25 Jahre SVP im Kanton

Was sich in einem Vierteljahrhundert alles ändert

Zeitzeuge und langjähriger Akteur: Der Gerlafinger Herbert Wüthrich hat die Solothurner SVP mit aufgebaut. Hanspeter Bärtschi

Zeitzeuge und langjähriger Akteur: Der Gerlafinger Herbert Wüthrich hat die Solothurner SVP mit aufgebaut. Hanspeter Bärtschi

Herbert Wüthrich ist ein SVP-Mann der ersten Stunde. Für den Erfolg hat er hart gearbeitet. Ein Interview.

Ohne Streit gäbe es die Solothurner SVP nicht. Ein «Krach» in der Gerlafinger FDP führte vor 25 Jahren zur Gründung der Partei. Einer, der von Anfang an dabei war, ist Herbert Wüthrich (59). Der Gerlafinger ist nicht nur Gründungsmitglied. 2006 wurde er als erster SVP-Vertreter auch zum Kantonsratspräsidenten gewählt. Im Gespräch blickt der SVP-ler der ersten Stunde auf die 25 Jahre zurück, die die Partei am Donnerstag in Mümliswil gross feiert.

Herbert Wüthrich, was haben 25 Jahre SVP dem Kanton gebracht?

Herbert Wüthrich: Sehr viel. Früher war es so, dass die sogenannten Platzhirsche FDP, CVP und SP das alleinige Sagen hatten. Heute sind wir die grösste Partei.

Dass die Solothurner SVP so erfolgreich wird, hätten Sie aber selbst nie gedacht?

Gewünscht haben wir uns das vielleicht. Daran gedacht haben wir damals natürlich nicht. Träume standen im Hintergrund. Es brauchte zuerst über Jahre einen soliden Aufbau.

Was war der Grund für den Erfolg?

Eine gradlinige Politik, bei der die Bürgerinnen und Bürger wissen, woran sie sind. Zuvor gab es einfach die drei Parteien im Kanton, die das Sagen hatten. Das führte zu weniger schönen Szenen. Ich denke da an das Spanienreisli und den Kantonalbankenskandal. Da kam der Ruf nach einer neuen Partei. Viele Bürgerinnen und Bürger wünschten sich eine neue politische Heimat. Ihr Wunsch wurde durch uns erfüllt.

Kurz nach Gründung der Solothurner SVP kam die EWR-Abstimmung. Wären Sie ohne diese Diskussion je so stark geworden?

Da bin ich überzeugt. Klar gab uns die EWR-Abstimmung Rückenwind. Wir erreichten aber auch unabhängig davon Erfolge, mit denen wir zeigen konnten, dass es uns braucht. Ich denke da etwa an die Erhöhung der Katasterwerte, gegen die wir 2001 das Referendum ergriffen. Das Volk gab uns recht. Ein Erfolg war auch, als wir verhinderten, dass der Feuerwehrsold besteuert wird.

25 Jahre sind eine lange Zeit, um sich zu etablieren. Trotzdem ist die SVP im Kantonsrat noch immer Einzelkämpferin.

Als wir kamen, waren wir ein Fremdkörper. Plötzlich waren wir da und mischten die Politik auf. Das war für einige verrückt, weil man als Mensch einfach gerne den Status quo hat und Änderungen nicht mag. Leider sitzt dieser Stachel bei gewissen, vor allem älteren Exponenten anderer Parteien, noch immer tief. Ich wünschte, dass man ihnen eine Medizin dagegen geben könnte.

Die SVP hat es nach wie vor nicht geschafft, einen Regierungsratssitz zu erobern.

Trotz valabler Kandidaten verhindert man uns. Man verkennt, dass man nicht einen Staatspräsidenten mit alleiniger Macht wählt, sondern ein Gremium mit Vertretern verschiedener Parteien, die im Kollektiv Regierungsverantwortung übernehmen.

25 Jahre SVP: Die Volkspartei feiert Jubiläum:

Die SVP hat es anders als in anderen Kantonen auch nicht wirklich geschafft, mit den anderen Bürgerlichen enger zusammenzuarbeiten.

Wir möchten das seit Jahren, wurden aber immer wieder enttäuscht. Zuerst müssen wohl einige ältere, wohlverdiente Politiker anderer Parteien in den Ruhestand gehen. Ich bin überzeugt: Ich werde es noch erleben, dass die Zusammenarbeit unter jüngeren Kräften stimmen wird.

Warum ist die Zurückhaltung bei den anderen Bürgerlichen so gross?

Es hapert noch immer am Verständnis: Wir wollen nichts Böses, sondern für die Bürger und für unseren Kanton entsprechend Politik betreiben. Ich wünsche mir, dass die SVP endlich zum Wohl des Kantons bei der Regierung oder bei Richterstellen berücksichtigt wird. Es wäre eine nachhaltigere Politik, wenn die stärkste Partei in die Verantwortung eingebunden wäre. Die nächste Möglichkeit ist am 12. März.

Es dürfte nicht nur an den anderen Parteien liegen. Der angriffige Stil der SVP hilft nicht gerade.

