Mit einer Weltreise beginnt diese Geschichte. Mit einer Weltreise, die Claudio Galli nie angetreten hat. Soeben hat der Jugendliche aus dem Luzernischen seinem ersten Arbeitgeber ins Gesicht geschleudert, er sei ein Sklavenhändler. Fristlos entlassen sucht er einen Job für schnelles Geld. Denn er will die Welt sehen. In Schönenwerd wird er fündig: Er tritt eine Stelle in einer Werkstatt an, in der Orgeln repariert werden.

Das war vor rund 40 Jahren. Heute steht Claudio Galli in ebenjener Werkstatt in Schönenwerd – mittlerweile gehört sie ihm – und hat nichts zu tun. Claudio Galli. 60-jährig ist er. Hat weisses Haar, trägt ein weisses T-Shirt. Ist schmächtig für einen Handwerker, robust für einen Künstler. Er hat nichts zu tun, denn das Geschäft mit den Orgeln läuft nicht mehr. 

Statt des schnellen Geldes findet Galli Freude am Beruf. Er bleibt in der Werkstatt, macht die Lehre zum Orgelbauer. Die Weltreise lässt er ausfallen. Er beginnt früh, Verantwortung zu übernehmen. «Gott sei Dank ist mein Chef an Vielem gescheitert. So musste ich in die Hosen steigen und mich um die Dinge kümmern», sagt er heute. Galli bringt auch neue Ideen ein. War das Geschäft auf die Revision und das Stimmen von Orgeln spezialisiert, interessiert er sich für Neubauten. Ende der 80er Jahre ist er mit dabei, als im St. Gallischen Azmoos die erste Orgel in der Schweiz, die mit Lichtwellen funktioniert, gebaut wird. 

Galli spricht mit ruhiger, nachdenklicher Stimme. Er redet viel, ohne zu schwatzen. Er spricht von Pfeifen und Tasten, von Klangfarben und Registern. Und erzählt im selben Ton seine persönliche Geschichte. Von seiner schwierigen Kindheit erzählt er. Von Drogen, die er bereits mit 14 nahm. Und von den Tränen der Mutter. Und auch davon, wie ihn die Faszination für den Orgelbau als allererstes auf Kurs zu bringen vermochte. 

1999 eröffnet Gallis Chef ihm, dass er aufhöre. Er würde mehr Geld in das Geschäft pumpen, als es abwerfe, erklärt er. Galli überlegt sich das Ganze, überschlägt ein paar Zahlen und kommt zum Schluss: Mit ein paar Umstrukturierungen hat der Laden eine Zukunft. Er übernimmt die Werkstatt. Zu Beginn mit Erfolg. Für Subingen kann er eine neue Orgel bauen. Genug Arbeit für drei Jahre. Er beschäftigt einen Arbeiter, kann Lehrlinge ausbilden. Dann kommt die Finanzkrise. «Auf einen Schlag machte es Rätsch», erzählt er.

Bei den Kirchgemeinden wird das Geld knapp. Jeder Franken wird zweimal umgedreht. Ausgaben werden auf das Allernötigste beschränkt. «Man reduzierte die Orgel einzig auf ihre Funktion. Für die Pflege des Instrumentes wurde fast nichts mehr ausgegeben.» Aufträge für Revisionen werden immer seltener. Eine neue Orgel hat Galli seit Jahren keine mehr gebaut. Mehr als die Hälfte aller Orgelbauer in der Schweiz seien in der Folge verschwunden. Galli bleibt. Ohne Arbeiter, ohne Lehrlinge. Schleppt sich weiter. Alleine. Stopft mit den Aufträgen, die er an Land zieht, die Löcher, die in der Zeit dazwischen entstehen. Pensionskasse? Hat er keine.

Bedächtig erzählt er diese Geschichten. Neutral. «Heute kann ich das», sagt er. Damals nicht.

«Eine Sinnlosigkeit brach über mich herein.» Stundenlang sitzt er zu Hause rum. Beginnt die Arbeit, die ihm Halt gab, zu hinterfragen. Hinterfragt sich selber: «Was mache ich falsch? Was kann ich ändern, damit das Geschäft wieder läuft?» Bis er irgendwann einsieht: «Ich mache gar nichts falsch.» Für seine Arbeit bekommt er viele Komplimente. Mehr tun, als seine Arbeit zu präsentieren, kann er auch nicht, merkt er. «Ich musste lernen, dass ich nicht alles beeinflussen kann.» 

Nachdenklich sitzt Galli in seiner Werkstatt. Und redet. Und redet. «Neulich ging mir ein Licht auf», erzählt er etwa. «Es ist ja bald Ostern. Wir hatten da mal so einen guten Typen. Der nannte sich Jesus. Ob es den gegeben hat, weiss ich nicht. Aber die Geschichte ist irgendwie noch gut. Er hat Wunder vollbracht, konnte eigentlich alles. Und schliesslich musste er erbärmlich verrecken. Wieso? Weil das sein Vertrag, sein Plan war. Niemand konnte das ändern. Was man machen konnte: Ihm ein paar Schweissperlen abwischen. Oder ihm das Kreuz tragen – das hat einer gemacht, bis er selber zusammenbrach. Aber ändern konnte niemand etwas. Weil sein Vertrag so war. Ich glaube, dass wir manchmal Sachen einfach nicht ändern können. Manchmal schon. Aber manchmal geht es nicht. Und manchmal ist der Moment noch nicht da.»

Seit acht Jahren lebt er mit seinem Partner in eingetragener Partnerschaft. Eine Luxussituation, wie er sagt: «Er trägt mich durch die schwierigen Zeiten.» Ohne ihn, wäre er schon lange zusammengekracht, meint er. Ohne ihn würde an der Werkstattstür schon lange ein Schild hängen: «Geschlossen». 

Galli hangelt sich von einer Geschichte zur nächsten. Es sind zu viele, um auch nur ansatzweise alle zu Papier zu bringen. Er erzählt nicht mehr nur von sich, sondern von Menschen. «Ich habe viel erlebt. Ich glaube aber nicht, dass es mir deswegen schlechter geht als anderen», erzählt er. «Es gibt Menschen, die sind schön. Die sind reich. Stammen aus gutem Hause. Und sind todunglücklich. Wieso? Die haben alles, was es für ein glückliches Leben braucht. Wieso schaffen sie es nicht? Und wieso kann mich ein Bettler in den Slums so anlächeln, dass es peinlich wird?»

Es war sein Partner, der ihn dazu brachte, sich auch beruflich mit Menschen zu beschäftigen. Galli macht momentan die Ausbildung zum psychologischen Berater. Als zweites Standbein. Die Orgeln möchte er nicht aufgeben. Im Sommer geht er für einen Auftrag ins Tessin: Eine Orgel soll er revidieren. Auseinandernehmen, pflegen, wieder zusammensetzen. «Und dem Ganzen etwas mehr Pfupf geben», wie er schmunzelnd meint. Und ein weiteres Projekt steht noch an: Ein Boot kaufen. Zusammen mit seinem Partner. Und dann auf Weltreise gehen.