Gastkolumne

Wenn das Klima kippt, brauchen wir die Engel

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«Genau genommen haben wir noch gar nichts erreicht.» Das sagte Greta, die junge Frontfrau der Klimajugend, neulich an der UN-Klimakonferenz in Madrid. Gemäss einer Umfrage geht die 16-Jährige inzwischen fast 70 Prozent der Befragten auf die Nerven. Nur weil sie sagt, was Sache ist. Sie nervt, weil sie es ausspricht: Es geht ums Überleben oder Aussterben.

Greta rockt. Und «Krokus» haben ausgerockt – die Solothurner Hardrockband gab im Zürcher Hallenstadion ihr Abschiedskonzert. Dabei könnten wir die Power und Ausdauer des Rock gerade gut gebrauchen: Die Biodiversität nimmt mit erschreckendem Tempo ab, die Übersäuerung der Meere zu, die Temperaturen ebenso – in noch nie dagewesenem Ausmass und Tempo. Die Reaktion: Eine Jugend, die 2019 auf der Strasse protestierte wie selten zuvor. Und eine Parlamentswahl mit Verschiebungen wie nie zuvor.

Mehr Stimmen für die Grünen sind nett, aber alleine wird Grün nichts ausrichten können. Wie an der Bundesratswahl erlebt. Und wie schon in der ersten Sessionswoche vorgeführt: CVP, FDP und SVP versenkten einmütig ein Übergangsgesetz, das den Klimaschutz sicherstellen sollte. Ohne CVP keine Mehrheit. Bei so viel Wankelmut können wir nicht einmal sicher sein, ob die CVP das definitive Klimagesetz mittragen wird. Im Wahlkampf noch hoch und heilig versprochen – in der Adventszeit schon wieder vergessen.

Wer soll uns also retten? Ein Engel? Ja: Viele, viele Gretas. Halleluja! Um das 1.5-Grad-Ziel zu erreichen, müsste sich der CO2-Ausstoss weltweit bis 2030 um die Hälfte reduzieren. Mit den heute gesetzten Zielen dürfte die Welt eine Erwärmung von 3.5 Grad erfahren. «Eine 3 bis 4 Grad wärmere Welt wäre eine dramatisch andere Welt», schlägt der Klimaforscher der ETH, Reto Knutti, Alarm: «Zwar könnten wir in dieser Welt leben – aber es wäre mit extremer Anpassung und extremen Kosten verbunden.»
Obschon uns allen – mir und Ihnen – klar ist, dass wir den Klimaschutz nicht geschenkt bekommen, üben wir uns in Selbsttäuschung. Auch ich habe manchmal genug von der Untergangsstimmung. Auch mich nervt die aufmüpfige und unermüdliche Greta manchmal. Auch ich feierte ganz normal Weihnachten und hörte dann lieber Engelsgesang als die geballte Klimadröhnung.

Neu ist Verdrängung nicht. Als der Reaktor in Tschernobyl explodierte, versammelten sich die Leute zuerst im Freien, wo sie das vermeintliche Naturspektakel beobachteten. Am nächsten Tag ging das Leben weiter wie immer: Die Kinder spielten auf der Strasse, die Erwachsenen tranken Wodka an der Bar. Was mit dem Reaktor in Tschernobyl geschehen war, war noch nie vorher auf der Welt passiert. Es fehlte die Erfahrung im Umgang mit einem Super-GAU. Die Behörden verheimlichten die Katastrophe und spielten sie herunter, bis die Strahlung den Globus erfasst hatte und kein Verstecken mehr möglich war.

Wie nahe wir uns heute am Super-GAU der Klimakatastrophe befinden, weiss niemand. Klar ist aber: Sollte das Klima kippen, so wird nicht nur die Wirtschaft umstürzen. Es wird den ganzen Globus erfassen, und Wegschauen wird nicht mehr möglich sein. Es geht ums Überleben oder Aussterben. Die Engel, die wir dieser Tage bejubelt und verscheucht haben, die Frontfrauen, die uns nerven und ermahnen – sie alle werden wir dannzumal bitter brauchen. Halleluja!

Der Autor, Markus Allemann, ist Geschäftsleiter des Hilfswerks Swissaid und lebt in Solothurn.

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