W ir haben die Komfortzone verlassen», sagen Michael Merkle und Stephan Scholze. Sie meinen ihren Schritt in die Selbstständigkeit als Unternehmer. Auf Anfang Jahr haben sie die Maschinenbauerin Agathon AG in Bellach übernommen. Das Unternehmen war zuvor seit 1918 in den Händen der Familie Pfluger, zuletzt wurde es von Walter Pfluger in dritter Generation geleitet. Heute ist der Spezialist für Schleifzentren und Normalien mit über 200 Arbeitsplätzen einer der grössten industriellen Arbeitgeber in der Region. «Die Risiken in der Selbstständigkeit sind hoch, ebenso die direkte Verantwortung für die Arbeitsplätze respektive für die Mitarbeitenden.» Zuvor waren sie «nur» Manager: Der 54-jährige Merkle leitete vor dem Wechsel nach Bellach die Bystronic Laser AG, eine Herstellerin für Laser-Schneidsysteme in Niederönz. Der 45-jährige Scholze sass als Leiter Forschung und Entwicklung schon drei Jahre in der Agathon-Geschäftsleitung.

Die Komfortzone verlassen mussten sie auch aus externen Gründen. Anfang Januar gestartet, waren sie nur zwei Wochen später mit dem Währungsschock konfrontiert. «Nach dem Entscheid der Nationalbank, den Mindestkurs gegenüber dem Euro aufzuheben, mussten wir unser Budget überarbeiten», erinnert sich CEO Merkle. Man habe sofort einen entsprechenden Währungsrabatt auf den Verkaufspreisen für die Schleifmaschinen gewähren müssen. Das verlangte Reaktionen. Die Fertigung sei konsequent auf «lean production» mit kürzeren Produktions- und Reaktionszeiten, optimiertem Materialfluss und reduzierten Leerstandszeiten ausgerichtet worden. Ferner werde das schon zuvor angewandte Zeitmanagementsystem weitergeführt. Das Personal werde je nach Auslastung eingesetzt, um Überstunden zu vermeiden. Zudem beschaffe man sich Vorleistungen wie Teile und Komponenten vermehrt im Euroraum. «Mit diesem Strauss von Massnahmen ist es uns gelungen, trotz hartem Franken wettbewerbsfähig zu bleiben», sagt Merkle. Ein Stellenabbau, Lohnkürzungen oder Kurzarbeit seien kein Thema. Bislang sei es gelungen, das oberste Ziel des ehemaligen Patrons Walter Pfluger zu erfüllen: den Standort Bellach und damit die Stellen erhalten.

Steht eine Auslagerung der Fertigung ins kostengünstigere Ausland nicht zur Diskussion? Die beiden Unternehmer winken ab. «Wenn wir diesen Schritt machen wollten, müssten wir die gesamte Fabrik auslagern.» Das könne keine Alternative sein. «Denn damit würden wir einen Riesenvorteil verlieren», erläutert Forschungs- und Entwicklungschef Scholze. Die Fachkompetenz des Personals sei hier in Bellach unübertroffen. Es sei entscheidend, dass Forschung und Entwicklung am selben Ort wie die Produktion angesiedelt sei. Die enge Verknüpfung sei im Hightechbereich entscheidend. «In unserem Fall müssen wir nur die Passerelle überqueren, und schon sind Entwicklung und Produktion zusammen», sagt er lachend.

Allerdings bleibt die Währung eine grosse Herausforderung. «Wir leiden stark unter dem harten Franken, auch wenn dieser sich inzwischen abgewertet hat», hält Merkle fest. Der Franken sei nach wie vor überbewertet. Im harten Wettbewerb besässen die deutschen und japanischen Konkurrenten einen Preisvorteil. Nicht nur wegen tieferer Kosten, sondern eben auch wegen des Wechselkurses. Bei einem Exportanteil von weit über 90 Prozent ist diese Aussage nachvollziehbar. Hinzu käme die unsichere Entwicklung der Weltwirtschaft: «Das ist Gift für die Investitionsgüterindustrie. Wenn unsere Kunden weniger Aufträge haben, werden Investitionen in den Maschinenpark sofort zurückgestellt», berichtet Merkle.

Einmal sei aber das Potenzial an Effizienzverbesserungen ausgeschöpft. «Die Zitrone ist ausgepresst.» Deshalb setzt man nebst den erwähnten Massnahmen auf die Innovation, wie Scholze ausführt. Die Pipeline an technologisch noch ausgereifteren Schleifmaschinen sei gut gefüllt. «Die perfekte Maschine gibt es nie», sagt der promovierte Physiker. Neue Verfahrenstechniken, neue zu bearbeitende Materialien verlangten stets nach innovativen Bearbeitungszentren; und Verbesserungen in der Programmierung und Bedienung seien immer möglich. Das Echo auf die jüngsten Entwicklungen sei kundenseitig positiv. Dies hätten die Reaktionen an den diese Woche in Bellach erstmals durchgeführten Technology Days gezeigt.

Im Weiteren wurde das Produkte-Portfolio bereinigt. «Wir konzentrieren uns auf die Produktion von Wendeplatten-Schleifmaschinen und Normalien.» Aufgegeben haben die Bellacher die Fertigung von Spitzenlos-Schleifmaschinen. Das sei ein schwieriges projektbezogenes Geschäft gewesen und habe praktisch auf der Einzelfertigung basiert. «Die Wendeplatten-Schleifmaschinen dagegen können wir serienmässig produzieren.»

Insgesamt zeigt sich Merkle zufrieden mit der Geschäftsentwicklung. Volumenmässig sei man gut unterwegs, aber «der Druck auf die Marge ist enorm». Trotzdem erwartet er schwarze Zahlen. Und für das kommende Jahr sind die beiden Patrons noch optimistischer. «Die Nachfrage sollte steigen, und dank unserer technischen Innovationen können wir ganz vorne mit dabei ein.»

Merkle blickt aber über den Tellerrand der eigenen Firma hinaus. «Wir und andere Anlagenbauer können zwar knapp überleben, aber die Zulieferindustrie wird noch mehr leiden.» Bei diesen Wechselkursverhältnissen seien die Maschinenbauer nämlich gezwungen, Vorleistungen im günstigeren Ausland zu beschaffen. Wenn dadurch Zulieferer vermehrt in Existenznöte gerieten, werde auch der berufliche Nachwuchs fehlen. «Und ohne Fachkräfte droht eine Deindustrialisierung in der ganzen Breite.»