Petra Späti

Auch nach 46 Jahren wurde das Unterrichten nicht langweilig: «Die Kinder sind immer anders»

Petra Späti im Schulhaus Luterbach, in dem sie 46 Jahre lang unterrichtete.

Petra Späti im Schulhaus Luterbach, in dem sie 46 Jahre lang unterrichtete.

Petra Späti hat 46 Jahre lang in Luterbach Dritt- und Viertklässler unterrichtet. Jetzt ist sie pensioniert.

«Ich bin eine Bärenfrau.» Die pensionierte Primarschullehrerin blickt mit Stolz auf ihre Teddybärenschar im Wohnzimmer. «Mein Göttibub hat gezählt und bei 100 aufgehört. Und auch meine Heimatstadt Berlin hat einen Bären im Wappen.» Nur einer trägt einen Namen, «Moorli» aus dunklem Schaffell, den sie auf einer Klassenreise von einem alten Mann in Adelboden erwarb. Späti hat 46 Jahre am gleichen Ort und grösstenteils im gleichen Gebäude an der Primarschule in Luterbach immer Mädchen und Buben der dritten und vierten Klasse unterrichtet, mit einer Ausnahme, als sie eine zweite/dritte Klasse übernahm.

Das sei doch langweilig, hätte man ihr immer wieder bedeutet, das sei doch immer das Gleiche. «Das stimmt. Es ist das Gleiche, aber die Kinder sind anders und damit gibt es auch andere Herausforderungen.» Und warum sie denn so gerne diese Stufe unterrichte? «Sie sind dann noch so neugierig. Es ist einfach spannend mit ihnen.» Sie habe ihren Beruf richtig geliebt, sagt sie heute.

Dass Luterbach zum Handkuss kam, war Zufall. Sie wollte eine Stelle in der Region Solothurn und bewarb sich noch vor dem Patent im Winter 1973/74 mit einem Ausländerausweis C in Biberist. «Sie schrieben mir zurück, sie wollten keine Ausländer. Ich konnte mich nicht einmal vorstellen.» Dabei lebt die nun pensionierte Petra Späti seit 1961 in der Schweiz. «Mein Vater ist Polizist und meine Mutter Krankenschwester.» Die Beziehung brach auseinander. Später folgte ihre Mutter ihrem künftigen Mann von Berlin in die Schweiz. Das war kurz vor dem Mauerbau und Petra gerade eingeschult. Aber es war nicht die Mauer. Die Liebe war der Grund für den Umzug. Petra erhielt einen Stiefvater, der sie adoptierte.

Von Solothurn ging es nach Olten

Anfangs lebte Petra Späti neben dem Seminar in Solothurn. «Die Obere Sternengasse war noch eine Spielstrasse, und wir Mädchen von den Blöcken hatten viel Spass mit den Knaben von der Gärtnerei nebenan.» Ab 1966 wohnte die Familie in Olten, weil die Familie wuchs. Sie erhielt noch zwei Brüder. «Später habe ich erfahren, dass ich noch zwei Schwestern habe von meinem leiblichen Vater, der ebenfalls nochmals heiratete.» Mit 19 Jahren machte sie das Patent. Ein Jahr früher als üblich, weil sie in Berlin ein Jahr früher als in der Schweiz üblich eingeschult wurde. «Drei Wochen durfte ich nicht in die Schule und musste warten, bis meine Mutter, die sich dagegen wehrte, mich nochmals in den Kindergarten zu schicken, per Brief die entsprechende Bestätigung von meiner Schule in Deutschland erhielt und vorweisen konnte.» Nach der Pleite mit Biberist wandte sie sich an den Kanton und erhielt den Ratschlag, sich in Luterbach zu bewerben. «Dabei war doch dort gar nichts ausgeschrieben. Ich bewarb mich. Offenbar suchten sie jemanden. Und weil niemand von der offenen Stelle wusste, war ich die einzige, die sich bewarb und die Stelle bekam.»

Berlin ist trotzdem Heimat geblieben

Berlin hat sie aber nicht vergessen: im Gegenteil. «Das ist meine Heimat. Ich reise oft und gerne hin und bin immer aufgeregt», schwärmt sie. Die in Berlin lebenden Verwandten seien auch ihre Familie. Die zwei Schwestern, die Frau ihres Vaters, ihre Tante und ihre Patin leben in Deutschlands Hauptstadt. «Ich wurde drei Tage nach der Geburt notgetauft, weil ich ein uneheliches Kind war, und die drei Kolleginnen meiner Mutter wurden alle meine Patinnen.» Es habe lange gedauert, bis sie sagen konnte, dass die Schweiz auch ihre Heimat ist. «Im letzten Winkel meines Herzens bin ich halt keine Schweizerin.» Berliner seien direkter, als die Schweizer, das mag sie: «Eben Schnauze mit Herz.»

