Derendingen

Ein Dorf im Umbruch – ein Gemeindepräsident mittendrin: Kuno Tschumi im Interview

Derendingens Gemeindepräsident Kuno Tschumi verdeutlicht die «Wäscheleine» zwischen dem Kreuzplatz und dem Dorfzentrum. Auf diesem Abschnitt wird in den nächsten Jahren das Dorf entscheidend entwickelt.

Derendingens Gemeindepräsident Kuno Tschumi verdeutlicht die «Wäscheleine» zwischen dem Kreuzplatz und dem Dorfzentrum. Auf diesem Abschnitt wird in den nächsten Jahren das Dorf entscheidend entwickelt.

Derendingens Gemeindepräsident Kuno Tschumi hat die Jahre der Umwälzungen ganz nah miterlebt. Welches war und ist seine Rolle?

Im Sommer 2021 wird Derendingens Gemeindepräsident Kuno Tschumi nach fünfzehneinhalb Jahren Präsidium zum Ende der Legislatur zurücktreten. In dieser Zeit hat Derendingen einen grossen Wandel durchgemacht, der noch nicht abgeschlossen ist. Mitten drin der 68-Jährige. Sieht heute das Dorf so aus, wie er es erhoffte?

Kuno Tschumi, Ihr Vorgänger hat sie sieben Monate lang zappeln lassen, bevor Sie nach Ihrer Wahl das Amt antreten durften. Werden Sie wirklich im Sommer 2021 abtreten?
Kuno Tschumi: In unserer Gemeindeordnung ist nicht festgeschrieben, wann die Präsidentschaft endet. Dann wäre es am Ende des Kalenderjahrs.

Aber Sie werden schon im Sommer aufhören?
Kommt darauf an, wie sie sich verhalten. Nein, Spass beiseite. Ganz genau ist es nicht definiert. Wenn Du im Flow bist, zeigt sich automatisch die richtige Lösung.

Zu Ihrer noch laufenden Regierungszeit. Fühlten Sie sich nicht oft gar machtlos?
Nein.

Also das Gegenteil?
Ich bin ein Freund von Aphorismen: Macht hast Du erst, wenn Du keine Macht ausüben musst. Ich habe das Amt bisher immer als Geschenk angeschaut und als Verpflichtung den Mitbürgern gegenüber, die mir das Vertrauen schenken. Ich begegne ihnen mit grossem Respekt. Mich sehe ich als Koordinator der Dinge, die sich abzeichnen. Die Chance präsentiert sich und das Kunststück ist es, die Chance zu sehen und für diese zu gehen.

Derendingen entwickelt sich vom Dorf zum Dienstleistungszentrum. Wollten Sie das, oder hat es sich einfach ergeben?
Das hat sich einfach so ergeben. Als Krebs bin ich auf Häuslichkeit, Sicherheit und Harmonie bedacht. Im Aszendent bin ich aber Wassermann. Das ist der, der immer viel Mühe hat und dem es weh tun muss. Überall, wo ich bisher hinkam, bin ich in eine Veränderungsphase hineingelaufen. Mein früheres Büro wurde zweimal umstrukturiert, auf der Amtsschreiberei erlebte ich eine Zusammenlegung.

Und in Derendingen?
Als wir eine Zustandsanalyse der Gemeindeliegenschaften machten, haben wir gesehen, dass die Kosten hoch sind, wenn wir diese in Schuss halten wollen. Und danach werden sie nach wie vor unpraktisch sein. Wir würden gescheiter etwas Neues bauen.

Dann sind Sie durchgestartet?
In den 1970er Jahren haben meine Vorvorgänger das Dorf aus der Feierabendverwaltung geholt und die Strukturen professionalisiert. Das Schulhaus im Dorfzentrum und ein Werkhof wurden gebaut. Und die Bürgergemeinde hat Erholungsgebiete und Spielplätze gebaut. Das hat Derendingen sehr weitergebracht.

