Riedholz/Derendingen
«Das Sterben ist viel stärker ins Bewusstsein gerückt»: Was der Pfarrer Stucki in der Coronakrise erfahren hat

Der Derendinger Pfarrer Samuel Stucki erzählt in einem Interview von seinen Erfahrungen im Zusammenhang mit der Coronakrise.

Urs Byland
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Pfarrer Samuel Stucki: «Gespräche haben an Tiefe gewonnen.»

Pfarrer Samuel Stucki: «Gespräche haben an Tiefe gewonnen.»

Solothurner Zeitung

Samuel Stucki, es hat mich erstaunt, dass ich Sie gleich erreiche. Ich vermutete, Pfarrpersonen hätten aktuell viel Arbeit?

Samuel Stucki: Ich habe im Dezember viel zu tun, das stimmt; aber das Planbare habe ich vorbereitet. Was täglich neu dazukommt, kann ich so gut bewältigen.

Haben Sie in diesen Wochen nicht auch zusätzlich viele Beerdigungen?

Ich kann jetzt nur für mich reden: Es hat nicht mehr Beerdigungen als in anderen Jahren zu dieser Jahreszeit. Im November, Dezember und Januar häufen sich die Todesfälle in jedem Jahr. Auch meine Kolleginnen und Kollegen bestätigen mir dies.

Hatten Sie darunter auch Coronafälle?

Ja. Eine Person ist direkt an Corona verstorben. Im anderen Todesfall hat man im Nachhinein noch bei einem Test herausgefunden, dass diese Person das Coronavirus in sich hatte. Verstorben ist sie durch eine andere Ursache. Statistisch gesehen ist diese Person also ein Toter «im Zusammenhang» mit Corona, wie es in der Statistik heisst.

Welche Erfahrungen haben Sie als Pfarrer und Seelsorger im Zusammenhang mit der Coronakrise gemacht?

Ich hatte eingehenden Kontakt mit zwei Familien mit Coronafällen. Daneben habe ich viele Kontakte zu Menschen, vor allem in Trauergesprächen und in der Seelsorge. Dabei stelle ich fest: Das Sterben und die Auseinandersetzung mit dem Tod ist bei den Menschen viel stärker ins Bewusstsein gerückt. Da hat in dieser Zeit eine Entwicklung stattgefunden.

Welche Entwicklung hat stattgefunden?

Die Gespräche haben sich verändert, sie haben an Tiefe gewonnen. Ich gehe ja immer zu den Menschen nach Hause. Den Menschen ist es wichtig, dass jemand zu ihnen kommt und ihnen in dieser Zeit Verlässlichkeit signalisiert und gibt.

Wie haben die Angehörigen reagiert in den von Ihnen erwähnten zwei Fällen? Wurde mit dem Schicksal gehadert?

In beiden Fällen waren es grosse Familien. Es wurde nicht gehadert oder Vorwürfe erhoben. Ich stelle eine grosse Unkompliziertheit fest bei den Menschen, wenn ihnen Vertrauen entgegengebracht wird.

Und bei den Vorbereitungen für die Beerdigungen?

Die Gespräche verlaufen lösungsorientiert. Aktuell ist die Teilnehmerzahl an Beerdigungen ja stark eingeschränkt. Dies führt dazu, dass mit grosser Ernsthaftigkeit geschaut und ausgewählt wird, wer am Ritual teilnehmen kann. Dabei entwickeln die Menschen viel Eigeninitiative und es entstehen sogar neue Ausdrucksformen von Spiritualität.

Inwiefern?

In einem Todesfall war die Beschränkung auf 30 Personen schwierig einzuhalten. Deshalb wurde in der Todesanzeige darum gebeten, während der Trauerfeier zu Hause eine Kerze anzuzünden und dem Verstorbenen zu gedenken. Als Pfarrer habe ich im Gebet diese Menschen in die Abschiedsfeier einbezogen.

Eine schöne Idee.

Ja, und sie entspricht dem urchristlichen Verständnis, dass die Spiritualität und damit verbundene Rituale bei den Menschen verankert sein sollten: Dort, wo sie leben und wohnen. Religion braucht beides: Einen Ort, an dem sich die Gemeinschaft treffen kann und die Initiative, den Glauben auch da zu leben, wo gelebt wird.

In der Schweiz sterben mehr Menschen im Zusammenhang mit dem Coronavirus als in vielen anderen Ländern. Ist das ein Thema angesichts des Todes?

Nein, das ist kein Thema.

Was hat sich im Vergleich zur ersten Welle im Frühling verändert?

Im Frühling, als die Pandemie begann, konnten die Leute oft gar nicht mehr richtig Abschied nehmen. Wir wurden als Seelsorger und Trauerfamilien regelrecht überrumpelt. Heute sehe ich, dass der persönliche Kontakt bei den Trauernden noch wichtiger wurde.

Warum?

Den Grund sehe ich unter anderem im Umstand, dass Vieles aus dem Alltag ins Internet und die virtuelle Welt abwandert. Fast alles lässt sich heute über das Internet abwickeln. Doch es bleibt bei den Leuten ein Bedürfnis zurück nach direktem Kontakt und direkter Nähe.

Was hat sich in den letzten Monaten noch verändert?

Besonders stelle ich fest, dass das Nachfragen nach Beistand und Beratung rund ums Sterben gewachsen ist. Menschen spüren, dass sie durch die digitalisierte Welt seelisch nicht genährt werden. Der persönliche menschliche Kontakt will eben auch gepflegt werden. Als Seelsorger ist dies meine wertvolle Aufgabe, die nie aus der Mode kommen wird.

Samuel Stucki

Samuel Stucki war 21 Jahre Pfarrer im Unteren Leberberg. Auf den 15. März 2020 hat er eine neue Stelle in der Reformierten Kirchgemeinde Wasseramt angetreten und arbeitet in der Gemeinde Derendingen als Pfarrer und Seelsorger. Nun wird er per Mitte März 2021 mit seiner Pflegetochter nach Derendingen zügeln. Samuel Stucki ist 55 Jahre alt.

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