Die heutige Steuergesetzgebung ist absurd: Kauft ein Kunde in der Confiserie Hofer ein Sandwich «zum Mitnehmen», muss die Confiserie 2,5 Prozent Mehrwertsteuer (MwSt) dafür abliefern. Will der Gast jedoch genau dasselbe Sandwich im Lokal geniessen, bezahlt der Gastronom 8 Prozent MwSt.

Manche Gastronomiebetriebe verrechnen die höhere Steuer dem Kunden weiter, andere setzen auf einen Einheitspreis für das gleiche Produkt. Jeder Betrieb müsste für Steuerzwecke jedoch registrieren, wie viele Gäste im und wie viele ausserhalb des Lokals essen. Ob die Betriebe dies tun, überprüft die Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV) im Schnitt nur einmal alle 30 Jahre. Ob diese Situation zu Betrug verleitet?

Zwei Preise für ein Produkt

«Isst ein Kunde sein Sandwich bei uns im Lokal, zahlt er im Schnitt 20 Rappen mehr, als wenn er es einpacken lässt», erklärt Philipp Hofer, Inhaber der Confiserie Hofer in Solothurn. «Grund für den Preisaufschlag ist einerseits ein Zuschlag für den Service, das Geschirr, die Räumlichkeiten, die WC-Benützung sowie die Zeitungslektüre», so Hofer. «Vor allem ist im Preis jedoch die höhere Mehrwertsteuer enthalten.»

Die Schweizer Mehrwertsteuerregelung belastet das Sandwich, das der Kunde «zum Mitnehmen» kauft, nämlich mit 2,5 Prozent. Setzt sich der Gast zum Essen an einen Tisch, wird dasselbe Sandwich mit acht Prozent besteuert. Grund für die unterschiedliche Besteuerung desselben Produkts ist, dass Take-away-Lebensmittel steuerrechtlich als Grundnahrungsmittel gelten. Deshalb gilt für sie der reduzierte Steuersatz von 2,5 Prozent. Werden die Lebensmittel im Gastrobetrieb verzehrt, gilt dagegen der normale Mehrwertsteuersatz für Dienstleistungsbetriebe, also acht Prozent.

Auch an der Theke der Solothurner «Kaffeehalle» sind alle Produkte mit zwei Preisen beschildert; einen für den Konsum im Lokal, der andere für die Mitnahme des Einkaufs. Wer in der «Kaffeehalle» isst, zahlt im Schnitt 20 bis 30 Rappen mehr. Auch hier ist der Preiszuschlag hauptsächlich durch die höhere Mehrwertsteuer bedingt.

Einheitspreis verbreitet

Einen anderen Umgang mit der unterschiedlichen Mehrwertsteuerregelung pflegt die Bäckerei Trüssel. Die Bäckerei mit integriertem Tearoom berechnet dem Kunden denselben Preis, unabhängig davon, ob er im Lokal isst oder seine Bestellung mitnimmt. «Sobald sich ein Kunde jedoch an einen Tisch setzt, registrieren wir in der Kasse den höheren Steuersatz», erklärt Verkäuferin Monika Gubler. «Die höheren Steuern für den Verzehr im Lokal fallen also zu unseren Lasten.» Diese Handhabung funktioniere gut. «Nur in Ausnahmefällen setzt sich ein Kunde, der sich an der Theke etwas einpacken liess, dann doch noch an einen Tisch.»

Nach demselben Prinzip wird die Preisregelung in der Subway-Filiale am Solothurner Bahnhof gehandhabt. Wenn ein Kunde etwa einen «Fajita» bestellt, wird er beim Bezahlen gefragt, ob er diesen im Lokal essen oder mitnehmen wolle. «Der Kunde bezahlt in beiden Fällen denselben Preis», erklärt Filialleiter Felix Ernst. «Je nach Antwort des Kunden erfassen wir die Bestellung im System jedoch anders.» Dafür gibt es eine «Im-Haus»-Taste und eine «Ausser-Haus»-Taste.

«Mischpreis ist üblich»

«Einen Mischpreis für beide Servicearten zu berechnen, ist branchenüblich», erklärt Aglaë Strachwitz, Sprecherin von McDonald’s Schweiz. «Es wird ein Einheitspreis berechnet, damit weder der Take-away-Kunde weniger noch der Gast, der hier isst, mehr bezahlt.» Diese Regelung sei für den Gast am einfachsten. «Da der Kunde für den Service sowieso gefragt wird, ob das Menü ‹zum Hieressen oder zum Mitnehmen› ist, bedeutet die steuerrechtliche Unterscheidung für uns zudem keinen Mehraufwand.» In der Kasse werde per Tastendruck einfach der entsprechende Steuersatz vermerkt.

Überall korrekte Abrechnung?

Ein Rundgang durch Solothurn lässt jedoch vermuten, dass es auch Take-aways gibt, welche bei der internen Abrechnung nicht korrekt zwischen den zwei Steuersätzen unterscheiden. «Da wir ein Take-away sind, machen wir keine unterschiedliche Registrierung von Kunden, die hier essen und solchen, die das Essen mitnehmen», heisst es in einem Lokal.

Die Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV) kontrolliert die Steuerabgaben der Betriebe. «Einerseits prüft die ‹Abteilung Erhebung› der ESTV die MwSt-Abrechnungen von allen Unternehmen intern jedes Jahr», informiert Dominique Späth, Kommunikation ESTV. Eine Abteilung untersuche zudem vor Ort, ob die Unternehmen ihre Steuern korrekt abrechnen. «Es gibt Firmen, die aufgrund von Risiken öfter kontrolliert werden als andere», so Späth. Betriebe mit erhöhtem Risikoprofil werden beispielsweise alle fünf Jahre kontrolliert. «Das durchschnittliche Prüfintervall dagegen liegt heute bei über 30 Jahren.» Das bedeutet in etwa eine Kontrolle pro Berufsleben – rigoros sind die Intervalle also nicht.

«Nicht angemessen»

Einen Einheitspreis bezahlt der Gast etwa auch in der «Pittaria» an der Theatergasse. Die höhere MwSt für Falafel, Hallumi oder Kufta, die im orientalischen Imbiss- und Teehaus verzehrt werden, fallen zulasten des Hauses. «Diese höhere Besteuerung finde ich nicht angemessen», so Geschäftsführer Sami Daher. Er würde gerne nur als Take-away-Betrieb gewertet werden und für jede verkaufte Speise den reduzierten Steuersatz bezahlen. «Den Grossteil des Jahres essen gut 70 Prozent unserer Gäste draussen», so Daher. Zu der unangemessenen zweigleisigen Besteuerung komme hinzu, dass Daher während der ersten fünf Betriebsjahre irrtümlich für jeden Kunden 8 Prozent MwSt abgeliefert hat. «Rückerstattet bekommen habe ich die zu viel bezahlten Steuern nie.»