Bellach
Volle Auftragsbücher: Die 100-jährige Agathon befindet sich auf dem Wachstumspfad

Gespart und in Entwicklung und Marketing investiert: Die vor 100 Jahren gegründete Maschinenbauerin Agathon AG aus Bellach hat die Währungskrise überwunden – grösste Herausforderung ist heute die Rekrutierung von Fachkräften.

Franz Schaible
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Michael Merkle hat mit der Belegschaft dafür gesorgt, dass die Agathon auch im 100. Firmenjahr im Markt bestehen kann.

Michael Merkle hat mit der Belegschaft dafür gesorgt, dass die Agathon auch im 100. Firmenjahr im Markt bestehen kann.

Hanspeter Bärtschi

Den Start als Unternehmer haben sich Michael Merkle und Stephan Scholze anders vorgestellt. Im Herbst 2014 haben sie die Verträge für die Übernahme der vor 100 Jahren gegründeten Schleifmaschinenherstellerin Agathon AG in Bellach unterzeichnet, am 15. Januar 2015 nahmen sie die Arbeit als Inhaber, CEO respektive CTO auf. «Wir sassen an diesem Tisch und haben das Budget für 2015 nochmals überprüft», erinnert sich Merkle in seinem Büro an den Tag, der unter dem Namen «Frankenschock» wohl in die Geschichtsbücher eingehen wird. Nach der Nachricht, die Schweizerische Nationalbank habe die Wechselkursuntergrenze von 1.20 Franken gegenüber dem Euro aufgehoben, «haben wir das Budget umgehend in den Papierkorb geworfen», blickt Merkle zurück.

In 100 Jahren einige Krisen gemeistert

Den Grundstein für die Agathon AG (altgriechisch für das Gute) legte Leo Pfluger Senior 1918 mit der Firmengründung. Dieser übergab die Führung 1954 an Hugo Pfluger, der den Betrieb stetig ausbaute. Ein Meilenstein war der Umzug 1965 von Solothurn und Langendorf in den markanten Fabrikneubau am heutigen Standort in Bellach. Noch heute gilt der Glas- und Stahlbau des Architekten Fritz Haller als Ikone moderner Industrie-Architektur. 1996 haben Walter und Jürg Pfluger vom Vater die Aktien übernommen und führten den Betrieb in dritter Generation. Auf Anfang 2015 wurde der Betrieb – mit 230 Angestellten einer der wichtigsten industriellen Arbeitgeber im Kanton Solothurn – mangels familieninterner Nachfolgelösung an Michael Merkle und Stephan Scholze verkauft. Merkle ist CEO und Verwaltungsratspräsident, Scholze ist CTO und Verwaltungsrat. Merkle war zuvor Geschäftsführer der Bystronic Laser AG in Niederönz, Scholze sass als Leiter Forschung und Entwicklung zuvor bereits mehrere Jahre in der Geschäftsleitung der Agathon AG. Zwei Drittel des Umsatzes erwirtschaftet das Unternehmen heute mit Wendeplatten-Schleifmaschinen. Darauf werden aus einem Rohling zentimetergrosse Wendeplatten geschliffen, die wiederum zum hochpräzisen Fräsen, Drehen und Bohren eingesetzt werden. Ein Drittel entfällt auf den Bereich Normalien und umfasst Stanzblöcke sowie Führungselemente für den Werkzeug- und Formenbau. Als Maschinenbauer ist die Agathon AG stark den Konjunkturzyklen ausgesetzt. Dies bekam das Familienunternehmen in der Krise 2009 zu spüren. Der Umsatz ist gegenüber dem Ausnahme-Rekordjahr 2008 um 60 Prozent eingebrochen. Es kam zu Kurzarbeit und Stellenabbau, die Firma schrieb rote Zahlen.

Agathon erholte sich aber rasch und ab 2010 ging es wieder aufwärts. Mit der Umsetzung eines Krisenplanes gelang es den heutigen Eigentümern, das Unternehmen erfolgreich und ohne Stellenabbau durch die Wechselkurskrise 2015 zu steuern. Merkle: «Die Produktionskapazitäten sind derzeit voll ausgelastet, und die Auftragsbücher prall gefüllt.» (FS)

Heute, dreieinhalb Jahre später, lehnt sich Merkle im Stuhl entspannt zurück und sagt: «Wir haben die Währungskrise mit dem schwarzen Jahr 2015 überwunden.» Die Produktionskapazitäten seien derzeit voll ausgelastet, die Auftragsbücher prall gefüllt. Der Umsatz habe sich im vergangenen Geschäftsjahr gegenüber 2014 verzweieinhalbfacht und damit das Niveau von vor der Krise wieder erreicht. Auch die Zahl der Mitarbeitenden am Hauptsitz in Bellach sei leicht auf 210 gestiegen. Inklusive den Niederlassungen für den Verkauf und Service in den USA, China und Indien zählt das Unternehmen 230 Angestellte.

