Armut im Kanton

Wie Corona das Leben einer Mutter auf den Kopf stellte: «Mein Lohn brach im April ­plötzlich weg»

«Das Sozialamt konnte mir nicht helfen, und die Arbeitslosenkasse sagte mir, sie sei nicht für mich verantwortlich. Ich sei ja nicht arbeitslos», berichtet Miriam L*. (Symbolbild)

«Das Sozialamt konnte mir nicht helfen, und die Arbeitslosenkasse sagte mir, sie sei nicht für mich verantwortlich. Ich sei ja nicht arbeitslos», berichtet Miriam L*. (Symbolbild)

Die Schutzmassnahmen gegen das Coronavirus brachten finanzielle Nöte mit sich. Eine Mutter aus dem Kanton Solothurn erzählt, wie sie und ihre Familie in den letzten Wochen mit der neuen Situation umgegangen sind und wie sie die nächsten Monate über die Runde kommen werden.

Für viele Menschen im Kanton brachten die Schutzmassnahmen gegen das Coronavirus nicht nur mehr Zeit daheim, sondern auch finanzielle Probleme mit sich. Hauptsächlich betroffen waren laut der Caritas Personen, die im Niedriglohnsegment, auf Abruf oder temporär arbeiten. Es waren auch viele Personen plötzlich auf Hilfe angewiesen, die vorher ohne finanzielle Unterstützung der Sozialwerke zurechtkamen. Etwa Selbstständige, die normalerweise mehr erwirtschaften als die 2000 Franken, die der Kanton ihnen als Überbrückungshilfe ausgezahlt hatte.

Wie geht man als Familie damit um, wenn plötzlich ein wichtiger Teil des Einkommens fehlt? Die Mutter Miriam L. aus dem Kanton Solothurn hat sich dazu bereit erklärt, aus ihrem Alltag zu berichten. Miriam L. heisst eigentlich anders. Aus Rücksicht auf ihre Kinder wollte sie lieber anonym von ihren Erfahrungen erzählen. Am Telefon hat sie darüber geredet, wie sie und ihre Familie in den letzten Wochen mit der neuen Situation umgegangen sind und wie sie die nächsten Monate über die Runde kommen werden.

«Mein Lohn brach im April ­plötzlich weg»

«Ich arbeite als Serviceaushilfe im Kanton Solothurn. Ich arbeite auf Stundenbasis, meistens dann, wenn im Betrieb viel zu tun ist. Als das Coronavirus in der Schweiz ankam, wurden alle meine Einsätze im März abgesagt, weil die Reservationen in meinem Betrieb storniert wurden. Logisch, dass ich da nicht mehr arbeiten konnte. Mein Lohn brach plötzlich weg. Im April und im Mai öffnet normalerweise unsere Sommerterrasse und ich habe regelmässig Einsätze. So habe ich aber in den letzten drei Monaten gar nichts mehr verdient. Ich bekam die Information, dass ich keinen Anspruch auf Entschädigung habe, weil ich nur auf Abruf arbeite. Das Sozialamt konnte mir nicht helfen, und die Arbeitslosenkasse sagte mir, sie sei nicht für mich verantwortlich. Ich sei ja nicht arbeitslos. Erst später hiess es, dass ich doch Anrecht auf eine Entschädigung habe. Aber das dauerte mehrere Wochen, die Ämter hatten ja alle sehr viel zu tun.

Mit meinem Mann habe ich zwei Kinder. Er arbeitet 100 Prozent, normalerweise reicht unser Geld für das Nötigste. Auch er musste Kurzarbeit leisten. Zum Glück konnte er viel mit Ferientagen auffüllen, so fiel sein Einkommen nicht weg. Manchmal wird es auch in normalen Zeiten eng, je nachdem, wie viel ich arbeiten kann. Aber wir kommen über die Runden. Das Leben ist sehr teuer, und viele Ausflüge mit den Kindern kosten Geld. Ich bin es gewohnt, mit einem Haushaltsbudget zu arbeiten. Ich bin Vollwaise und in einem Waisenhaus aufgewachsen. Dort habe ich gelernt, dass man mit Geld sorgfältig umgehen muss.

«Ich sammle alle Rechnungen und Ausgaben»

Wir waren bereits einmal in finanzielle Not geraten. Nach der Geburt meines ersten Kindes kamen wir mit den Steuern in Verzug. Sofort stand das Betreibungsamt vor der Türe, und wir mussten die Schulden abbezahlen. Das haben wir zum Glück geschafft. Wir werden auch jetzt über die Runden kommen, wir müssen einfach noch sorgfältiger planen. Ich habe einen Ordner, in dem ich alle Rechnungen und Ausgaben sammle. Wenn ich Mitte Monat merke, dass unser Geld nicht reicht, dann fange ich an zu telefonieren und versuche mit den Rechnungsstellern wie der Versicherungen- oder der Telefonanbieterin zu reden, damit wir eine längere Zahlungsfrist erhalten.

Meistens haben die Leute Verständnis. In diesem Frühling hatten wir auch mit unserer Vermieterin Glück: Wir durften die Miete aufsplitten und können sie später bezahlen.

Trotzdem wussten wir nicht mehr weiter, und ich habe in meinem Freundeskreis herumgefragt, wo wir Hilfe finden können. In meinem Freundeskreis sind viele in einer ähnlichen Situation. So sind wir auf die Caritas gekommen, eine Freundin hat uns dazu geraten. Bei der Caritas wurde unsere Situation abgeklärt und wir haben Essensgutscheine für die Migros erhalten. Das war für mich sehr hilfreich, denn ich kann meinen Kindern ja nicht nur Knäckebrot zu essen geben. Ich schaue eigentlich, dass wir abwechslungsreich essen.

Mit den Gutscheinen habe ich vor allem frische Sachen gekauft, viele Früchte und Brot. Ich finde es schön, wenn ich meinen Kindern eine gewisse Auswahl an Essen bieten kann. Wenn sie entscheiden können, ob sie lieber einen Apfel oder ein Sandwich essen wollen.

«In den nächsten Wochen wird sich unsere Lage verbessern»

Ich glaube, sie merken nicht, dass wir momentan wenig Geld haben. Sie sind noch zu klein, und wir reden auch nicht darüber. Zum Einkaufen nehme ich sie wenn möglich nicht mit. Denn sonst sehen sie viele Dinge, die sie gerne haben würden, und dann muss ich nein sagen.

Zum Glück waren in den letzten Wochen viele Läden geschlossen, so fielen viele Versuchungen weg. Statt eine Glace in der Badi oder in der Stadt kann ich ihnen so einfach eine Schachtel Prix-Garantie-Glace kaufen, die kostet vier Franken.

In den nächsten Wochen wird unsere Situation besser. Im Juni habe ich voraussichtlich sechs Einsätze, da verdiene ich wieder etwas. Ich freue mich aber nicht nur wegen des Geldes auf meine Arbeit. Ich liebe meinen Beruf, und ich mag den Kontakt zu den Gästen. Auch mit meinem Team verstehe ich mich sehr gut. Die Arbeit ist eine schöne Abwechslung in meinem Alltag.»

Autor

Rebekka Balzarini

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