Luterbach, Berlin und da ist noch ein dritter wichtiger Ort in Petra Spätis Leben: Bagno die Romagna zwischen Florenz und Rimini. «In meinem ersten Urlaub reiste ich nach Italien, um die Sprache zu lernen. Dort blühte ich auf.» Sie verliebte sich «total» in die Gegend und hörte von einem dortigen Gemeinderat, der Konversation mit den Italienischschülern lehrte, man solle doch verlassene Häuser kaufen und die Orte beleben. Sie fand ein Haus, kaufte es zusammen mit einem Schweizer Freund, und nutzte es während dreissig Jahre als Ferienhaus. Auch in Luterbach hat sie ein Haus kaufen können, direkt neben der Schule, in dem sie ihren Sohn allein aufzog.

Als Klarinettistin auch in der Musikgesellschaft

In der Primarschule hat Petra Späti ein «tolles Team» verlassen müssen. Dabei hat sie einige Pflöcke in den Bereichen Weiterbildung, Schülermitsprache und Teamarbeit eingeschlagen. Früher war sie noch die Zehnkämpferin, die alle Lektionen gab. Heute sei das gar nicht mehr möglich. «Eine vierte Klasse generiert mindestens 34 Lektionen.» Inzwischen ist es ein Team von vier Kräften, die sich um eine Klasse kümmert. Neben ihrem Pensum hat sie zudem die 1955 gegründete Musikschule zu dem gemacht, was sie heute ist. Früher wurde nur Klavier und Geige gespielt. Die Musikschüler mussten jeweils ein 50-Rappen-Stück pro Lektion mitnehmen und der Musiklehrkraft abgeben. «Nichts war wirklich geregelt. Ich habe die Strukturen aufgebaut und habe sie sieben Jahre für ein Butterbrot geleitet.» Als dann ein Pensum geschaffen wurde, kam sie nicht zum Zug, was sie etwas wurmte.

Nun will sie auch profitieren und hat nach der Pension gleich einen Perkussionskurs gebucht. Ihr Instrument ist aber die Klarinette. Sie war Mitglied der Musikgesellschaft Luterbach, entwickelte sich weiter und gründete mit einem Kollegen aus der Musikgesellschaft eine Jugendmusik. Später folgte eine Ausbildung zur Dirigentin. Sie übernahm für einige Jahre die Musikgesellschaft Wangen an der Aare und wechselte als Klarinettistin zur Musikgesellschaft Hägendorf-Rickenbach. Schule und Kind forderten sie aber immer mehr. Sie zog sich von der Musik zurück und beschränkte sich auf die Moderation von Konzerten. Selbstverständlich profitierten ihre Schülerinnen und Schüler sehr von der musikalischen Ader ihrer Lehrerin.

Eigentlich könnte man annehmen, dass Petra Späti den Enkel von Bundesrat Willi Ritschard schulte. «Nein, er besuchte eine Parallelklasse. Aber ich lernte den Ex-Bundesrat kennen. Er sprach über die leere Bundeskasse an einem Lehrertag, und als es heimging, fuhren wir im gleichen Wagen zurück nach Luterbach. Er sass vorne und ich hinten. Plötzlich drehte er sich um und fragte: Was bist Du für eins. Er war völlig unkompliziert.» Später bei einem Musikschulkonzert seines Enkels habe er sie angerufen und ihr gesagt, sie dürfe ihn dann nicht als Bundesrat begrüssen. «Ich wusste, ich hätte ein Problem mit dem Gemeindepräsident, wenn ich das unterlassen würde. Ich fragte ihn, ob ich ihn wenigstens als Grossvater begrüssen dürfe. So war dann allen gedient.»

Trotz Pensionsalter das Schuljahr fertiggemacht

Sie habe dem Finanzverwalter schon mit einem Schmunzeln gesagt: «Ich komme nicht nach, ich wechsle das erste Mal die Stelle und werde das erste Mal pensioniert.» Späti arbeitete ein Jahr länger. «Wegen der Kinder, sonst hätten sie nochmals einen Wechsel mitmachen müssen. Es dauert rund ein halbes Jahr, bis sich Lehrer und Schüler aneinander gewöhnt haben und man endlich richtig arbeiten kann.» Die grosse Verbundenheit mit ihren Schülern zeigt sich auch beim Abschied. Ihre Schülerinnen und Schüler schenkten ihr ein Buch mit selbst gefertigten Beiträgen, und ihre Stellenpartnerin gestaltete ein Fotobuch mit Bildern ihrer gesamten Schulkarriere «Ein Leben für die Schule». Dazu gehören auch Fotos von ihren Klassen. «Ich habe bei allen Schülern, die schon gestorben sind, ein Kreuz gemacht.»

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