Abstand und Maskenpflicht

Wie uns Corona verändert: Psychologin weiss, wie man sich jetzt nahe sein kann

Sandra Sooder ist Fachpsychologin für Psychotherapie.

Sandra Sooder ist Fachpsychologin für Psychotherapie.

Die Coronamassnahmen sind in den letzten Wochen wieder verschärft worden. Angefangen mit der Maskenpflicht in Läden, die Anfang Woche auf alle öffentlichen Innenräume ausgeweitet wurde, ist nun in einigen Kantonen sogar ein kleiner Lockdown wieder Thema.

Seit Anfang der Pandemie wurde viel darüber spekuliert, wie sich gewisse Massnahmen auf die Gesellschaft auswirken würden. Was schon passiert ist und was aufgrund der neuen Massnahmen noch passieren kann, erklärt Psychologin Sandra Sooder im Interview.

Wie beeinflussen Abstand, Masken und fehlende Berührungen unsere Zusammentreffen?

Sandra Sooder: Durch die Massnahmen wird der Kontakt auf verschiedenen Kanälen gestört. Einerseits erschweren Abstand und Maske es, das Gegenüber richtig zu hören. Ausserdem nimmt die Maske uns einen Teil der Mimik: Natürlich sehen wir noch die Augen, aber gerade positive Emotionen drücken wir hauptsächlich in der Mundregion aus. Schliesslich sind auch Berührungen ein fester Teil der Kommunikation. Durch das Fehlen dieser Dinge fällt es uns schwerer, uns aufeinander einzuschwingen. Menschen, die sowieso schon Schwierigkeiten mit der Kommunikation haben, wie zum Beispiel Hörbehinderte oder demente Personen, sind davon besonders betroffen. Für sie wird es noch einmal schwieriger, das Verhalten des Gegenübers zu interpretieren.

Manche Menschen fühlen sich durch sozialen Kontakt auch gestresst. Können die Massnahmen für sie nicht auch eine Erleichterung sein?

Auf einige mag das zutreffen. Manche Patienten mit sozialen Ängsten sagen, mit Maske falle ihnen zum Beispiel das Busfahren leichter, weil sie ein bisschen wie ein Schutzschild wirke. Auch Menschen, die sich in grossen Menschenansammlungen unwohl fühlen oder es nicht mögen, berührt zu werden, sind vielleicht froh über gewisse Einschränkungen wie Distanzregeln. Allerdings muss man sagen, dass Ängste sich oft verschlimmern, wenn man sich ihnen nicht stellt. Das Feedback, dass eigentlich nichts Schlimmes passieren kann, fällt dann aus. Die Sache, vor der man sich fürchtet, einfach zu vermeiden, ist also meist keine Lösung und kann die Probleme sogar verstärken.

Klar ist also, dass der Kontakt zu anderen nicht mehr gleich funktioniert wie vor Corona. Wie reagieren wir darauf?

Man kann nun ein gesellschaftspsychologisch sehr interessantes Phänomen beobachten: Dort, wo gewisse gesellschaftliche Rituale – wie zum Beispiel das Händeschütteln – wegfallen, werden sie durch andere ersetzt. Anfangs herrschte natürlich eine Zeit der grossen Unsicherheit und Verwirrung. Alle begrüssten sich irgendwie und jeder machte etwas anderes. Jedoch kristallisierten sich mit der Zeit–und überraschend schnell – bestimmte Arten der Begrüssung heraus, die nun zur Norm zu werden scheinen. So der Coronahandschlag mit dem Ellbogen, die Umarmung aus der Ferne oder auch ein kurzes Winken. Dass wir als Antwort auf das Wegfallen dieser Rituale neue erfinden, zeigt, dass wir sie als Gesellschaft brauchen.

Und warum brauchen wir sie?

Gesellschaftliche Rituale geben uns Sicherheit und erleichtern es uns, uns zurechtzufinden. Zusammentreffen mit anderen Menschen befinden sich immer in einem gewissen Kontext. Ob man nun Geschäftspartner, Freunde oder Familie ist: Es gibt immer gewisse Regeln, wie man sich entsprechend verhält. Fehlen uns diese Regeln, müssen wir viel mehr Energie investieren, um zu überlegen, was nun zu tun ist. Unser Gehirn spart damit Zeit und kann sich auf andere Dinge konzentrieren.

Wir passen uns also an. Was bedeutet das für unsere Zukunft mit Corona?

Auf jeden Fall werden wir als Gesellschaft viel Neues lernen – vieles davon wohl unbewusst: Beispielsweise haben wir mit der Zeit ein ganz anderes Gefühl für den Abstand bekommen– man kann nun besser einschätzen, wie viel 1,5 Meter sind. Ausserdem kann ich mir vorstellen, dass wir Freude wie auch andere Emotionen stärker mit den Augen ausdrücken und uns dementsprechend auch bei anderen mehr auf diese Gesichtsregion achten. Oder wir intensivieren unsere Gestik oder drücken uns mehr verbal aus.

Und was, wenn es noch einen zweiten Lockdown gibt?

Ich glaube, dass wir uns damit schwertun würden. Als alles begann, waren die Verunsicherung und Verängstigung sehr gross. In dieser Zeit waren wir froh um Anweisungen des Bundesrates, der uns sagte, was in dieser neuen Situation zu tun war. Entsprechend gross war unsere Disziplin. Inzwischen hatten die Menschen jedoch viel Zeit, um sich in der Situation zurechtzufinden. Wir wägen nun die konkreten Folgen der Ausbreitung des Virus gegen die Einschränkungen im Alltag oder die wirtschaftlichen Folgen ab. Für einige von uns wird die persönliche Freiheit vielleicht mehr Gewicht haben als das Verhindern von Neuansteckungen. Andere haben mehr Angst vor den wirtschaftlichen Folgen als vor den Folgen der Krankheit selber. Ich schätze, dass unsere Haltungen und unser Verhalten im Umgang mit Corona damit weniger einheitlich geworden sind.

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