Wegnetz
Unterwegs mit den guten Geistern der Solothurner Wanderwege

Die meisten Wanderer vertrauen den gelben Markierungen am Wegrand blind. Aber nur die wenigsten wissen, welche Arbeit hinter dem perfekten Wegnetz steckt.

Lucien Fluri
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Als Bezirksleiter bei den Solothurner Wanderwegen ist Robert Klaus für 150 Kilometer Weg verantwortlich. Baumschere, Schraubenzieher und die gelbe Farbe hat er immer dabei.
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Mit Kettensäge und Helm unterwegs
Metall anzubringen ist nur an Totholz erlaubt.
Voller Körpereinsatz für die Wanderwege.
Das Hindernis ist aus dem Weg geräumt: Markierungschef Hans Küpfer (l.) und Geschäftsführer Thomas Stüdeli im Wald ob Balm.
Unterwegs mit den Leuten von den Solothurner Wanderwegen
Lagebesprechung: Wie gehts weiter?

Als Bezirksleiter bei den Solothurner Wanderwegen ist Robert Klaus für 150 Kilometer Weg verantwortlich. Baumschere, Schraubenzieher und die gelbe Farbe hat er immer dabei.

Hanspeter Bärtschi

Vorwärts, marsch. Los gehts. Doch nach wenigen Schritten bleibt Robert Klaus schon wieder stehen. Vor einem gelben Wanderwegweiser öffnet er den Rucksack, kramt Putzmittel und Telapapier hervor und befreit innert Kürze die gelben Schilder von Dreck und Blütenstaub.

Robert Klaus ist Bezirksleiter Leberberg Ost der Solothurner Wanderwege. Mehrere hundert Kilometer Wanderwege läuft er pro Jahr ab. Er putzt die Schilder, schneidet Äste am Wegrand zurück, richtet umgedrehte Wegweiser neu aus und malt ausgeblichene Rhomben nach, wenn das satte Gelb mal wieder von grüner Baumpatina übertüncht wird. Und das grösstenteils ehrenamtlich. Ohne gute Geister wie Klaus wäre das Schweizer Wanderwegnetz niemals so perfekt auf Vordermann.

1300 Kilometer Unterhalt

Die Sonne strahlt noch nicht besonders kräftig, als sich Robert Klaus unterhalb der Burgruine Balm mit Markierungschef Hans Küpfer und Thomas Stüdeli, Geschäftsführer der Solothurner Wanderwege, trifft. Solides Schuhwerk, Wanderstöcke, Softshell-Jacke. Das Ziel der drei Wanderer ist eine umgeknickte Tanne unweit der Balmburg. Sie liegt quer über dem Wanderweg. Das Durchkommen: erschwert. Markierungschef Hans Küpfer trägt die Motorsäge in der Hand und marschiert los.

Nicht der Staat stellt das Wegnetz bereit: Die Solothurner Wanderwege sind ein Verein, dem jeder beitreten kann. 30 Franken kostet das pro Jahr. Rund 700 Mitglieder zählt der 1979 gegründete Verein heute. Die Vereinsmitglieder unterhalten, planen und signalisieren das 1300 Kilometer lange Wanderwegnetz. Sie handeln im Auftrag des Staates: Kanton und Gemeinden stemmen mit rund 150 000 Franken pro Jahr den Grossteil des Budgets.

Werkzeug immer dabei

«Ich sass mein Leben lang auf einem Bürostuhl», sagt Robert Klaus. Der frühere Flumenthaler Gemeindepräsident und Bankmitarbeiter hat sein Nebenamt, seit er pensioniert ist. Er ist für 150 Kilometer Wanderwegnetz verantwortlich – sein Revier geht von der Siggernmündung in Flumenthal rauf zur Schmiedenmatt, dann rüber zum Hinteren Weissenstein und schliesslich über Oberdorf runter an die Aare. «Es gibt nichts anderes, als die Wege per pedes abzulaufen», sagt Klaus. Mindestens einmal, manchmal auch zwei Mal pro Jahr marschiert er die Strecke ab. Jährlich wechselt er die Richtung. «Das wichtigste Arbeitsgerät ist die Baumschere», sagt Klaus unterhalb der Balmburg. Markierungschef Hans Küpfer korrigiert: «Die Augen sind noch wichtiger.» Im Wanderrucksack hat Klaus gelbe Farbe, den Pinsel, Handsäge, Putzutensilien und Werkzeug. Er nimmt ihn auch mit, wenn er nicht auf seinen Routen unterwegs ist.

