Lüterkofen

Trend aus Japan: Der Wald wird zum Therapeuten

In Lüterkofen kann man sich neu im Waldbaden ausbilden lassen. Die Methode aus Japan soll gesund machen und uns näher zur Natur bringen.

Auf einem Waldweg oberhalb von Lüterkofen bewegt sich eine sonderbare, schweigende Prozession. Ein dutzend Menschen in farbigen Regenjacken, hintereinander aufgereiht, bewegen sich in kleinen Schritten ganz langsam vorwärts. So lange, bis vom vorderen Ende der Schlange der helle Klang einer Zimbel ertönt. Jasmin Schlimm geht voran. Sie versammelt die Gruppe um sich und gibt kurz darauf mit ruhiger Stimme das Signal zum Weitergehen. «Ich lade dich ein, zu Staunen, die kleinen Dinge um dich herum genau wahrzunehmen.»

Das Handy wird ausgeschaltet

Langsam durch den Wald gehen, ohne etwas zu tun. Was einfach klingt, fällt schwer. Wir sind uns gewohnt, effizient zu sein, keine Zeit zu verlieren. Beim Waldbaden darf und soll man diese Zwänge ablegen. Man hetzt nicht, man spaziert nicht, man schlendert. «Waldbaden ist, mit allen Sinnen zu sich selbst und zur Natur zurückzufinden», so Schlimm. Atemübungen, Yoga oder kleine kreative Projekte fördern dabei die Wahrnehmung. Dieses bewusste Abschalten soll besonders gut für unseren Körper sein, Stress abbauen und das Immunsystem stärken.

Eine feste Routine gibt es dabei nicht, lediglich zehn Schritte wie Schlendern, Rasten, oder Meditation, die man beliebig kombinieren kann. Ein paar Regeln gibt es dennoch: «Wir respektieren den Wald, zerstören nichts, rauchen nicht und schalten unsere Handys aus», erklärt Schlimm.

In Lüterkofen begeben sich die Teilnehmerinnen ins «Solo-Waldbad», setzen sich auf einen Baumstamm oder legen sich kurzerhand ins Laub. Alleinsein und Stille sind beim Waldbaden wichtig, so kann man Gerüche und Geräusche besser aufnehmen. «Wenn wir den ganzen Tag im Büro sitzen, nehmen wir viel weniger wahr als hier in kurzer Zeit im Wald», erklärt Schlimm. «Auch, wenn wir im Wald joggen oder spazieren, haben wir oft anderes im Kopf und können nicht wirklich abschalten.»

Forschungsarbeit und erste Hilfe

Jasmin Schlimm lebt in Deutschland und bildet Kursleiterinnen und Kursleiter im Waldbaden aus. Zum ersten Mal führte sie in der vergangenen Woche eine Ausbildung in der Schweiz durch, mit neun Teilnehmerinnen. Sie wurden im Verlauf des Kurses über ihr Wissen geprüft, mussten ein Waldbad organisieren und eine Arbeit zum Thema verfassen. «Dass am Anfang fast nur Frauen teilnehmen, ist normal», erzählt Schlimm. Die Männer würden sich zu Beginn noch weniger an das Thema herantrauen. Die Kursteilnehmerinnen in Lüterkofen haben verschiedene berufliche Hintergründe, einige arbeiten im Gesundheitsbereich, in Kliniken oder Rehas, eine arbeitet als Kindergärtnerin.

«Waldbaden eignet sich für jedermann, gross und klein, krank und gesund», so Schlimm, die auch Kurse für Waldbaden mit Kindern anbietet.
Da das Erlebnis im Wald auch für kranke Menschen zugänglich sein soll, gehört zum Kurs auch das Thema erste Hilfe. Wer ein Waldbad anleitet, muss mit allen möglichen Situationen zurechtkommen können.

Botenstoffe der Bäume sollen Wunder wirken

Ein Bad im Wald soll den Blutdruck senken und Stresshormone reduzieren. «Zwei Stunden im Wald stärken zudem unser Immunsystem für zwei Tage», so Jasmin Schlimm. Sie empfiehlt mindestens vier Stunden Waldbaden pro Woche. Japanische Forscher weisen den Terpenen, den Botenstoffen der Pflanzen, eine besonders grosse Bedeutung für unser Immunsystem zu. Vor einigen Jahren ist Waldbaden in Europa angekommen, auch hier fanden Forscher erste Hinweise auf eine positive Wirkung. Der erste Kur- und Heilwald Europas befindet sich in Deutschland auf der Insel Usedom.

Auch in der Schweiz soll Waldbaden an Bedeutung gewinnen. Therese Furrer, die in Lüterkofen eine Naturheilpraxis führt und den Kurs organisiert hat, will das Waldbaden weiter praktizieren und ihr Waldstück für Ausbildungen zur Verfügung stellen. Für sie, die auch seit vielen Jahren schamanisch arbeitet, hat der Wald eine grosse Bedeutung. 

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Autor

Alice Guldimann

Alice Guldimann

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