Kindertheater
Von bedrohten Blumenwiesen und frechen Vogelscheuchen: Die Kindertheaterwoche in Zuchwil

Im Schulhaus Pisoni findet zum neunten Mal die Kindertheaterwoche statt. Dieses Jahr lautet das Thema «Im Garten»: In der Turnhalle stehen Vogelscheuchen, im Musikzimmer spriessen Blumen - doch die Idylle ist trügerisch. 30 Kinder leben sich kreativ aus und lernen dabei das Miteinander.

Anja Neuenschwander
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Mehr Emotionen, mehr Action! Theaterpädagogin Manuela Glanzmann zeigt es vor.

Mehr Emotionen, mehr Action! Theaterpädagogin Manuela Glanzmann zeigt es vor.

Hanspeter Bärtschi / Solothurner Zeitung

Dumpfe Bässe ertönen aus der Turnhalle des alten Pisoni-Schulhauses in Zuchwil. Eine Gruppe von Kindern steht im Kreis in der Halle. «Und schütteln!», ruft Sabine Pfluger – alle schütteln sich zur Musik.

Die Kinder, die sich in der Turnhalle austoben, nehmen an der Kindertheaterwoche der Schulen Zuchwil teil. Viele von ihnen nicht zum ersten Mal: «Wir haben ganz viele Stammkunden», sagt Theaterpädagogin Manuela Glanzmann lachend. Die meisten von ihnen kämen aus Zuchwil, es haben sich aber auch Kinder aus anderen Gemeinden angemeldet.

30 Theaterinteressierte studieren dieses Jahr vom 18. bis am 22. Oktober verschiedene Szenen zum Thema «Im Garten» ein. Sie sind nach Alter in drei Gruppen aufgeteilt, die abwechslungsweise mit einem der drei Pädagogen eine Szene erarbeiten. Jeder von ihnen hat seine ganz eigene Art, den Kindern das Theaterspielen näherzubringen.

Die Kinder sollen aus Muster ausbrechen

Bei Tanzpädagogin Sabine Pfluger geht es nach dem Schütteln genauso aktiv weiter: Die Gruppe spielt das Marionettenspiel. Jemand ist die Künstlerin oder der Künstler und darf eine Vogelscheuche so formen und platzieren, wie er will.

Doch was, wenn die Vogelscheuche plötzlich nicht mehr mitmacht und ein Eigenleben entwickelt? Anfangs bewegen sich die lebendig gewordenen Vogelscheuchen etwas zögerlich. Dann werden sie immer frecher und beginnen sogar, dem Künstler davonzutanzen. Pfluger erklärt:

«Die Kinder sollen sich selbst in einer anderen Rolle erleben und aus Mustern ausbrechen.»

Ein Stockwerk tiefer steht eine Blumenwiese in der Morgensonne. An der Wand hängt ein Regenbogen, sanfte Blasmusik ist zu hören. Dann zerstört ein Motorengeräusch die Idylle – ein Bagger kommt angerattert und will auf der Wiese ein Einkaufszentrum errichten. Die Tiere sind verzweifelt: «Oh nein, mein Laubhaufen!», ruft der Igel. «Wo sollen wir denn jetzt leben?», fragt der Hase. «Halt!», unterbricht Manuela Glanzmann die Vorführung. «Das gefällt mir noch nicht. Es braucht mehr Emotionen. Ich will, dass ihr wirklich Angst habt um euer Zuhause.» Also nochmals von vorne.

Tanzpädagogin Sabine Pfluger erklärt das Marionettenspiel.
12 Bilder
Noch machen die Vogelscheuchen mit, bald schon tanzen sie davon.
Im Musikzimmer des Pisoni-Schulhauses steht eine prächtige Blumenwiese.
Was sollen die Tiere bloss tun? Manuela Glanzmann stellt die Verzweiflung dar.
Die Tiere haben einen Einfall.
Das mutige Eichhörnchen verpasst dem Baggerfahrer eine Lektion.
Die Kinder in der jüngsten der drei Gruppen hören Joseph Nicolet aufmerksam zu.
«Wer will noch ein Vogel sein?»

Tanzpädagogin Sabine Pfluger erklärt das Marionettenspiel.

Hanspeter Bärtschi / Solothurner Zeitung

Als die Theatergruppe an diesem Morgen zusammenkam, stand erst fest, dass es um eine Wiese gehen soll. Jedes Mitglied konnte dann einen Teil zur Geschichte beitragen. So kommt es, dass ein mutiges Kampfeichhörnchen, unter Beifall der anderen Tiere, den selbstgefälligen Baggerfahrer in Slow Motion überwältigt. Während der Proben kommen immer wieder neue Ideen auf, die mit einbezogen werden können. «Je weniger Material wir den Kindern geben, desto einfacher können sie daraus etwas machen», sagt Glanzmann.

«Ich bewundere immer wieder ihre Spontanität und ihr kreatives Denken.»

Die Kleinsten üben ihre Szene im Zimmer nebenan ein. Es geht gerade um die Rollenverteilung: Einige der kleinen Schauspieler wollen ihre Rollen in der vorher ausgedachten Szene plötzlich wieder wechseln. «David ist ein Vogel. Wer will sonst noch ein Vogel sein?», fragt Theaterpädagoge Joseph Nicolet.

«Ich möchte lieber ein Hund sein», klingt es von rechts. «Und ich will nicht schon wieder eine Vogelscheuche spielen», hört man von ganz vorne. Das ist ein Problem: In der ursprünglichen Szene gab es mindestens zwei Vogelscheuchen und weniger Hunde. «Dann brauchen wir wohl eine neue Idee», sagt Nicolet. «Jetzt gehen wir aber zuerst in die Pause.» Schon stürmen die ersten Kinder zur Tür hinaus auf den Pausenplatz.

Perfektionismus ist fehl am Platz

Genau solche Situationen seien die grösste Herausforderung in der Theaterwoche, meint Nicolet: Man müsse die Balance zwischen Spass und Effizienz finden. «Die Zeit sitzt uns im Nacken», fügt Glanzmann an. Am Freitag wolle man ja etwas präsentieren können.

«Man muss seinen Perfektionismus vergessen. Wir wollen mit den Kindern auf ihrem Level arbeiten und ihnen nicht ‹reinpfuschen›.»

Das Thema legen die Pädagogen jeweils im Vorfeld fest, der Rest ergibt sich während der Theaterwoche. Manchmal entstehe dabei ein Stück mit gut erkennbarem rotem Faden, manchmal werde es eher eine Szenencollage.

Am wichtigsten sei es, die Freude am Theaterspielen zu wecken und den Kindern die Gelegenheit zu bieten, neue Freundschaften zu schliessen. «Wir möchten Kindern, die es sonst im Alltag vielleicht nicht so einfach haben, zeigen, dass es beim Theaterspielen kein richtig oder falsch gibt», sagt Glanzmann. «Ohne Wertung und ohne Leistungsdruck», ergänzt Pfluger. Dann müssen die Pädagogen weitermachen – die Pause ist vorbei und die Aufführung rückt näher.

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