Armee-Ausschreibung
Solothurner Mach Ski erfüllt alle Kriterien zum besten Preis – den Zuschlag bekommt jedoch Stöckli

Alle 10 Jahre braucht die Armee neue Ski. Ein Solothurner Produzent hat beim letztjährigen Ausschreibungsverfahren mitgemacht. Er hat alle Kriterien erfüllt – zum besten Preis. Den Zuschlag bekam Stöckli. Einsprache unmöglich.

Sébastian Lavoyer
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Diesen Winter beschafft die Armee rund 650 Paar neue Ski von Stöckli – mit Fritschi-Bindungen.

Diesen Winter beschafft die Armee rund 650 Paar neue Ski von Stöckli – mit Fritschi-Bindungen.

Eddy Risch / KEYSTONE

Die Enttäuschung kann Alex Maienfisch nicht verbergen, als er den Ordner mit allen Dokumenten zur Ausschreibung der Armasuisse auf den Stehtisch legt. Neben uns stehen die Ski, die er seit rund fünf Jahren produziert und in der Schweiz, Österreich, Frankreich und Südkorea vertreibt. Mach Ski aus dem Attisholz unweit Solothurns. Hier lagert ein Teil seiner Ski, hier hat er auch eine kleine Werkstatt, wo er Ski einstellen oder Kanten schleifen kann.

Tom Ulrich

Es ging um viel, um eine Lieferung von 650 Paar Ski und einen zehnjährigen Vertrag als Skiausrüster der Schweizer Armee. Allein die Erstlieferung von 650 Paar Ski hätte ein Volumen von mehreren hunderttausend Franken. Hätte, denn die Geschichte sollte kein glückliches Ende finden. Ihren Anfang nahm sie im September 2020. Maienfisch ist auf Besuch in der Mach-Skiproduktion in Norditalien. Man fachsimpelt, man tauscht Ideen aus. Und irgendwann erzählt ihm sein Geschäftspartner, dass sie auch schon Ski für die italienische Armee gemacht hätten. Über die Jahre mehr als 6000 Stück.

Ersatz für Tourenski

Maienfisch googelt sich wenig später auf Simap, das Ausschreibungsportal des Bundes, sieht, dass Armasuisse neue Ski sucht. «Die Tourenskiausrüstung ‹Tourenski 09› inklusive Bindung und Zubehör, welche heute bei der Armee im Einsatz ist, erreicht per 2020/21 das Nutzungsende», steht in der Ausschreibung mit Projektnummer 242.4.219 vom 8. September 2020.

Zwölf Tage nach der Freischaltung wird Maienfisch auf die Ausschreibung aufmerksam. «Ein riesen Zufall», findet er noch immer. Denn die Armee schreibt solche Aufträge nur rund alle zehn Jahre aus. Bis Ende Oktober hat er Zeit, eine Eingabe zu machen. Also setzt er sich hin, studiert die Dokumente, insbesondere die Zuschlagskriterien. Er kommt zum Schluss: Das ist machbar. «Jetzt oder nie», denkt sich Maienfisch – und legt los.

Er weiss genau, wo er ansetzen muss. Die technischen Spezifikationen zu Ski und Bindung passen auf zwei Schweizer Produkte, die er bestens kennt. Ein Freerideski, drei Längen, eine bestimmte Taillierung, Rockertechnologie (verleiht Auftrieb im Tiefschnee) und Sandwichkonstruktion (das heisst folglich auch Holzkern) – die Ausschreibung passt wie die Faust aufs Auge zum Stormrider 95 von Stöckli.

Ausschreibung zielt auf genau eine Bindung

Maienfisch hat mit dem Freerideski «Spirit» ein ähnliches Modell im Angebot. Aber der Mach-Ski passt nicht genau auf die Anforderungen, die er unter den Zuschlagskriterien findet. Also baut er den Ski um, passt Taillierung und andere Details an und lässt entsprechende Mulden fertigen. Die braucht es, um die Ski in Serie zu fertigen. Und er müsste im Falle eines Zuschlags umgehend mit der Produktion beginnen, um innert der geforderten zwei Monate liefern zu können. «Nicht einmal ein grosses Skiunternehmen schafft es, mitten im Winter in so kurzer Zeit 650 Paar Ski zu fertigen, wenn es nicht vorbereitet ist», sagt Maienfisch.

Bei der Bindung ist die Sache noch offensichtlicher. Das Gewicht, die Bindungseinstellung mit ein bis zwei Werkzeugen, die Breite des Harscheisens. «Liest man die Angaben unter den Zuschlagskriterien und geht nach dem Ausschlussverfahren vor, kommt genau eine Bindung in Frage – und zwar die von Fritschi», sagt der Skiproduzent aus dem Kanton Solothurn. Er holt bei Fritschi eine Offerte ein, fragt für gleiche Bedingungen wie Stöckli, weil er fest davon überzeugt ist, dass die Nummer 1 im Schweizer Skimarkt ebenfalls eine Eingabe macht.

Preislich besser

Alles ist bis ins kleinste Detail geplant. Wie im Fall von Stöckli würde Fritschi die Endmontur übernehmen, das Anbringen aller geforderten Kleber und den Transport zur Armasuisse. Maienfisch ist überzeugt, dass er nicht nur alle Kriterien erfüllt, sondern auch preislich das bessere Angebot machen wird. Da kann eigentlich nichts mehr schiefgehen, denkt er.

