer Wieslaw Reglinski bereits auf die Besucher wartet. Nur kurz kann Reglinski den Spaziergängern den Katholizismus näherbringen, bevor diese sich wieder auf den Weg machen müssen, um rechtzeitig beim Sikhtempel anzukommen.

Barfüssig bei den Sikhs

Der Duft von Kreuzkümmel und Koriander hängt in der Luft, während sich 130 Spaziergänger im Vorraum des Sikhtempels in Däniken gleichzeitig die Schuhe ausziehen. «Hier riecht es so gut, hier bleibe ich gleich», lacht eine Besucherin. «Denkst du, wir dürfen etwas probieren?», fragt ihre Begleitung hoffnungsvoll.

Im Sikh-Tempel Däniken mit Kopftüchern, Pakoras und Tee

Im Sikh-Tempel Däniken mit Kopftüchern, Pakoras und Tee

Dieser Wunsch soll in Erfüllung gehen: Nachdem es sich alle Spaziergänger im Schneidersitz auf den Teppichen des Tempels bequem gemacht haben und die orangefarbenen Tücher von barfüssigen Sikhs um 130 Köpfe gebunden wurden, werden Pakoras und indischer Tee verteilt. Denn, wie Karnail Singh erklärt, der Präsident der Sikh-Gemeinde Däniken: «Mit leerem Magen kann man nicht meditieren.»

Während die Spaziergänger ihre frittierten Teigtaschen geniessen und den Tee schlürfen, wird erörtert, wie man Sikh wird. «Sikh bedeutet ‹der Lernende›, also sind wir eigentlich alle Sikhs», so Singh. Um aber von der Sikh-Gemeinde anerkannt zu werden, sollte man nach den Prinzipien des Sikhismus leben und sich nach dem Ritual der Sikhs taufen lassen. Was im Sikhismus am wichtigsten sei, ist laut Singh die Gleichheit aller Menschen. «Wenn ich eine Person sehe, sehe ich nicht eine Frau oder einen Mann, einen Christen oder einen Buddhisten. Ich sehe einen Menschen», so der Sikh.

Mit vollen Bäuchen geht der Spaziergang weiter zum buddhistischen Thai-Zentrum Wat Srinagarindravararam in Gretzenbach. Unterwegs äussert sich ein Besucher, dass er wohl der einzige anwesende Atheist sei – ein Beispiel dafür, dass an dieser Veranstaltung alle willkommen sind. Beim Tempel angekommen wird ihnen die Lehre des Buddhismus und die Geschichte des Tempels erklärt.

Darauf folgt ein Rundgang durch den Tempel, in welchem schwarz gekleidete Buddhisten vor dem Bild des verstorbenen thailändischen Königs Bhumibol Adulyadej trauern. Draussen vor dem Tempel wird erzählt, wie man Buddhist wird: Dies finde im Inneren eines Menschen statt, wenn man sich mit der buddhistischen Lehre identifiziert. Ein Taufritual gebe es hingegen nicht. Leider muss auch dieser Besuch kurz gehalten werden, da die Dauer des Spaziergangs mit zwei Stunden etwas knapp berechnet wurde.

Anlass soll es auch 2017 geben

Der Spaziergang endet in der römisch-katholischen Kirche in Gretzenbach, wo allen Besuchern ein Apéro offeriert wird. Wieslaw Reglinski blickt auf einen erfolgreichen Morgen zurück: «Wir haben mit 30 bis 50 Spaziergängern gerechnet. Dass 130 gekommen sind, hat mich sehr überrascht», so Reglinski erfreut.

Die Veranstaltung soll auch nächstes Jahr wieder stattfinden. «Es ist mir wichtig, dass wir Ängste und Vorurteile abbauen können», erklärt der Pfarrer seine Motivation. «Wir wollen der Öffentlichkeit zeigen, dass wir alle zusammen leben und auskommen können, egal, welche Konfession oder Weltanschauung wir haben.»

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