Was ich nicht immer goutiere, ist der rüde Stil. Das ist nicht meine Welt. Obwohl ich auch unangenehm aufgetreten bin, um gewisse Pflöcke einzuschlagen. Wir mussten das machen, um überhaupt das nötige Gehör zu erhalten. Wir sind aus dem Nichts entstanden. Da muss man sich prägnant bemerkbar machen. Sie müssen sich vorstellen, ich kam als Neuzuzüger in Gerlafingen in den Gemeinderat. Zuvor hatte ich 32 Jahre in Recherswil gelebt. Das gab Probleme bei vielen Leuten, die das über Jahre vergeblich versuchten. Ich hörte oft: So schnell wie du gekommen bist, wirst du verschwinden. Ich blieb 16 Jahre im Gemeinderat und wurde immer sehr gut wiedergewählt.

Unter «Allianz» versteht die SVP doch einfach, dass die anderen machen, was Sie sagen. Stichwort Masseneinwanderungsinitiative: Da bieten Sie dem Freisinn wenig Hand und schiessen gerade gegen den Solothurner FDP-ler Kurt Fluri.

Wir haben einfach eine klare Linie. Ich wünschte mir, dass Kurt Fluri über den eigenen Schatten springen kann. Er ist ein wohlverdienter Politiker, der wahnsinnig viel erreicht hat. Aber er sieht die SVP immer noch als Feindbild. Wenn jemand so einseitig gegen die SVP wirkt, kommt eine Gegenwirkung. Das ist ein Naturgesetz. Das müsste man überwinden. Man muss sich nicht umarmen. Aber auf bürgerlicher Ebene könnten wir sehr viel erreichen, wenn SVP, CVP und FDP in gewissen Themen einen engeren gemeinsamen Weg fahren würden.

Gerade das Beispiel Kurt Fluri zeigt, dass es zwischen der Solothurner SVP und FDP nicht ganz einfach ist.

Der Solothurner Freisinn politisiert je nach Thema von links bis rechts. Das sieht für mich ein wenig nach Wischiwaschi aus. Da gibt es Themen, die sich mit unserer Gradlinigkeit nicht vereinbaren lassen. Aber wir würden uns in vielen Bereichen gut ergänzen.

Die SVP ging zwar aus der FDP hervor. In vielen Bezirken nahm sie aber der CVP Wähleranteile weg.

Das ist die Mitte-Politik, die nicht mehr ankommt. Man will lieber klare Verhältnisse, links oder rechts. Schauen Sie mal die BDP an. Sie hatten gar eine Bundesrätin. Aber jetzt haben sie Mühe, sich zu behaupten.

Bei vielen SVP-Themen wie der Ausländerpolitik wird auf Bundesebene entschieden. Im Kanton ist da wenig zu machen. Die Solothurner SVP fällt oft vor allem mit ihrem Widerstand gegen Finanzvorlagen auf.

Zu Recht.

Ist das nicht einseitig, wenn man einen Kanton mitgestalten will?

Nein. Schauen Sie, gerade im Finanzwesen, gehört es zu den Aufgaben, Gegensteuer zu geben, wenn man sieht, dass die finanzpolitische Lage auf ein Fiasko hinsteuert.

Sie waren der erste Kantonsratpräsident der SVP . . .

. . . da stand ich fast 365 Tage im Scheinwerferlicht. Man wollte wissen, ob der als SVP-ler das kann. Ich überliess nichts dem Zufall. Als ich zweiter Vize war, habe ich mir schon überlegt, wie ich eine Session leiten würde. Als erster Vize machte ich mir ein Drehbuch zu jeder Session und war mein eigener Souffleur. Ich schaute, wie es der Präsident macht und was ich anders machen würde. Ich wollte die Sessionen sauber führen. Ich wollte auch würdig das Parlament repräsentieren und besuchte dann fast 200 Anlässe. Das Jahr war schnell vorbei. Es war eine wunderbare Zeit, ich lernte viele Leute kennen.

Sie betrieben einen massiven Aufwand, um zu zeigen, dass ein SVP-ler das Amt ausüben kann.

Ja. Und ich glaube, dass mir das gelungen ist, wie die damaligen Kritiken zeigten. Ich blieb politisch neutral. Nur dann ist ein Kantonsratspräsident akzeptiert. An meiner Kantonsratspräsidentenfeier gab es übrigens Berner Röschti und Züri-Gschnätzlets. Wenn man mich gefragt hat, ob die Solothurner SVP eher auf Seite Zürich oder Seite Bern ist, habe ich immer gesagt: Wir sind ein Bindeglied. Ich war nie der sogenannte Hardliner.

Bei den Kantonsratswahlen war der Wähleranteil der Solothurner SVP unter dem Resultat, das die Partei bei den Nationalratswahlen im Kanton erreicht.

Das stört mich nicht einmal. Das ist sogar gut. Ich habe immer gesagt, dass wir nicht ruckartig wachsen sollten. Wir müssen kontinuierlich ansteigen. Und das gelang uns. Heute sind wir bei 19 Mandaten und ich traue der Partei zu, bei den kommenden Kantonsratswahlen nochmals zwei Sitze zuzulegen. Klar wäre es einfacher, wenn wir noch viel mehr Sitze hätten. Aber ich sage auch: Es braucht eine parteipolitische Ausgewogenheit im Parlament.

Sie sind zufrieden mit der Solothurner SVP?

Zufrieden darf man als Partei nie sein. Ich persönlich bin zufrieden mit dem, was ich erreicht habe. Das hätte ich mir nie erträumt. Aber wenn eine Partei zufrieden ist, ist dies schon ein Rückschritt. Die Partei darf ja nicht «hingereligge». Ich selbst darf das aber jetzt (lacht). Viele haben gesagt, ich könnte mich nach meinem Abschied aus der Politik 2013 nicht zurückziehen. Aber ich konnte es.

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