Derendingen
Gemeinderat denkt in der Alterspolitik zwanzig Jahre voraus

Derendingen, Luterbach und Deitingen streben im Pflegesektor eine Zusammenarbeit an.

Patric Schild
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Wie sieht das Tharad, Zentrum für Pflege und Betreuung, in zwanzig Jahren aus?

Wie sieht das Tharad, Zentrum für Pflege und Betreuung, in zwanzig Jahren aus?

Hanspeter Baertschi

Eine Gemeinde ist nach Sozialgesetz dafür verantwortlich, dass das Leben im Alter sichergestellt wird. «Wie sie das macht, ist jeder selber überlassen», erklärt Derendingens Gemeindepräsident Kuno Tschumi. Viele Gemeinden hätten dies beispielsweise an einen Spitexverein ausgelagert. Dasselbe gilt für die Pflege im Alter, auch hier steht die Gemeinde in der Pflicht. Hierfür betreiben etwa Derendingen und Luterbach zusammen das Pflegezentrum Tharad.

Im Falle des Spitexvereins hatte jener von Luterbach bekannt gegeben, dass er Ende 2021 seinen Betrieb einstellen wird. Die Einwohnergemeinde Luterbach hat anschliessend bei den umliegenden Gemeinden und Pflegeorganisationen Angebote eingeholt – auch beim Spitexverein Derendingen-Deitingen. Für Luterbach sei jedoch nicht das günstigste Angebot für einen neuen Leistungsvertrag im Vordergrund gestanden.

Vielmehr sollte die Situation genutzt werden, um über die längerfristige Entwicklung im Pflegesektor aus politischer Sicht nachzudenken. Luterbachs Gemeindepräsident, Michael Ochsenbein, habe dabei die drei Gemeinden Deitingen, Derendingen und Luterbach aufgrund der bereits bestehenden Kooperationen als naheliegende Gesprächspartner erachtet.

Dies war der Startschuss für eine Arbeitsgruppe, bestehend aus Gemeindepräsidenten und Ressortverantwortlichen. Als Expertenunterstützung wurde die Beratungsfirma Pricewaterhouse Cooper (PwC) hinzugezogen. Zudem haben auch Gespräche mit den Verantwortlichen der ambulanten (Spitex) und stationären Betriebe (Tharad) stattgefunden.

«Betreutes Wohnen wird rasant zunehmen»

Die Frage lautet nun, wohin die Reise gehen soll. Fest stehe, dass das heutige Modell in Zukunft nicht mehr «verhebe» werde. Dies nicht zuletzt aufgrund des demografischen Wandels. Insbesondere das Betreute Wohnen sei jenes Segment, das rasant zunehmen werde.
Von Seiten der operativen Player Spitex und Tharad seien die Rückmeldungen noch eher verhalten bis ablehnend gewesen.

Für Tschumi liege es nun am Gemeinderat, in einer nächsten Phase die Weichen für die Zukunft zu stellen, und zwar im Interesse der Einwohnerinnen und Einwohner. «Die Bevölkerung erwartet von uns, dass wir ihnen etwas präsentieren, das die Leute im Dorf in 20 Jahren betrifft und nicht etwas, das diesen oder jenen Betrieb jetzt im Moment vermeintlich rettet», so Tschumi. Die Entwicklung werde auf jeden Fall weitergehen und der Trend sei klar, rund um das Betreute Wohnen werde ein neuer Markt entstehen. «Wenn wir es nicht machen, macht es jemand anderes», sagt der Gemeindepräsident. Weitere Akteure seien bereits im Anflug.

Marschhalt oder Projekt Intensivieren?

50'000 Franken hat das Projekt bisher die drei Gemeinden gekostet. Die nächste Phase koste 60'000 Franken für die externe Begleitung und nochmals 50'000 Franken für den Businessplan der zukünftigen Organisation. Die Aufteilung der Kosten erfolgt nach Einwohnerzahl. Da Derendingen in etwa so gross wie Luterbach und Deitingen zusammen ist, übernimmt sie rund die Hälfte der Kosten. Gemäss Fahrplan soll an der Gemeindeversammlung im Herbst 2021 das notwendige Budget und im Frühling 2022 die Errichtung der neuen Organisation beantragt werden.

Für Patrick Reinhart ist der wichtigste Punkt, dass das Projekt noch keine konkrete Umsetzung, sondern erst eine vertiefte Abklärung sei. «Wir würden hier eine grosse Chance vergeben, wenn wir das jetzt abbrechen.» Anders sah dies Urban Cueni. Er plädierte für einen Marschhalt. Das Projekt soll als erste Priorität in die neue Legislatur unter dem neuen Gemeinderat genommen werden, und auch die operativen Player sollen wieder in den Prozess eingebunden werden. «Die einzigen Player im Augenblick sind die Politiker», entgegnete Tschumi. Andernfalls verliere man wertvolle Zeit vor allem Luterbach, welche einen Entscheid benötige.

«Wir vergeben uns nichts, aber erarbeiten uns eine Entscheidungsgrundlage», sagte Roger Siegenthaler. Man müsse das Projekt intensivieren, um eine Basis für einen Entscheid zu generieren. Aktuell sei ein solcher nicht möglich. Vor allem liege dann aber auch ein Businessplan mit konkreten Kosten vor. «Jetzt, nachdem wir Fahrtwind aufgenommen haben, ist der Moment, um das Unterfangen zu vertiefen.» Dies sah auch eine grosse Mehrheit des Rates und stimmte für die Weiterführung des Projektes.

Das Ende einer politischen Ära

Eine historische Sitzung, nannte Gemeindepräsident Kuno Tschumi das letzte Zusammenkommen des Gemeinderates in der Legislaturperiode 2017–2021. Sie kennzeichne das Ende eines politischen Systems. Zu Tschumis politischen Anfangszeiten in den 80er-Jahren habe der Gemeinderat noch aus 23 Mitgliedern bestanden. Sukzessiv sei dieser verkleinert worden. Zuerst auf 17 und anschliessend auf 11 Gemeinderätinnen und -räte. Bisher floss alles über das Gemeindepräsidium an die Ratsmitglieder und wieder zurück. Dies sei seit Anbeginn in Derendingen gang und gäbe gewesen. Da Reglementierungen, Strukturierungen sowie Aufgaben aber stetig wachsen, entschloss die Gemeinde bekanntlich, das System zu reformieren. Daher gilt ab der neuen Legislatur das Ressortsystem mit noch sieben Gemeinderäten. Es war aber nicht nur die letzte Sitzung der laufenden Legislatur, sondern auch für den scheidenden Gemeindepräsidenten. Rund 16 Jahre lang leitete Tschumi die Geschicke der Wasserämter Gemeinde. In seiner Abschlussrede liess er seine präsidiale Amtszeit nochmals Revue passieren. Mit Standing Ovation wurde Tschumi von den übrigen Ratsmitgliedern verabschiedet.

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