«Es ist kein gutes Gefühl», sagt Dominik Lehner. Seit 22 Jahren ist er Chef des Basel-Städtischen Strafvollzugs und seit 2009 präsidiert er die Interkantonale Kommission zur Beurteilung der Gemeingefährlichkeit von Straftätern. 100 Fälle beurteilt diese pro Jahr.

Noch nie kam es zu einem schweren Rückfall. Bis vergangene Woche: Seine Kommission hatte die bedingte Freilassung des Doppelmörders von Hägendorf empfohlen, der jetzt in Frenkendorf (BL) wieder eine Frau umgebracht hat.

Der Eindruck sei falsch, dass die Kommission ihre Meinung geändert habe, sagt Lehner. Er betont: Die Menschen würden sich ändern und damit die Beurteilung – ein «dynamischer Prozess». Der Mann sei «17 Jahre durchgehend» in Therapie gewesen. Nach einem holprigen Start hätten sich Fortschritte gezeigt. Bevor er bedingt entlassen wurde, durchlief er «mehrere Resozialisierungsphasen». Nach problemlos verlaufenen Ausgängen wurde er in ein Arbeitsexternat und schliesslich in ein Wohn- und Arbeitsexternat versetzt. Dies lief gut. «Wir hatten wirklich das Gefühl, dass sich dieser Mensch geändert hat.»

Dominik Lehner ist die zwei Bundesordner Akten nochmals durchgegangen, seit er erfahren hat, dass der Täter wieder eine Frau umgebracht haben soll. Trotz kritischer Durchsicht habe er keine Hinweise gefunden, die darauf hindeuten würden, dass man die Rückfallgefahr doch hätte erahnen können. Lehner betont: Noch fehlt Hintergrundwissen zu den Tatgründen in Frenkendorf. Grundsätzlich gelte immer: «Die Wahrscheinlichkeit einer neuen schweren Straftat ist auch von vielen künftigen Umständen abhängig, die noch niemand kennt.»

Ob ein Mensch als gemeingefährlich gelte, sei abhängig «von den Umständen der Tat, dem Motiv, der Art der Begehung und natürlich vom psychischen Zustand». Es gebe günstige und ungünstige Risikofaktoren. «Günstig war zu werten, dass der Täter bis zu dieser Tat noch nie strafrechtlich aufgefallen war und es sich um ein stark emotional motiviertes Delikt handelte.» Ungünstig sei dagegen ins Gewicht gefallen, dass er die Tat 1994 genau geplant hatte und sehr kaltblütig vorging. Eine Beurteilung der Fachkommission bestehe aus vielen solchen einzelnen Fragestellungen, die jede für sich und bewertet und schliesslich zu einem Gesamtbild zusammengefasst werden. Es gibt einen Kriterienkatalog, aus zwölf einzelnen Bereichen.

«Dass aufgrund des vorliegenden Datenmaterials ein Straftäter als gefährlich erscheint, obschon er möglicherweise kein Delikt mehr begehen würde, ist natürlich immer möglich», so Lehner. Grundsätzlich sei die Beurteilung der Persönlichkeit eines Täters aber bloss eine der Fragestellungen. Auch Führungs- und Therapieberichte würden eine Rolle spielen.

Nein, sagt Dominik Lehner. Zwar sei die Kommission im Verzug gewesen, da sich zuvor die Fälle bei den Kantonen angestaut hätten. Man habe die Beurteilungen einzelner Fälle aber bewusst nicht beschleunigt, um die Qualität der Entscheide eben nicht zu gefährden.

Die Fachkommission habe strenge Ausstandsregeln. «Jedes Kommissionsmitglied ist in seiner Meinungsbildung absolut unabhängig», so Kommissionspräsident Lehner. «Wir beurteilen die vorgelegten Fälle nach bestem Wissen und Gewissen, da ist überhaupt kein Raum für gegenseitige Rücksichtnahme.» Seien Aussagen eines Gutachters nicht schlüssig, könne es gar sein, dass das Einholen eines neuen Fachgutachtens empfohlen werde.