Gastkolumne

Weis(s)heit

Fatima Moumouni ist Slam Poetin.

Fatima Moumouni ist Slam Poetin.

Vor ein paar Jahren habe ich die Spoken Word Künstlerin Fatima Moumouni an den Solothurner Literaturtagen gehört. Ihre Performance war kurz, die Wirkung ihrer Worte gross. In ihrem Text ging es um Hautfarbe und die Tatsache, dass sie immer wieder dazu aufgefordert wird, sich zu diesem Thema zu äussern. Fatima Moumounis Hautfarbe ist nicht-weiss. Folglich unterliegt einer solchen Aufforderung die unausgesprochene Erwartung: Erzähl uns, wie es ist, anders zu sein.

Anstatt dieses rassistische Narrativ zu bedienen, drehte es die gebürtige Münchnerin auf den Kopf und sprach über die weisse Haut der weissen Menschen. Und mir wurde an diesem Tag zum ersten Mal wirklich bewusst, dass meine Haut eine Farbe hatte. Wie kommt es, dass ich so viele Jahre gebraucht habe, um zu realisieren, dass ich weiss bin? (Ich schreibe weiss kursiv in Anlehnung an die von Alice Hasters verwendete Schreibweise in ihrem Buch «Was weisse Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten.» Damit soll verdeutlicht werden, dass mit weiss weder eine biologische Rasse noch eine tatsächliche Farbe gemeint ist.)

Weissheit ist ein Paradox: Die allgegenwärtige Repräsentation und enorme Sichtbarkeit von weissen Menschen in allen Bereichen unserer Gesellschaft führt dazu, dass die Weissheit von weissen Menschen als definitorisches Merkmal jegliche Bedeutung verliert. Weiss zu sein wird zur Norm, nicht weiss zu sein heisst, ungleich zu sein. Weiss zu sein heisst, sich der Kategorisierung entziehen zu können und dabei gleichzeitig die Macht zu haben, diese Kategorien zu definieren.

Die Geschlechterforscherin Patricia Purtschert formuliert dieses Machtgefälle in ihrem Buch «Kolonialität und Geschlecht. Eine Geschichte der weissen Schweiz» folgendermassen: «Wer oder was als gleich oder ungleich definiert wird, erweist sich somit als eine zentrale Frage moderner Macht, denn die Kriterien, die zur Bestimmung des Gleichen verwendet werden – das zeigen sowohl die feministischen als auch die antikolonialen Kämpfe – werden weitgehend von denjenigen festgelegt, welche die gesellschaftliche Macht innehaben.»

Der Grund, weshalb ich mein eigenes Weisssein so lange nicht bewusst wahrgenommen habe, ist simpel: Weiss zu sein, ist in unserer hierarchisch strukturierten Gesellschaft mit Privilegien und gesellschaftlicher Macht verbunden. Mein weisses Privileg zeigt sich nicht nur dadurch, dass ich noch nie rassistisch motivierte physische und/oder verbale Gewalt erfahren habe. Rassismus gegen weisse Menschen gibt es nicht, wie Reni Eddo-Lodge in ihrem Buch «Why I’m no longer talking to white people about race» (oder deutsch «Warum ich nicht länger mit Weissen über Hautfarbe spreche») unmissverständlich aufzeigt.

Mein weisses Privileg zeigt sich auch dadurch, dass ich mich nicht mit meiner Hautfarbe beschäftigen muss, weil mein Alltag und mein Leben in keiner Weise negativ durch die Farbe meiner Haut beeinflusst wird. Im Gegenteil. Und genau aus diesem nicht-Müssen entspringt die Verantwortung (für mich) als weisse Person aktiv und kritisch (meine eigenen) Privilegien zu reflektieren. Der Grund warum ist ebenfalls simpel: Rassismus ist ein von (uns) weissen Menschen kreiertes Problem.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1