Ärztemangel

Zu wenig Hausärzte – Situation in Randregionen ist sogar «relativ dramatisch»

Der Nächste bitte: Mediziner, die sich im Kanton Solothurn als Hausärzte niederlassen, sind dringend gesucht.

Der Nächste bitte: Mediziner, die sich im Kanton Solothurn als Hausärzte niederlassen, sind dringend gesucht.

Sind die Warnungen vor einem drohenden Ärztemangel bloss Panikmache? Was die Grundversorgung der Bevölkerung durch Hausarztpraxen im Kanton Solothurn angeht, sicher nicht, sagt die Hausärztevereinigung. In gewissen Randregionen etwa im Thal, Bucheggberg oder Schwarzbubenland müsse man sogar von einer dramatischen Situation sprechen.

Im Kanton Solothurn kommt ein Polizist auf 595 Einwohner und ein Hausarzt auf 974 Einwohner. Wenn nun die Polizei sagt, mit diesem Bestand sei in Gottes Namen keine höhere Aufklärungsquote bei Einbruchdiebstählen zu erreichen, muss man sich dann um die ärztliche Grundversorgung ernsthafte Sorgen machen?

Der viel beschworene Ärztemangel sei eine Mär, titelte im April die «NZZ am Sonntag». Sie stützte sich dabei auf Zahlen des schweizerischen Ärzteverbands FMH: Die Zahl der in der Schweiz praktizierenden Mediziner hat nicht etwa ab-, sondern innert acht Jahren um 19 Prozent zugenommen, während die Bevölkerung im gleichen Zeitraum nur um 10 Prozent gewachsen ist. Und die Entwicklung beschränkt sich nicht auf Spitalärzte und frei praktizierende Spezialisten, auch die Zahl der Hausärzte hat seit 2010 landesweit um 900 zugenommen. «Der Ärzteboom kostet die Schweiz Milliarden», lautete die provokative Schlussfolgerung.

Mehr Ärzte auch im Kanton

Obwohl immer wieder von Praxisschliessungen zu hören ist und davon, dass in Pension gehende Hausärzte vor allem auf dem Land keine Nachfolger finden: Die Tendenz scheint sich tatsächlich auch im Kanton Solothurn zu bestätigen.

Laut FMH-Statistik waren 2013 im Kanton Solothurn 245 Hausärzte und -ärztinnen tätig. Wer heute in der Online-Datenbank der kantonalen Ärztegesellschaft nach einem Hausarzt sucht, findet 278 Einträge. 278 praktizierende Hausärzte, das ergibt die eingangs erwähnte Dichte von einem Hausarzt auf 974 Einwohner. Aber ist das nun (zu) viel, genug oder droht in der Grundversorgung eben doch ein Engpass, wie in den vergangenen Jahren immer wieder zu hören war?

Eine kaum eindeutig zu beantwortende Frage. Zum einen gibt es keinen politischen Konsens zur «richtigen» Ärztedichte, keine gesundheitspolitische Planung, die einen Zielwert festlegen würde. Zum anderen kommt es nicht auf die absolute Zahl allein, sondern vor allem auf die regionale Verteilung an. In der Stadt Solothurn wird kaum jemand ernsthaft von einem Ärztemangel sprechen wollen, im Bucheggberg mit gerade mal sechs Hausärzten sieht die Sache schon etwas anders aus.

Von wegen Überversorgung

Ganz anders. Christian Rohrmann, Co-Präsident der Solothurner Hausärztevereinigung HASO, spricht zumindest für die Randregionen von einer bereits heute «relativ dramatischen Situation». Auch er legt sich nicht auf einen verbindlichen Wert für die angemessene Ärztedichte fest. Dass man nicht von einer Überversorgung sprechen kann, steht für ihn aber ausser Frage. Selbst wenn die Zahl der niedergelassenen Ärzte steige, bedeute das keine Zunahme in der medizinischen Grundversorgung, sagt Rohrmann.

Die Begründung lässt sich einfach zusammenfassen: Für die Betreuung der gleichen Anzahl Patienten braucht es heute mehr Ärzte als in früheren Zeiten. Und das nicht unbedingt wegen komplexeren Krankheitsbildern und aufwendigeren Behandlungen, sondern weil der gesellschaftliche Wandel auch vor der Ärzteschaft nicht Halt macht.

Vor allem im ambulanten Sektor spricht man von einer «Feminisierung» der Medizin: In der Ärzteschaft nimmt der Frauenanteil kontinuierlich zu – und nicht nur, aber gerade Frauen wollen auch als Ärztinnen häufig nicht mehr in einem Vollpensum arbeiten, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Auch unter einem Vollpensum versteht heute ein selbstständiger Hausarzt nicht mehr, rund um die Uhr für die Praxis und die Patienten zur Verfügung zu stehen. Und in Gruppenpraxen seien auch viele angestellte Ärzte mit einer vertraglich zugesicherten 40-Stunden-Woche tätig, so Rohrmann.

Nachwuchs dünn gesät

Über gesicherte Daten, wie viele Arztpraxen im Kanton Solothurn in den letzten Jahren geschlossen wurden oder nicht an einen Nachfolger übergeben werden konnten, verfügt die Hausärztevereinigung nicht. Aber auf jeden Fall sieht es punkto Rekrutierung von Nachwuchs nicht besonders rosig aus.

Ein Problem, abgesehen davon, dass man schweizweit von jährlich 600 zu wenig ausgebildeten Ärzten ausgeht: Sehr viele der Assistenzärzte, die an den Solothurner Spitälern tätig sind, kommen von ausserhalb. Auch wenn sie sich dann für den Weg des selbstständigen Allgemeinopraktikers entscheiden sollten, ist es schwierig, sie für eine Praxistätigkeit im Kanton Solothurn zu gewinnen, weiss Rohrmann. Ein junger Arzt könne heute auf der Suche nach einer eigenen Praxis aus zehn Angeboten auswählen. Und die attraktivsten Standorte liegen in diesem Fall nun einmal eher nicht im Guldental oder auf dem Gempenplateau.

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