Die grosse Enttäuschung kommt am 8. Dezember 2020. «Nach erfolgter Evaluation müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass wir Ihr Angebot nicht berücksichtigen können», teilt ihm die Armasuisse mit. Den Zuschlag habe Fritschi erhalten. Wie schon vor zehn Jahren werden sie zusammen mit Stöckli die Armee beliefern, wie die Armasuisse auf Anfrage mitteilt.

Ganz sicher nicht, weil es preislich das beste Angebot war. Da erreichte das Angebot von Mach-Ski nämlich das Maximum von 1800 Punkten – und das erhält nur jenes mit dem tiefsten Preis. Auch erfüllt das Angebot alle Kriterien. Mit Ausnahme von zwei Punkten. Für die «Referenzen» bekommt Maienfisch keine Punkte. Weil nicht er selbst den Ski für die italienische Armee fertigte, sondern sein italienischer Geschäftspartner. «Diesen Abzug kann ich akzeptieren», sagt der Mach-Macher, «aber ich bemängle, dass die Armasuisse im Verlauf des Verfahrens die Zuschlagskriterien abgeändert hat.»

Plötzlich werden Kriterien gewichtet

Und damit bezieht er sich auf den zweiten Punkt, der ihm Abzüge bescherte, den Punkt «Skiverstärkungen». In der Ausschreibung vom 8. September werden dazu vier Kriterien aufgeführt. Sind diese erfüllt, gibt es die volle Punktzahl, insgesamt 1150 Punkte. Maienfisch ist überzeugt: «Ich habe all diese Kriterien erfüllt.» Trotzdem kriegt er am Stichtag nur 675 Punkte. Weil die Kriterien plötzlich präzisiert werden.

Kurz erklärt an einem der vier Kriterien, der Kantenbreite: Ursprünglich stand unter dem Zuschlagskriterium, die Kanten bräuchten eine Verstärkung zwischen 2 und 2,2 Millimeter. Doch im Absageschreiben gibt es plötzlich nur die volle Punktzahl, wenn die Kantenverstärkung 2,2 Millimeter und mehr beträgt. «Ich hätte eine 2,2-Millimeter- Kante montiert und sie geschliffen auf 2,1 Millimeter», erklärt Maienfisch. Damit lag sein Angebot genau in der Mitte der in der Ausschreibung vom 8. September festgehaltenen Bandbreite. Zwei Monate später aber kriegt er dafür nur die halbe Punktzahl. Ähnlich konstruiert wirken die anderen Abzüge.

Maienfisch reagiert umgehend, kündet an, dass er gegen das Resultat Beschwerde einlegen werde. Die Armasuisse kontert: Man habe versucht, transparent darzulegen, warum das Mach-Angebot nicht berücksichtigt werden konnte. Ausserdem gebe es keine Beschwerdemöglichkeit. Weil die Skibeschaffung behandelt wird wie die Beschaffung von Kriegsgütern. Auch gibt die Armasuisse keine Auskunft darüber, wer neben Mach und Stöckli der dritte Skianbieter war, der eine Offerte einreichte.

Am 19. Dezember meldet sich Maienfisch per E-Mail bei den Behörden. Er bemängelt, dass die Zuschlagskriterien verändert wurden. Laut dem Gesetz über das öffentliche Beschaffungswesen (Artikel 18, Absatz 1, Bestimmung a und Anhang 4 Punkt 7) dürften die Kriterien und deren Gewichtung aber nicht verändert werden. Tatsächlich ist in der Ausschreibung vom 8. September nichts von einer Gewichtung zu lesen.

Risikoabwägung hätte gegen Mach gesprochen

Anfang Januar meldet sich die Armasuisse. Man habe die Gewichtung der Zuschlagskriterien nicht verändert, alles sei publik und bekannt gewesen, Maximalpunktzahl wie Gewichtung. Was nach Einsicht dieser Zeitung in die entsprechenden Dokumente zumindest sehr fragwürdig erscheint. Armasuisse schreibt zudem: «Ziel der Ausschreibung war es, ein eingeführtes Produkt zu beschaffen, welches die erhöhten Anforderungen für einen militärischen Einsatz vorbehaltlos erfüllen kann.»

Bei Maienfischs Angebot hätte es sich um eine Weiterentwicklung der italienischen Militärskier gehandelt. Die Armasuisse dazu: «Um die Truppentauglichkeit im Einsatz vor Ort sicherzustellen, kann sich die Schweizer Armee leider nicht für Markt- oder Produktentwicklungen zur Verfügung stellen, sondern muss ausschliesslich eingeführtes und erprobtes Material in den Einsatz nehmen. Eine Risikoabwägung mit den Verantwortlichen des Heers ist daher leider auch nicht zu Ihren Gunsten ausgefallen.»

Das hätte man Maienfisch eigentlich gleich von Anfang an sagen können. Dann hätte er wenigstens gewusst, worauf er sich einlässt und wofür er seine Zeit und sein Geld investiert. Das geschah nicht, so Maienfisch. Zudem sei der Ski erprobt durch die italienische Armee. «Unser Ski wäre baugleich gewesen, wir hätten lediglich die Form den Ansprüchen der Armasuisse angepasst.» Einen schalen Nachgeschmack hat die Geschichte so oder so.