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Verspielt der Kanton Solothurn sein Fotoerbe?

Ein Bild von Alois Winiger aus dessen Sammlung, die ans Staatsarchiv übergeht.

Ein Bild von Alois Winiger aus dessen Sammlung, die ans Staatsarchiv übergeht.

Bedeutende Bestände drohen verloren zu gehen. Gehandelt wurde im Kanton Solothurn bisher nur zögerlich.

Die Zeit eilt. Noch könnten bedeutende Fotobestände im Kanton gesichert werden. Doch allzu viel ist bisher nicht geschehen. «Das visuelle Erbe des Kantons droht verloren zu gehen», warnt der Historiker André Schluchter.

Die Frage ist: Wer wäre überhaupt zuständig, das Kulturerbe zu sichern? Ein kantonales Fotoarchiv gibt es nicht. Institutionen wie das Staatsarchiv sind vorwiegend auf schriftliche Quellen ausgerichtet – und haben auch keinen anders lautenden Auftrag. «Wir können zwar Fotobestände übernehmen und diese sichern», sagt Stefan Frech, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Staatsarchiv.

Es würden aber nicht nur die personellen Kapazitäten fehlen, um allfällige Bestände selbst aufzuarbeiten. Auch die für Fotografien notwendigen Lagerbedingungen sind nur beschränkt vorhanden. Dass dies ein Problem ist, monierte der bekannte, 2018 verstorbene Fotograf Leonardo Bezzola bereits 2005. Damalige Äusserungen des Kantons, dass das Problem erkannt sei, hatten bisher keine Folgen.

Historischer Wert noch nicht erkannt

Dass vor allem Fotobestände aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nun verloren gehen könnten, erstaunt Fachleute nicht: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Fotografie teuer, weshalb Bestände eher erhalten blieben. In der Endzeit der Analogfotografie waren Kameras und Filme erschwinglicher, die Gebrauchsfotografie galt – im Gegensatz zur Kunstfotografie – als Alltagsgeschäft, dessen historischer Wert damals nicht erkannt wurde.

Hinzu kommt: Das Bild wurde von der Geschichtswissenschaft selbst lange als eigene Quelle vernachlässigt. «Es diente quasi nur als Illustration. Erst in den letzten Jahrzehnten hat sich dies geändert», sagt Schluchter. Die Folge: Einige Fotoarchive wurden aus Platz- und Zeitgründen nicht gepflegt oder entsorgt. So schmiss die Redaktion der Solothurner Zeitung bei einem Umzug einst den Grossteil des Archives weg.

Solothurner Vorstadt mit dem Restaurant Rosengarten um 1900.

Solothurner Vorstadt mit dem Restaurant Rosengarten um 1900.

Projekt droht einzuschlafen

Allerdings sind trotz gewisser Defizite durchaus grössere relevante Fotobestände im Kanton vorhanden:
Der Verein Archiv Olten kümmert sich um die Bestände der bekannten Fotografen Franz Gloor und Roland Schneider, die im Historischen Museum Olten lagern. «Unser Fernziel war bei der Gründung, ein kantonales Zentrum für Fotografie einzurichten», sagt Gründungspräsidentin Ruth Grossenbacher. «An begabten Fotografen und Fotografinnen hätte es nicht gefehlt. Auch der Nachwuchs ist vorhanden.»

Dokumentiert werden sollte die Jurasüdfuss-Fotografie – in gewisser Analogie zur Jurasüdfuss-Architektur. Ausstellungen wurden organisiert. Inzwischen hat sich bei den Initianten allerdings Ernüchterung breitgemacht. Das Projekt droht einzuschlafen.

Einge Sammlungen archiviert

Erhalten sind auch Bestände von Pressefotografen. Bruno Kissling vom «Oltner Tagblatt» etwa verfügt über ein privates Archiv. Dies aufzuarbeiten, so Kissling, wäre jedoch eine grosse Arbeit. Online zugänglich sind Fotografien von Patrick Lüthy, der mit seiner Bildagentur imagopress das Geschehen im Kanton ebenfalls beleuchtet.

Gesichert ist der Bestand des Oltner Fotografen Thomas Ledergerber, der nicht nur viele Fotos aus der Region Olten gemacht, sondern auch mit Patrick Lüthy gemeinsam die AKW-Proteste dokumentiert hat. Ledergerber hat sein Archiv in Schachteln verstaut dem Historischen Museum Olten übergeben. Zwar seien durchaus viele Fotos beschriftet. Es sei jedoch noch «eine Wahnsinnsarbeit» zu tun, sagt Ledergerber. «Mir persönlich ist die Zeit dafür, ehrlich gesagt, zu schade.»

Teils unerschlossene Bestände

Die kantonale Denkmalpflege besitzt ebenfalls eine Bildersammlung. Darin finden sich Baureportagen, historisch wichtige und geschützte Gebäude sind zu verschiedenen Zeiten dokumentiert. Auch bei der Denkmalpflege untergebracht ist die Sammlung der Familie Heri, die über mehrere Generationen ein Fotogeschäft in der Solothurner Altstadt betrieb.

In der Zentralbibliothek Solothurn hat man umfangreiche Bestände aus der Zeit zwischen 1920 und 1960. «Sie sind jedoch teils unerschlossen», heisst es auf Anfrage. Dazu gehören die Nachlässe der Fotografen Hans Koenig (1878–1968) und Ernst Räss (1923–71). Teilbestände der Sammlung sind gut zugänglich: Die Postkartensammlung mit 9000 Exponaten kann online bei der Bilddatenbank der ETH Zürich angeschaut werden. Über die Plattform Wikimedia zugänglich sind Fotoalben des Lehrers Ernst Klöti, aufgenommen zwischen 1930 und 1978.

Stefan Frech vom Solothurner Staatsarchiv ist überzeugt, dass die Nachfrage nach Bildmitteln zunehmen wird: Weil sie Emotionen wecken, seien Fotos nicht nur ein wichtiges Mittel zur Vermittlung von Geschichte. 

Allerdings: Es kostet, das Kulturerbe zu sichern. Mit den Mitteln, die dem Staatsarchiv zustehen, ist es schon eine riesige Aufgabe, die Textbestände zu erschliessen. Dass nun mit der Sammlung Winiger ein erschlossenes Fotoarchiv dem Staatsarchiv angetragen wird, freut Frech. «Das Werk gibt einen grossartigen Einblick in das Alltagsleben sowie politische, kulturelle und wirtschaftliche Ereignisse der 1980er- und frühen 1990er-Jahre.»

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