Attisholz Infra AG

«Als letzter Attishölzler und letzter Mitarbeiter ausgeschieden»: Lothar Kind zieht nun die Liquidation durch

Lothar Kind hat sich dafür eingesetzt, dass der alte Kran im Hintergrund erhalten bleibt.

Lothar Kind hat sich dafür eingesetzt, dass der alte Kran im Hintergrund erhalten bleibt.

Lothar Kind liquidiert mit der Attisholz Infra AG die Nachfolgeorganisation der Cellulose Attisholz AG in Riedholz.

Die Industriebrache Attisholz Nord verändert sich stetig. Lothar Kind aber bleibt – vorläufig – und hält die Fäden der sich in den letzten Zügen befindenden Attisholz Infra AG in den Händen. Er, der noch als Chemiker in der damaligen Cellulose Attisholz AG arbeitete, war der Mittler zur neuen Kultur der heutigen Investorin Halter AG aus Zürich und wird nun zusammen mit zwei Kollegen des norwegischen Mutterbetriebes Orkla zum Liquidator der Attisholz Infra AG, der letzten Nachfolgeorganisation der Cellulose Attisholz AG.

Das letzte Attisholz-Infra-Büro im ehemaligen Verwaltungsgebäude, das er auch noch einige Jahre nach dem Übergang zur Halter AG betrieb, hat er geräumt. Das Verwaltungsgebäude hat seine ursprüngliche Funktion verloren. Heute hofieren dort Start-ups ihre Kundschaft. Aber noch immer hat Lothar Kind Zugang zu vielen Türen und Toren auf dem Areal Attisholz Nord.

Mit etwas Stolz kramt er einen dicken Schlüsselbund aus der Hosentasche. Und wie andere Start-ups hat auch er weiterhin ein Büro für seine eigene Firma, aber in einem anderen Gebäude mit Aussicht auf Aare, Biogen und die Alpen. Die Entwicklung des Areals lasse ihn nicht unberührt. Dank gutem Kontakt zur neuen Besitzerin des Areals sei er nach wie vor über den Stand der Dinge auf dem Laufenden.

Ein Foto als Zeuge der Vergangenheit

Im ehemaligen Verwaltungsratszimmer ist die Zeit stillgestanden. Schwere, mit braunem Kunstleder bezogene Stühle säumen einen riesigen Tisch. Die Luft ist abgestanden. Ein an die Wand gelehntes Foto erzählt vom ehemaligen Betrieb. Um 1920 muss das Foto gemacht worden sein, mutmasst Kind. «Ich habe es mal mit Urs Sieber aus der ehemaligen Besitzerfamilie zu datieren versucht.»

Bebaut war damals weniger als die Hälfte des heutigen Areals. Als Abschluss im Westen ist eine Transportbahn zu sehen, die die Höhenunterschiede im Areal zu bewältigen half. Aus dem damaligen Kamin qualmt Rauch. Ein Gerüst ist aufgebaut, wo heute der Säureturm steht. Und in der Aare ist eine lang gezogene Insel zu sehen, die mit dem Bau des Kraftwerks Flumenthal verschwunden ist.

Hier, am Tisch im Sitzungszimmer wurden schon oft schwerwiegende Veränderungen entschieden. Mittendrin auch Lothar Kind, der 1997 zur Cellulose Attisholz AG stiess. 2009 übernahm er die Geschäftsführung der Borregaard Schweiz AG und anschliessend der Nachfolgegesellschaft Attisholz Infra AG. Mit dem Verkauf des Areals hatte die Infra AG ihre Geschäftstätigkeit verloren. «Ich habe daraufhin quasi mir selber gekündigt und bin als letzter Attishölzler und letzter Mitarbeiter ausgeschieden.» Kind trat in den Verwaltungsrat ein, in dem bereits die zwei norwegischen Kollegen sassen, mit denen er nun die Liquidation der Infra AG durchzieht.

