Amtsgericht Solothurn-Lebern
Tödliche Schüsse im Bahnhof: Ein 50-jähriger Tamile steht nun wegen Mordes vor Gericht

Vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern muss sich ein 50-jähriger Tamile wegen Mordes verantworten. Zur Tat kam es im Oktober 2016 in der Unterführung des Solothurner Hauptbahnhofes.

Ornella Miller
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Tödliche Schüsse in der Bahnhofunterführung in Solothurn hatten am 25. Oktober 2016 für Schlagzeilen gesorgt. Täter Anil A.* (50) steht nun wegen Mordes vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern. Gemäss Anklageschrift ist es einer Ladehemmung der von ihm benutzten Pistole zu verdanken, dass nicht noch mehr Menschen getötet wurden.

Aus der Anklageschrift geht Folgendes hervor. Am Abend gab es in der südlichen Bahnhofspassage zuerst einen Streit zwischen Tamilen. Der in der Filmherstellung und im Handel mit tamilischen Produkten tätige Anil war wütend, als er sah, dass sein ehemaliger Mitarbeiter Savith S.* in einem Foodshop in der Bahnhofspassage zu Werbezwecken Produkte fotografierte. Er habe ältere Rechte und habe Solothurn als «sein Gebiet» betrachtet.

Der Ladenbesitzer und Savith hätten ihn zuerst um Erlaubnis fragen müssen. Vor Ort habe er unvermittelt den Shopbetreiber Bal B.* und auch Savith geschlagen. Als ein weiterer Tamile, der 29-jährige Ravi R.*, ihn später fragte «Weshalb schlagen Sie Leute?», versuchte Anil mit einer Bierflasche und angeblich einem Stuhl auf diesen einzuprügeln. Doch der wich aus und Landsleute hielten ihn davon ab. Anil habe sich wieder unter wütendem Zuruf «Warte, ich zeige euch noch etwas. Ravi bleib, ich komme», entfernt.

Tödliche Schussabgabe aus drei Meter Entfernung

Anil holte aus seinem nahe gelegenen Büro eine Pistole und kehrte zurück. Er suchte Ravi unter den etwa zehn Landsleuten, die vor dem tamilischen Restaurant gegenüber des Foodshops standen. Diese versuchten ihn zurückzudrängen. Trotzdem konnte er zu Ravi vordringen.

Er zog die Schusswaffe, habe aggressiv «He, Ravi, komm alleine!» geschrien. Anil feuerte auf den drei Meter entfernten Ravi, obwohl dieser mit erhobenen Händen «Bitte nicht!» rief. Ravi fiel getroffen zu Boden, Anil habe ihm daraufhin noch einen Kopfschuss verpassen wollen, doch die Pistole habe eine Ladehemmung gehabt, die Patrone sei festgeklemmt gewesen.

Savith versuchte vergeblich, Ravi die Waffe aus der Hand zu reissen. Ravi liess vom Opfer ab und habe versucht, nun auf Savith zu schiessen, er verfolgte diesen mit der Waffe in den Händen. Doch dank der Ladehemmung gelang Savith die Flucht. Ravi starb infolge des Halsdurchschusses.

Die Anklageschrift enthält nebst Mord und versuchten Mordes neun weitere Delikte. Am ersten Verhandlungstag wurden fünf Zeugen befragt, zudem die Ehefrau des Angeklagten und dieser selbst, wobei die beiden Letzteren nichts oder kaum etwas aussagten.

Die Befragungen waren sehr zäh und wenig ergiebig, da sich die Zeugen meist nicht mehr erinnern konnten. Die Aussagen stimmten teils überein, oft erwähnte auch nur einer einen Aspekt, sodass die Richter nun in Kleinarbeit ein grosses Puzzle zusammenfügen müssen.

Das Gericht interessierte sich etwa für die Stimmung der Beteiligten, die genaue örtliche Position bei den Taten, wie Anil die Waffe hielt, als er Savith nachrannte, ob eine Provokation durch das Opfer vorlag, wie viele Schüsse fielen. Aus den Befragungen im Saal ging etliches aus der Anklageschrift nicht hervor, beispielsweise dass die Pistole eine Ladehemmung hatte und auch nicht, dass Anil tatsächlich auf den flüchtenden Savith zu schiessen versucht habe. Oder auch nicht, dass Anil nach Ravis Tötung auch Bal zu töten versuchte. Weder Bal noch Savith waren der Gerichtsvorladung gefolgt.

Angeklagter war bei der Tat sturzbetrunken

Anil war offenbar bei der Tat so betrunken gewesen, dass die Polizei ihn nach der Tat nicht gleich einvernehmen konnte. Die Aussagen von Ravis beiden Freunden legten nicht nahe, dass sie von Savith extra als Verstärkungstrupp hergerufen wurden. Etwas bizarr war die Szene, als Anil sich weinend zu Ravis Mutter drehte, die als Privatklägerin auftritt und sagte: «Ich habe es unabsichtlich gemacht», während diese ebenfalls weinte. Auf der Zuschauertribüne verfolgten zahlreiche Angehörige Anils den Prozess.

Die Verhandlung wird am Dienstag fortgesetzt. Auf dem Programm stehen insbesondere die Plädoyers von Anklage und Verteidigung. Das Urteil dürfte erst zu einem späteren Zeitpunkt eröffnet werden.

*Namen geändert