Perspektive

Zum Coiffeur gehen? «Praktisch unmöglich»: Erster Einsatz der «Barber Angels» im Kanton Solothurn

Rund 50 Menschen am Rande der Armut erhielten am Sonntag einen gratis Haarschnitt.

Sonntagmittag bei der Perspektive Solothurn-Grenchen. Die Anlaufstelle für Suchtbetroffene und Menschen am Rande der Gesellschaft ist zum Coiffeursalon geworden. Über Stuhllehnen sind Coiffeur-Mäntel gehängt, auf Tischen stehen Föhn, Kamm, Schere und Styling-Mittel parat. Sechs Coiffeusen und ein Coiffeur sind im Raum postiert – alle in schwarzer Kluft und mit Lederwesten, auf denen Sticker mit den englischen Ausdrücken «Charity» – Wohltätigkeit, oder «Gratitude» – Dankbarkeit genäht sind. Sie gehören zu den «Barber Angels» – eine in Deutschland gegründeten Organisation, der weltweit mittlerweile über 350 Mitglieder angehören. Ihre Mission: An Anlässen in derzeit fünf Ländern schneiden sie in ihrer Freizeit Obdachlosen und Armutsbetroffenen gratis die Haare.

In Solothurn fand gestern zum ersten Mal eine solche Aktion statt. Organisiert hat dies Ines Frühauf. Die 53-Jährige aus Deitingen trägt ein rotes Band in den Haaren, geschmückt mit einer goldenen Schere. Seit einem Jahr gehört sie zu den «Barber Angels». «Mit ganz wenig können wir die Leute sehr glücklich machen», sagt die gebürtige Spanierin.

Der erste, der an diesem Tag zu Frühauf auf den Stuhl sitzt, ist Stefan Schüpbach. Der 48-Jährige aus Solothurn kommt mit mittellangen, grauen, ins Gesicht hängenden Haaren in den Raum. Schon während Frühauf Strähne für Strähne abschneidet, lächelt er immer wieder verstohlen. Danach wird der Bart getrimmt, die Frisur gestylt, und schliesslich hälft Frühauf dem Kunden einen runden Spiegel vors Gesicht. «Super», sagt Schüpbach. «Merci viu mou.» So etwas habe er noch nie erlebt – «ich finde es toll, dass auch wir Menschen mit kleinem Budget zum Coiffeur können.» Das sei ansonsten praktisch unmöglich. Es ist zu teuer. Oft habe er sich einfach selbst irgendwie die Haare geschnitten. «Aber mit einer richtigen Frisur erhält man gleich einen total neuen Ausdruck.» Ein weiterer Kunde, den Schüpbach offensichtlich kennt, läuft vorbei. «Frömde Fötzu!», sagt er anerkennend über den äusserlich völlig veränderten Schüpbach.

Ein gratis Haarschnitt – und mehr Selbstvertrauen

Schon kurz nach Beginn der insgesamt dreistündigen Aktion ist der Raum der Perspektive Solothurn-Grenchen von typischen Coiffeur-Salon-Geräuschen erfüllt. Das Brausen eines Föhns, das Klappern einer Schere – und ab und zu eine Stimme, die erklärt: «Nur die Spitzen bitte.» Sobald ein Stuhl frei wird, setzt sich ein neuer Kunde oder eine neue Kundin. Die abgeschnittenen Haare auf dem Boden werden zusammengefegt. Ab und zu eilt auch Karin Stoop mit einem Besen durch den Raum. Stoop leitet die Perspektive Solothurn – Grenchen und wurde von Coiffeuse Frühauf kontaktiert, welche die «Barber Angesl»-Bewegung nach Solothurn bringen wollte. Stoop war sofort dabei und hat die Kundschaft vermittelt; über die Perspektive, die Gassenküche und den Solothurner Sozialdienst. Die 35 geplanten Plätze seien schnell besetzt gewesen. So weitete Stoop die Liste auf 50 Plätze aus. Die Kundinnen und Kunden sollen laut «Barber Angels»-Philosophie nicht nur eine Frisur, sondern auch ein Stück Selbstvertrauen erhalten. Geht das, mit einem Haarschnitt? Stoop nickt. «Wie wird Armut sichtbar?

Aufgrund der Kleidung, der Haare einer Person.» Ein Coiffeur-Besuch stehe für Leute in Armut oft «unten auf der Liste» – weil sie mit ihrem kleinen Budget zuerst einmal einen ganzen Haushalt führen müssen. Ein neuer Haarschnitt gibt Selbstvertrauen, ist Stoop überzeugt.

Davon berichtet auch Frühauf. Bei einer vergangenen Aktion habe ein Kunde berichtet, sich mit der neuen Frisur für eine Stelle bewerben zu wollen. Er habe sie dann auch gekriegt. Frühauf schildert lächelnd von der Dankbarkeit der Kundschaft – und mit Tränen in den Augen von den Geschichten, die sie im Rahmen der Einsätze hört. Einer jungen Frau in Armut habe sie die langen Haare abgeschnitten – weil diese, nach einer bereits zurückliegenden Erkrankung, erneut an Krebs erkrankt sei und wieder eine Chemo-Therapie habe machen müssen.

«Wo wir können, helfen wir», fasst die Deitingerin zusammen. Über sich selbst sagt die Coiffeuse, dass sie das «Helfer-Syndrom» habe, derzeit ein spanisches Tierheim unterstütze. Rund einmal im Monat ist sie zudem mit den «Barber Angels» unterwegs – wenn nötig auch im Ausland. Wobei sie nebst dem monatlichen Mitgliederbeitrag von 15 Euro auch die Spesen selbst bezahlt. Für den gestrigen Anlass hat Frühauf zudem von der Kundschaft des eigenen Coiffeurgeschäfts Spenden gesammelt – Kleider, Schuhe, Kosmetikartikel. Vom Besuch der Dentalhygienikerin ging sie zudem mit einer Schachtel Zahnpasta und Zahnbürsten nach Hause. All dies konnte die Kundschaft gestern ebenfalls gratis mitnehmen – nebst dem neuen Haarschnitt.

Für viele war dieser der erste richtige seit Jahren. 20 Jahre sei der letzte Coiffeur-Besuch her, erzählt eine Kundin, während sich eine «Barber Angel» mit Schere und Kamm an die Arbeit macht.

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