Dann war es wieder soweit?
Ja, 40 Jahre später wurde wieder ein ähnlicher Schritt nötig. Dann gibt es aber auch Zufälle. Der Kanton gestaltet die Emme im Hochwasserschutzprojekt um und baut die Hauptstrasse mit Kreuzplatz neu.

Und Ihr Anteil?
Ich sehe die Chancen, die in diesen Projekten liegen. Wir haben glücklicherweise noch Migros, Coop, Denner und Ärzte im Zentrum. Die Chance müssen wir nutzen. Die neue Raumplanung verlangt ein verdichtetes Bauen. Also stehen wir zu unserer Rolle. Wir werden nicht mehr ein Einfamilienhausdorf werden. Wir sind ein Dienstleistungszentrum. Das macht uns auch attraktiv für Menschen ohne Auto. Innerhalb von drei bis fünf Minuten gehen die Leute zu Fuss einkaufen. Wenn sie das Auto nehmen müssen, gehen sie gleich weiter in ein Shoppingcenter oder nach Solothurn.

Da bildet die Emme eine natürliche Grenze?
Als wir die Fusion Top 5 diskutierten, merkten wir, dass wir ennet der Emme etwas belächelt wurden in diesem Projekt. Nice to have, aber kein must. Top 5 hat unsere Position geschärft. Wir fragten uns, wo wir wirklich hingehören. Dann kamen die Wasserämter und sagten: Wir haben so viel miteinander, die Schule, den Zivilschutz etc. Jetzt wollt ihr zu den Solothurnern gehören? Wir haben auf euch gezählt. Ja, das stimmt. Nun richten wir uns darauf aus.

Derendingen als Motor des Wasseramts?
Der Kreuzplatz war schon im Mittelalter ein Wegkreuz des Ost-West- und des Nord-Süd-Verkehrs. Hier wurde früher Wegzoll erhoben. Derendingens Zentrum wirkt als Motor. Blickt man zurück, bestand Derendingen aus dem alten Teil, dem Bauerndorf, dem Kanal, an dem die Industrialisierung des Kantons begann, und dem zwei Kilometer entfernten Industrieteil. Dazwischen war nichts. Das Dorf begann zusammenzuwachsen, und das Neue wurde in die freien Flächen dazwischen gebaut: Die Kirche, die Schule, das Verwaltungsgebäude. Einfach etwas ungeordnet. Jetzt bringen wir da Ordnung hinein.

Die hohen Investitionen bergen Risiken. Alleine «Derendingen Mitte» mit Schulzimmern, Turnhallen, etc. wird über 30 Jahre lang jährlich einen Abschreiber von 1 Mio. Franken erfordern. Droht das finanzielle Chaos?
Es wird auch weiter gut laufen. Wir sind zwar einer der grössten Nehmer im kantonalen Finanzausgleich, aber wir haben die Schulden in meiner Zeit von 30 auf 8 Mio. Franken abbauen. Der Finanzplan zeigt klar auf, dass wir rund vier Jahre lang mit Defiziten rechnen müssen. Dann geht es aber wieder aufwärts.

Versprühen Sie nicht zu viel Zuversicht?
Was wir etwas unterschätzt haben, sind die Folgeinvestitionen. Die Feuerwehr will etwas, den Werkhof sollte man vergrössern, aber wir haben gesagt stop. Wir können nicht alles miteinander machen. Jetzt dürfen wir das Fuder nicht überladen.

Auch mit den Bauten geht es im wahrsten Sinne des Wortes aufwärts. Im Emmenhofareal und beim Steinmattportal beispielsweise.
Und beim Kreuzplatz will der Kanton auch ein hohes Gebäude bauen, als Gegenpol zum bestehenden Hochhaus an der Emme. Dann haben wir beim Kreuzplatz einen Pfeiler und hier im Zentrum einen zweiten, und dazwischen die sogenannte «Wäscheleine». Der Kanton riet uns eine Dorfkernplanung für dieses Gebiet zu machen. Das haben wir gemacht. Wir wollen keine Schlucht, sondern verschiedene Häuserhöhen. Altes soll neben neuem Platz haben.

