«Wir starten früh. Unsere Klientinnen und Klienten wollen schliesslich aus dem Bett. Die Mitarbeitenden gehen ab 6.3o Uhr auf Tour durch den ganzen Bucheggberg, auch am Sonntag.
Ein paar Pflästerli aufkleben und noch etwas pflegen: Das ist die Vorstellung, die viele Leute noch immer von der Spitex haben. Dabei leisten wir hochprofessionelle Arbeit. Wir kümmern uns um Patienten, die zum Teil mehrere schwere Krankheiten haben. Wir haben Klienten, die die ganze Ernährung über eine Infusion aufnehmen. Wir hatten einmal gar jemanden mit einem externen Herz. Wir spüren, dass die Spitäler wegen der Fallpauschalen die Leute viel früher entlassen.

Für viele ältere Menschen, die allein sind, sind wir ein Fixpunkt im Tagesablauf. Wir werden am Morgen erwartet. Einsamkeit ist zwar ein Thema im Alter. Aber nicht jeder empfindet es gleich. Einige leben gerne alleine. Und wir merken, dass wir in einem ländlichen Gebiet arbeiten: Wir spüren das Engagement im Dorf, in der Nachbarschaft und in der Familie.

Stützstrümpfe anziehen, Insulin spritzen, Körperpflege, Medikamente abgeben etc. Um 10 Uhr kommen die ersten Mitarbeiterinnen zurück. Wir haben neun Autos. Es ist – bei annähernd 200 Klienten – eine riesige Herausforderung, die Touren durch den Bucheggberg so zu planen, dass wir möglichst wenig Wegzeit haben. Sobald ein Patient in der Nacht gestürzt ist oder etwas Unerwartetes passiert, verzögert sich die Tour rasch.

Die Zeit für die Patienten wird immer knapper

Der Patient soll immer im Zentrum stehen. Ich kämpfe dafür, dass die Mitarbeitenden Zeit für die Patienten haben. Aber die Spitex steht unter finanziellem Druck. Wir müssen möglichst wirtschaftlich sein und die Zeit für die Patienten wird immer knapper. Das kann frustrieren.
Die Leute möchten auch Seelenhygiene. Wenn wir kommen, wollen sie einige Worte reden. Bei der Körperpflege kann man parallel zur Arbeit einen Schwatz halten. Aber was ist bei Kleineinsätzen? Wie soll dies funktionieren, wenn man beim Patienten nur zehn Minuten Zeit hat, um eine Spritze zu geben. Zuerst sagt man sich «Guten Tag». Dann muss sich der Patient entkleiden. Er steht ja nicht nackt da, wenn wir kommen. Solche Kurzeinsätze sind in der von der Krankenkasse bezahlten Zeit kaum zu machen.

Die Leute suchen möglichst viel Selbstbestimmung

Autonomie ist auch im Alter zentral. Selbst zu bestimmen, wie der eigene Alltag aussehen soll, bedeutet viel Lebensqualität. Auch deshalb wollen viele alte Menschen lange zu Hause bleiben. Zu Hause ist es einem einfach wohl. Hier, in meinen vier Wänden, sage ich, wie es läuft. Für uns bei der Spitex ist dies nicht immer einfach.

Es ist eine grosse Herausforderung, wenn jemand die gewohnte Umgebung verlassen und in eine Langzeitinstitution wechseln muss. Wer das eigene Zuhause verlässt, spürt, dass er auf seine letzte Lebensstation zugeht.

Bereits Spitex-Hilfe bedeutet, von der Autonomie loslassen zu müssen. Man lässt jemanden Fremden in die eigene Wohnung, ins Bad und ins Schlafzimmer. Dies zuzulassen, ist nicht einfach, es ist ja auch eine sehr intime Sache. Wer uns zum ersten Mal braucht, hadert oft damit, dies zu akzeptieren. Trotzdem bleiben die Leute lieber daheim, als in eine Institution zu gehen.

Alles muss auf dem Tablet dokumentiert werden

Spitex ist ein klassischer Frauenberuf. Wir haben bei der ganzen Spitex Aare rund 100 hochmotivierte Mitarbeitende; fast alle arbeiten Teilzeit und haben eine Familie neben dem Beruf. Diese ähnliche Ausgangslage fördert das Verständnis untereinander. Will jemand eine Schicht abtauschen, ist dies meist rasch erledigt.

Eine Spitex ist ein Unternehmen. Wir koordinieren in der Zentrale die Einsätze. Mahlzeitendienst und Hauswirtschaft gehören auch zu unserem Angebot.

Alles, jede Pflegehandlung muss dokumentiert sein. Wir werden zugemüllt mit Anforderungen der Krankenkassen, unsere Arbeit aufzuzeichnen. Weichen wir zu sehr von der vorgegebenen Behandlung ab, müssen wir dies ausführlich begründen. Sonst erhalten wir kein Geld. Die Kasse will möglichst wenig zahlen.

Dokumentiert wird alles elektronisch. Jede Mitarbeitende hat ein Tablet bei sich. Dort sieht sie ganz genau, welche Massnahmen sie bei welchem Klienten durchführen muss. Wir notieren beispielsweise, wenn etwas Aussergewöhnliches passiert. Die nächste Mitarbeitende, die vorbeikommt, weiss dies dann. Dank des Tablets wird die Weitergabe von Informationen einfacher.

Zuhause bleiben: Das geht oft nur dank den Angehörigen

Fünf bis zehn Prozent unserer Klienten haben eine leichte Demenz. Sie können zu Hause bleiben, aber dafür ist ein grosses Engagement der Angehörigen nötig. Bei schwerer Demenz ist es nur möglich, zu Hause zu bleiben, wenn Angehörige vor Ort sind. Wir sehen Ehepartner, Töchter oder Söhne, die 24 Stunden im Einsatz sind.

Man kann Gefahren entschärfen, indem man Sicherungen bei Kochherden rausnimmt oder Kerzen aus dem Haushalt entfernt. Für uns ist es nicht einfach, demente Menschen abzuholen. Mit der Demenz verbunden ist oft eine Trotz- oder Verweigerungshaltung, insbesondere wenn die Leute nicht mehr verstehen, was das Umfeld von ihnen möchte.

Es ist generell eine Herausforderung, wenn die Leute die Hilfe nicht annehmen. Dies ist bei starken Charakterköpfen manchmal der Fall. Eskaliert eine Situation, müssen wir die Kesb informieren. Damit macht man sich nicht beliebt.

Der Tod begleitet uns. Wir können jederzeit in einen Haushalt kommen, in dem jemand verstorben ist. Wenn dies geschieht, bieten wir aus der Zentrale jeweils sofort Unterstützung an.

Heute sterben viel mehr Menschen in ihrem Zuhause. Wir haben ein Palliativ-Team, das Unterstützung bietet, wenn sich eine solche Situation abzeichnet. Sie sind rund um die Uhr auf Pikett. Sie sprechen mit den Betroffenen, den Ärzten und den Angehörigen. Es geht darum, würdig und gut die Welt zu verlassen. Einige Patienten verdrängen den Tod, andere wissen schon, welche Kleider sie im Sarg angezogen haben möchten.