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Solothurn zeigt Bichsel: Uraufführung von «Die Jahreszeiten» im Stadttheater

Am Freitag fand im Stadttheater Solothurn die Premiere von «Die Jahreszeiten» statt. Regisseurin Deborah Epstein inszeniert mutig Peter Bichsels einzigen «Roman».

Loriana Zeltner
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«Die Jahreszeiten» von Peter Bichsel im Stadttheater Solothurn.

«Die Jahreszeiten» von Peter Bichsel im Stadttheater Solothurn.

zvg / Joel Schweizer

Vor stolzen 55 Jahren legte Peter Bichsel «Die Jahreszeiten» vor. Nach der vielgelobten Sammlung von Kurzgeschichten «Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen» erntete Bichsels romanartiger Text weniger wohlwollende ­Kritik. An eine Bühnenadaption dieses zweiten Buchs des bestens bekannten Schriftstellers wagt sich nun zum ersten Mal Deborah Epstein für das Theater Orchester Biel Solothurn (Tobs).

Mit einer minimalis­tischen Ausstattung und einem talentierten Cast bringt sie die herausfordernde, sperrige Vorlage in eindrucksvollen Bildern auf die Bühne. In Stück wie auch Vorlage fliessen zwei Geschichten ineinander.

Das tomatenfarbige Haus als Star der Show

Auf der einen Seite treffen Zuschauerin und Zuschauer auf einen Icherzähler. Er sitzt in einem baufälligen, tomaten­farbigen Mehrfamilienhaus, dessen bröckelnder Wandputz und altersschwache Wasser­leitungen von Tag zu Tag mehr zur Belastung werden. Denn der Icherzähler ist Dichter und befindet sich in der Schaffensphase.

Und hier kommt bereits der zweite Erzählstrang ins Spiel: Wir beobachten den Erzähler dabei, wie er eine Geschichte fortspinnt. Er denkt sich einen Wasserkrug aus – doch was ist ein Krug ohne Besitzer, ohne Herkunft, ohne Geschichte dahinter? So entwickelt sich nach und nach die Figur Kieninger, der den Krug in Tarragona erstand, im tomatenfarbigen Haus zur Untermiete wohnt und aus Wien stammt.

Auch Kieninger braucht eine Geschichte. Eine Geschichte, die sich im Laufe des Stücks bildet und wandelt. Ein Schritt vor und zwei Schritte zurück. In einem wilden Hin und Her verweben sich die beiden Erzählstränge zunehmend, bis die Suche nach Kieningers Geschichte einem Fiebertraum gleicht. Star der Show ist das tomatenfarbige Haus, mit dessen Eigenheiten und Bewohnern beide Figuren gleichermassen einen Umgang finden müssen.

«Es gibt ihn nicht, aber er ist da!»

In «Die Jahreszeiten» geht es ums Erzählen um jeden Preis. Der Autor im Stück hadert mit seinen Erfindungen, Zusammenhängen und Motiven. Eindrücklich wird dargestellt, wie die erzählte Geschichte um Kieninger und gleichzeitig das Erzählen selbst Teil zum fixen Bestandteil im Leben des Schreiberlings werden. Zunehmend verschwimmen für ihn Erfundenes und Realität.

Fieberhaft sucht er nach glaubhaften Beweggründen, neuen Bekanntschaften und Ereignissen in Kieningers Leben, um die Geschichte fortzuführen. Vielfach findet er die Inspiration dazu im eigenen Alltag. Kieninger scheint überall präsent, sodass der Erzähler ausruft: «Es gibt ihn nicht, aber er ist da!»

Nicht zuletzt wird die Frage aufgeworfen, warum überhaupt erzählt werden soll. Mehrmals schreibt der Icherzähler, obwohl ihn das Erzählte gar nicht interessiert, gar langweilt. Er füllt ­lediglich Papier oder versucht es zumindest verzweifelt. Das Stück ist ein Kampf des Schriftstellers, dem nichts einfallen will – und doch ist am Ende etwas auf dem Papier.

Überzeugende Hassliebe des Erzählers zu seinem Wohnhaus

Obwohl Bichsels «Die Jahreszeiten» 1967 publiziert wurden, scheinen die Erfahrungen des Icherzählers aktueller denn je. Dies wird in der Inszenierung deutlich. Es kann sich nicht jeder mit der Arbeit eines Autors identifizieren. Nach Lockdowns und Homeofficepflicht sehen aber viele ihre Wohnsituation mit anderen Augen.

Das Stück vermittelt feinfühlig, wie es ist, arbeiten zu wollen oder zu müssen, wenn der Sohn nebenan lauthals schreit, der Vermieter auf lecke Wasserleitungen nicht reagiert oder sich Schädlinge im Dachgebälk einnisten.

Wer plötzlich mehr Zeit zu Hause verbringt, der lernt jeden Makel seines trauten Heimes kennen. Die Hassliebe des Erzählers zu seinem Wohnhaus wirkt 2022 umso überzeugender. Auf jeden Fall wurde der Blick für das Alltägliche anschaulich umgesetzt.

Am Ende der Premiere erhielten nicht nur das Ensemble und die Regisseurin gebührenden Applaus. Der 87-jährige Peter Bichsel bahnte sich ebenfalls den Weg zur Bühne – das Publikum ehrte den Schriftsteller mit Standing Ovations.

Bichsel besuchte weder eine Probe, noch verlangte er einen Einblick in die Arbeit an der Inszenierung, noch las er die Spielfassung. Bei der Inszenierung liess er Deborah Epstein freie Hand. An seinem Gesichtsausdruck auf der Bühne gemessen, scheint dies eine gute Entscheidung gewesen zu sein.