Neue Wege sind selten

Irgendwo im Wald zwischen Balm und Rüttenen liegt die Tanne quer über dem Wanderweg. Der Stamm ist gespannt wie ein Pfeilbogen. Hans Küpfer, der einst seine Lehre im Forstwesen gemacht hat, setzt den orangen Helm auf und die Motorsäge in Gang. Wenig später ist die Tanne weg, der Weg ist frei. Die Heinzelmännchen haben ihren Dienst getan.
1300 Kilometer und auf mehreren hundert Routen schlängeln sich die Wanderwege durch den Kanton. «Das Wegnetz ist tendenziell abgeschlossen», sagt Hans Küpfer. «Im Gegensatz zu anderen Kantonen haben wir ein sehr dichtes Netz.» Kein Wunder: Die erste Jurakette ist eine der meistfrequentierten Wanderrouten.

«Chef» des Solothurner Wegnetzes ist Thomas Stüdeli. Eigentlich ist der Selzacher Kunstturntrainer. Doch mit einem 20-Prozent-Pensum arbeitet er auch als Geschäftsführer und Wegbauchef der Solothurner Wanderwege und koordiniert die grossen Unterhaltsarbeiten: Dicke Baumstämme sägen nämlich die Forstbetriebe weg, Zivilschützer und Asylsuchende helfen beim Instandstellen der Wege.

Ein Schweizer Regelwerk, fast so perfekt wie das Uhrwerk

Hans Küpfer ist seit 20 Jahren Markierungschef. Gearbeitet wird schweizweit mit dem 68-seitigen Handbuch zur «Schweizer Norm SN 640 829a, Signalisation Langsamverkehr». Alles ist dort geregelt: die Farbe: Gelb. Genauer: Gelb RAL 1007. Die Schrift: ASTRA-Frutiger Standard, Höhe 30 mm. Nägel oder Schrauben sind verpönt und nur am Totholz erlaubt. Auf Baumstämme wird der gelbe Rhombus gemalt.

Mit den Wanderwegen hat der Schweizer Perfektionismus seinen Weg bis in das abgelegenste Waldstück gefunden – nach gut schweizerischer Art aber mit einer Prise Föderalismus, im Verein organisiert und nicht zuletzt durch eine Volksabstimmung sanktioniert: 1979 schrieben die Schweizer die Förderung der Fuss- und Wanderwege in die Verfassung. Schon seit 1934 gibt es eine Schweizer Arbeitsgemeinschaft für Wanderwege, und seither sind die Schilder gelb.

4,2 Kilometer pro Stunde mag ein Schweizer laut Lehrbuch wandern. So sind jedenfalls die Zeitangaben auf den Wegweisern berechnet. Und klar: Es ist strikte festgelegt, wann die vermutete Wanderzeit neben dem Zielort auf dem Schild stehen darf; nämlich zu Beginn und am Ende einer Route sowie an Zwischenzielen. Verzweigt sich eine oder kreuzen sich zwei Routen, stehen nur die Zielorte ohne Zeit.

Der Wanderer vertraut blind

Robert Klaus bleibt bald wieder vor einer Tanne stehen, nimmt Pinsel und Farbe und klebt die Ränder des ausgeblichenen Rhombus ab, bevor er ihn mit frischem Gelb übermalt. Ein Kilogramm Farbe braucht er pro Saison. Schliesslich greift der Flumenthaler zum Sackmesser und kratzt mit der Klinge so lange an den Seitenlinien des Rhombus, bis dessen Kanten absolut gerade sind.

Der Lohn für die Arbeit? Der Perfektionismus eines Robert Klaus und seiner Mitstreiter haben dafür gesorgt, dass die Wanderer den gelben Wegweisern fast blind vertrauen. «Der Wanderer läuft einfach. Oft denkt er nicht mehr», so Markierungschef Küpfer. Manchmal erhält er Anrufe, wenn Wegweiser angeblich nicht stimmen. In den meisten Fällen, so weiss Küpfer, waren die Wanderer unaufmerksam. Denn auf die Markierungen in der Farbe Gelb RAL 1007 ist fast immer Verlass.

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