Hurghada/Günsberg
Nach Ägypten ausgewandert: Nur noch ein Leben in Terrorangst?

Die ausgewanderte Günsbergerin Chantal Kury macht sich Gedanken über die letzten Wochen in Ägypten. Sie will sich von der Angst vor einem Terroranschlag nicht den Alltag diktieren lassen. Sorgen im Alltag kennt sie allerdings schon.

Chantal Kury* aus Hurghada
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Chantal Kury: «Es geht mir gut in Ägypten, obwohl wir in vieler Augen auf dem Pulverfass sitzen.»

Chantal Kury: «Es geht mir gut in Ägypten, obwohl wir in vieler Augen auf dem Pulverfass sitzen.»

zvg

Seit geraumer Zeit werde ich von unseren Hotelgästen gefragt, ob ich denn nicht in ständiger Angst vor einem Terroranschlag in Ägypten leben würde. Sogar meine Eltern in der Schweiz bekommen hin und wieder Anrufe von besorgten Verwandten und Freunden, ob es mir denn hier auch wirklich gut gehe. Mit den nachstehenden Gedanken möchte ich all diesen Menschen, die an mich denken, erklären, warum es mir in Ägypten gut geht, obwohl wir in vieler Augen auf dem Pulverfass sitzen.

Nach den furchtbaren Anschlägen in Paris und Kopenhagen und Mitte März in Tunesien ist die Furcht vor dem IS und seinem Terror mehr als berechtigt. Kaum ein Tag vergeht, an dem in den Nachrichten nicht von den schlimmen Taten der Islamisten berichtet wird. Es erzeugt bei vielen Menschen Kopfschütteln, dass Europäer freiwillig in einem muslimischen Land leben und arbeiten, wo doch die Menschenrechte mit Füssen getreten werden.

Doch ist es wirklich so? Ich habe gelernt, die Sicht- und Denkweise der Menschen in Ägypten besser zu verstehen, und versuche, dies nicht mit meinen europäischen Wertvorstellungen zu vergleichen. Dennoch gibt es Parallelen zwischen den Menschen hier und denjenigen in Europa. Auch hier wünschen sich die Menschen für sich und ihre Familien ein sicheres Zuhause, ein geregeltes Einkommen und eine Zukunftsperspektive. Doch genau hier fangen auch schon die Probleme an. Eine sichere Zukunft gibt es in den arabischen Staaten nur für die Kinder, die das Glück hatten, in eine Familie der Oberschicht hineingeboren zu werden.

Geregeltes Einkommen hat nur, wer Glück und Geld hatte, eine Ausbildung zu geniessen oder gar zu studieren. Für ein paar hunderttausend Ägypter mag das wohl sogar zutreffen. Doch für zig hunderttausend andere bleibt nur ein karges Leben von der Hand in den Mund oder gar ein Leben auf der Strasse. Soziale Ungerechtigkeiten und Ausgrenzung sind der ideale Nährboden für Islamismus. Oft hörte ich diese Binsenweisheit in den westlichen Nachrichten, doch verstehen kann ich diese Aussage erst, seitdem ich mit eigenen Augen sehe und erlebe, wie sich Menschen fühlen, die nie eine Chance auf ein besseres Leben hatten und haben.

Vor zwei Jahren, kurz vor Präsident Mursis Sturz, wurde ich einmal auf der Strasse von einem Jungen in ärmlichen Kleidern beschimpft und angerempelt. Er sah in mir eine reiche weisse Frau, der es hier gut geht, sich alles leisten kann, während seine Familie in einer Bretterbude hinter der Sheraton Road in Hurghada hausen muss. Solches passierte damals öfter, nicht nur mir. Vor allem auf die Strassenkinder wirken wir Europäer mit unserem vermeintlichen Reichtum wohl sehr provozierend. Mir tat dieser Vorfall im Nachhinein leid, obwohl ich mir den Knaben unmittelbar danach gerne geschnappt hätte. Da stellt sich die Frage: Ist ein solches Kind nicht das einfachste und dankbarste Opfer für die Menschenfänger des IS? Ein Kind, das schon früh hört, dass an seiner Not Fremde schuld sein sollen, wird als Jugendlicher und Erwachsener nicht anders denken.

Ich denke und hoffe, dass diese Probleme von den Regierungen im Nahen Osten erkannt werden; gerade Ägypten kämpft erbittert gegen die Islamisten im eigenen Land. Doch um die sozialen Missstände auszugleichen, braucht es viel mehr Zeit. Präsident Al Sisi hat mit den Plänen der neuen Hauptstadt Kairo eine grosse Überraschung gelandet und vielen neue Impulse und Hoffnung gegeben. Die Einladung von Bundeskanzlerin Angela Merkel, nach Deutschland zu kommen, ist ebenfalls ein grosser Lichtblick für alle. Doch je mehr sich Ägypten wieder dem Westen nähert, umso grösser wird die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Islamisten gegen Al Sisi verschwören. So realistisch müssen wir leider sein.

Für unseren Alltag gilt: Hinter jedem Stromausfall oder hinter lärmigen Tumulten in der Stadt gleich einen Anschlag zu vermuten, ist nicht der richtige Ansatz. Es ist in Ordnung, dass Hurghada sich mit Militär und riesigem Polizeiaufgebot schützt. Es ist auch gut, dass die Luftwaffe regelmässig Kontrollpatrouillen über das Rote Meer fliegt. Doch die Angst vor einem Terroranschlag darf uns nicht den Alltag diktieren, nicht unser Leben bestimmen. Sonst ist es wirklich nicht mehr lebenswert hier. Ich habe die Angst aus meinen Gedanken verbannt. Ich kann den Terrorismus selber nicht bekämpfen, aber ich kann vermeiden, dass er im Alltag zum alles übergreifenden Thema wird.

Mir machen im Alltag eher die vielen Kinder, die von ihren Eltern oder Verwandten auf Diebes- und Betteltouren geschickt werden, Sorgen. Statt in der Schule lernen zu können, wird ihnen eingebläut, dass die Ausländer schlecht seien und es verdienen, betrogen und beraubt zu werden. Denkt man darüber nach, kommt man zum Schluss, dass Ägypten ein staatliches, gut geführtes Schulsystem und motivierte Lehrer viel nötiger hätte als eine neue Hauptstadt. Die Kinder sind unsere Zukunft. Auch diejenigen unter ihnen, die jetzt noch ausgegrenzt werden.»

*Chantal Kury lebt seit 2009 in Ägypten und arbeitet als Kindergärtnerin in einem Fünf-Sterne-Hotel in Hurghada.

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