«Krise war auch ein Segen»

Diese Rückkehr auf den Erfolgspfad gleicht einem Herkules-Akt, exportiert doch das Unternehmen über 90 Prozent ihrer Schleif- und Lasermaschinen sowie die Präzisionsführungen für den Werkzeug-, Formen und Maschinenbau ins Ausland. Die wichtigsten Märkte sind Europa mit 60 Prozent sowie Asien und die USA mit je 20 Prozent. Mit der Aufhebung der Wechselkursuntergrenze und dem kurzzeitigen Absturz des Euro auf unter einen Franken haben sich die Produkte Schlag auf Fall um 20 Prozent verteuert.

Umgehend habe die Agathon auf den Schleifmaschinen einen entsprechenden Währungsrabatt auf den Verkaufspreisen gewähren müssen. Trotzdem mag Michael Merkle den Turbulenzen auch etwas Gutes abgewinnen. «Im Rückblick war die Krise auch ein Segen», meint er. Wenn alles «okay» sei, sei auch der Wille zur Veränderung wenig ausgeprägt. Manchmal brauche es einen solchen Schock, um Massnahmen nicht nur zu planen, sondern um diese auch einzuführen.

Merkle spricht von einem Krisenplan oder Fitnessprogramm. Kern sei die Umstellung der Fertigung auf eine «Lean Production» gewesen. Dank den kürzeren Produktions- und Reaktionszeiten, dem optimierten Materialfluss sowie reduzierten Leerstandszeiten sei es gelungen, das Fertigungsvolumen auf gleicher Fläche und mit demselben Personalbestand zu verdreifachen. Ferner werde das bereits zuvor eingeführte Zeitmanagementsystem weitergeführt.

Das Personal werde je nach Auslastung eingesetzt, um teure Überstunden zu vermeiden. Zudem kaufe man Teile und Komponenten vermehrt in Euro ein.
Merkle öffnet dazu selbstkritisch eine Klammer. «Anlagebauer wie wir sind dazu gezwungen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Für die Zulieferindustrie ist dies natürlich eine Herausforderung.» Insgesamt aber gebe dieser Strauss von Massnahmen dem Unternehmen die nötige Effizienz, um im globalen Wettbewerb mithalten zu können und den Standort Bellach wirtschaftlich zu sichern. Es sei gelungen, die Krise ohne Stellenabbau durchzustehen.

Solche Sparmassnahmen wären aber ohne eine «mitziehende» Belegschaft nicht durchzusetzen. Deshalb habe man, so Merkle, von Beginn weg auf eine offene Kommunikation gesetzt. Und: «Wir verfolgen das Ziel einer durchgehenden Wertschätzung gegenüber allen Mitarbeitenden in allen Funktionen», erklärt er die Firmenphilosophie. Jede Aufgabe im Unternehmen sei wichtig.

Neues Produkteportfolio

«Wir haben aber nicht nur gespart, sondern auch kräftig in die Forschung und Entwicklung, die Marktbearbeitung und das Marketing investiert», hält der 56-jährige Unternehmer fest. Innerhalb eines Jahres habe man ein komplett neues Portfolio aufgebaut. Zuvor nur auf High-end-Anlagen für die komplexeste Bearbeitung von Teilen spezialisiert, baue Agathon inzwischen auch – ohne Abstriche bei der Qualität – günstigere, weniger komplexe Maschinen, um neue Kundengruppen zu erreichen.

Zudem baue man neu auch Laser-Bearbeitungsanlagen für die Bearbeitung superharter Materialien wie beispielsweise polykristallinen Industriediamanten. Ferner sei die Technologie Industrie 4.0 für den Fertigungsprozess auf den Agathon-Anlagen implementiert. «Unsere zusammen mit externen Spezialisten entwickelte Software kann auf den Anlagen bis zu 300 Daten, beispielsweise für die Produktionssteuerung und die Wartung, auslesen.»

Die entsprechende App melde dem Anlageführer zeitnah Daten über den Status der Produktion, wann muss das Schleifwerkzeug gewechselt werden, wie lange dauert der Fertigungsprozess noch, usw. An der weltweit wichtigsten Messe für die Schleifindustrie, der GrindTec in Augsburg, habe man ernten können. «Wir haben unsere Auftragsbücher füllen können.»

Inzwischen hat sich bei Merkle auch die Rangliste im Sorgenbarometer verschoben. «Das grösste Risiko war in den Vorjahren der starke Schweizer Franken, heute ist es die Personalrekrutierung», berichtet er. Für eine Firma, in welcher alles in einer Genauigkeit von tausendstel Millimeter gefertigt wird, brauche es Fachkräfte. «Und wir brauchen diese Spezialisten, egal woher sie kommen», nimmt er Bezug auf den Inländervorrang bei der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative. «Damit wir uns weiterentwickeln können, dürfen wir nicht einfach die Tür zumachen.»