Welche alten Gebäude?
Beispielsweise hier im Zentrum das Raiffeisengebäude, die beiden Kirchen und das Verwaltungsgebäude. Sie werden als einzeln wahrnehmbare Bauten bestehen bleiben. Der Rest wird zu einem grossen Platz mit einer Flucht an der Hauptstrasse und einer neuen Flucht mit dem Neubau und dem bestehenden Schulgebäude.

Dorf im Umbruch: Im Emmenhof-Areal wird Platz für viele Leute geschaffen. Ist das nicht eine Nummer zu gross geworden?
Ja, es werden viele Menschen Platz haben, aber erst im Endausbau. Aktuell wird die erste Etappe geplant. Wenn die Wohnungen Anklang finden, folgt die nächste Etappe mit einem neuen Architekten. Die Raumeinteilung wird jeweils auf die aktuellen Bedürfnisse abgestimmt.

Was ist das grosse Plus der neuen Siedlung im Emmenhofareal?
Dort werden mit der Zeit 300 Wohnungen entstehen. Das vermindert den Verkehr, wenn die Menschen so nah beim Zentrum wohnen können. Und auf der anderen Seite der Emme erhalten wir neu ein Naherholungsgebiet.

Und Arbeitsplätze?
Wir haben nie viele Arbeitsplätze gehabt. Aber die Arbeiter aus dem Attisholz, aus der Scintilla Zuchwil oder der Papieri in Biberist wohnten hier. Wir hatten die Arbeiterhäuser, die sich später entleerten. Heute hoffen wir in dem Sinne auf den gleichen Effekt, das Mitarbeiter von Biogen auch in Derendingen wohnen werden. Zudem leben heute viele Leute in Derendingen, die im Dienstleistungssektor arbeiten. Ärzte, Pfleger, Betreuer etc.

Sie fühlen sich nicht machtlos, Sie verstehen sich als Koordinator. Ist der Plan aufgegangen?
Bis jetzt schon. Wir sind eine Art Pilotgemeinde im Kanton in der Frage, wie weit man mit verdichtetem Bauen gehen kann. Wenn nicht bei uns, wo dann sonst? Die neuen Wohnungen gehen gut weg. Aber Probleme gibt es mit den Altbauten. Dort wird es niedrigpreisige Wohnungen geben und dort wird unser Ausländeranteil von 30 Prozent künftig stattfinden.

Und wie reagieren die Einwohner?
Vor allem ältere Leute fragen sich vielleicht, was mit ihrem Dorf geschieht. Aber wir haben genau geschaut, welches die sensiblen Bauten sind, die für die Dorfidentität wichtig sind, und die wir nicht einfach wegräumen wollen. Nur die Bauten, bei denen zu lange nichts gemacht wurde, werden ersetzt.

Und bei dieser Gelegenheit wird verdichtet.
Das bringt Chancen, beispielsweise die Ärztepraxis, die kurz vor der Auflösung stand. Wir konnten sie vor einem Abgang aus Derendingen bewahren. Sicher drei Mal wollten sie schon weg, hatten andere Projekte im Fokus, und immer wieder ist es mir gelungen, sie zu halten. Jetzt haben sie unterschrieben. Das ist meine Aufgabe.

Und die ist?
Ich richte mich immer nach den Chancen. Wir brauchen eine anständige Infrastruktur für die 6500 Einwohner. Wissen Sie: viele Einwohner sagen oft, es sei nicht schön in Derendingen –aber praktisch.

(Nach der Verabschiedung, draussen auf dem Parkplatz kommt Kuno Tschumi nochmals aus der Verwaltung und sagt:)

Ich höre oft von Gemeindepräsidenten aus der Nachbarschaft, wir wollten unbedingt wachsen. Aber das stimmt nicht. Das Wachstum wird vom Bedarf gesteuert. Das müssen Sie auch noch schreiben.

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