Besitztümer hat die AG keine mehr mit Ausnahme einiger Wertpapiere für einige Hunderte Franken. Die Pensionskasse, die noch Liegenschaften besass, wurde schon lange liquidiert. Gläubiger werden sich in der Frist der Liquidation der Attisholz Infra AG kaum melden. «Wir wissen auf jeden Fall von niemandem. Aber das wird sich jetzt zeigen.» Seit dem Verkauf des Areals an die Halter AG hat die Infra AG geringe Geschäftstätigkeit. «Es gab einige vertragliche Punkte, die abgearbeitet werden mussten. Seit über einem Jahr ist aber nichts mehr in der Gesellschaft passiert.»

Neue Kapitel der Geschichte werden geschrieben

Anfangs, nach der Betriebsschliessung durch die Borregaard, hatte das Areal keinen offensichtlichen Wert. Investoren interessierten sich nicht für die Brache im Nirgendwo. «Wir haben acht Jahre lang an diesem Areal gearbeitet, Entwicklungen in die Wege geleitet, aber auch einfach aufgeräumt. Mit dem Entfernen der Anlageteile erhielt das Areal einen neuen Charakter.» Lothar Kind nennt es Reduktion von Risiken. «Jede Maschine zum Beispiel, die hier stand, war für einen Investor ein Risiko, da er damit nichts anfangen konnte und sie vielleicht noch Öl oder asbesthaltige Isolation enthielt.» Das erhöhte im Laufe der Jahre das Interesse von Investoren, bis die Zürcher Immobilienfirma Halter AG bei der zweiten Ausschreibung für einen Verkauf zugreift. «Wir stoppten sofort unseren Planungsprozess, der immer auch das besondere Potenzial des Areals aufzeigen sollte.»

Mit Kapiteln eines Buches vergleicht Kind die weitere Entwicklung des Areals. Aktuell wird es von Gewerbetreibenden in Besitz genommen. In einigen Jahren werden erste Menschen auf dem Areal wohnen. «Am weitesten ist man schon in Attisholz Süd mit Biogen und der Kantine 1881. Hier im Norden braucht es etwas länger. Vieles hat mit rechtlichen Dingen zu tun. Solange die neue Zonenordnung nicht etabliert ist, können hier nur Zwischennutzungen stattfinden. Noch ist es Industrieland.»

Aus der zweiten oder dritten Reihe zuschauen

Er sei heute noch fasziniert von der Verwandlung des Areals, und wie die Arealteile von den Menschen in Besitz genommen werden. «Ich identifiziere mich sehr stark mit der Entwicklung des Areals», sagt Kind. Aber diese selbst wahrnehmen konnte er nach dem Verkauf an die Halter AG nicht mehr. Diese bestimmte einen eigenen Projektleiter, der die von Kind begonnene Entwicklung weiterverfolgte. «Ich kann sehr gut damit leben, aus der zweiten oder dritten Reihe zuzuschauen.»

Vielleicht auch, weil er neue Aufgaben gefunden hat. So unterstützt er das Management von Grossprojekten in der Altlastsanierungen. Aktuell ist er unter anderem in der Nachsorge der ehemaligen Sondermülldeponie in Bonfol im Jura engagiert. «Daraus entwickelte sich die Idee, eine Bauherrenvertretung bei der Sanierung von Altlasten anzubieten.»

Gleichzeitig ist er in der Firma Muga als «Sanierer» eingestiegen. Seinerzeit habe die Firma von ihm den Auftrag erhalten, das Areal zu entkernen sowie die Anlagen zu verkaufen oder zu verschrotten. Später blieb die Firma als Mieterin. «Sie hat dann ihre Geschäftstätigkeit angepasst und sich in Richtung temporäre Baueinrichtungen, Baureinigung und Abfallmanagement entwickelt. Aber sie kümmerten sich kaum um den administrativen Bereich. Das habe ich dann auf die Beine gestellt.» Kurz: Lothar Kind hat genügend Aktivitäten gefunden, die er mit seinen Erfahrungen bewältigen kann und die ihm auch Spass machen.

Mit einem seiner Schlüssel schliesst er nach einem Rundgang die Türe des Durchgangs zum Säureturm und geht zurück ins Verwaltungsgebäude. Dann bleibt er stehen und blickt zurück. Von hier überblickt man einen grossen Teil des Areals, das sich in den letzten Jahren so stark verändert hat. «Vor zehn Jahren kannten wir den Weg nicht und auch das Ziel nicht. Man ist einfach gelaufen – und wir sind angekommen.»

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