Solothurner Literaturtage
Das Leben von einem, der aus der Hölle stieg und dorthin zurückging

Die deutsche Autorin Lioba Happel liest aus ihrem neuen Buch «Pommfritz aus der Hölle» – in dem sie das Leben eines Muttermörders schildert.

Fränzi Zwahlen
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Lesung mit Lioba Happel, die ihre Zuhörer nicht schont.

Lesung mit Lioba Happel, die ihre Zuhörer nicht schont.

Hanspeter Bärtschi / SZ

Kurz vor zehn Uhr am Freitagmorgen gibt es schon Warteschlangen im Landhaus Solothurn. Das Publikum strömt an die Solothurner Literaturtage. In der Säulenhalle steht eine Lesung mit Zsuzsanna Gahse im Saal und eine mit der deutschen Autorin Lioba Happel (57) in der Säulenhalle auf dem Programm. Wir entscheiden uns für Happel. Moderatorin Martina Kuoni begrüsst die Gäste.

Lioba Happel hat sich zunächst einen Namen als Lyrikerin gemacht. Und auch in ihren Prosatexten mahnt ihre Sprache an Lyrik. Die sensible Sprache macht sich bei ihrem neuen Buch «Pommfritz aus der Hölle» umso deutlicher bemerkbar, als dass es sich um eine schonungslose, brutale Abrechnung eines ungeliebten Sohnes Pommfritz mit seinem Vater handelt.

Sie sei aufgrund ihrer Arbeit als Sozialpädagogin mit schwierigen Jugendlichen in Kontakt gekommen, berichtet die Autorin. Ohne diese Erfahrungen, wäre es ihr nicht möglich gewesen, dieses Buch zu schreiben. Ihr sei vor allem ein Junge im Gedächtnis geblieben; «ein wunderschönes Gesicht, doch ein Junge, der alles um ihn herum zerstörte.»

Drei Jahre lang am Tischbein angebunden

Ihr neues Buch ist ein Briefroman. «Pommfritz schreibt seinem Vater Briefe aus dem Gefängnis und erklärt so sein Leben, seine Beweggründe für seine monströse Tat, den Muttermord. Doch auf einen Antwortbrief wartet er vergebens». In 25 Minuten gibt die Autorin einen kurzen Einblick in das Buch, indem sie wichtige Passagen daraus vorliest.

Der Ich-Erzähler beginnt mit seiner Lebensgeschichte noch vor seiner Geburt. Seine Mutter sei im Leib ihrer Mutter, seiner Omi fast verhungert. Deshalb esse sie heute alles, was sie in die Finger bekomme – am liebsten Pommes frites, deshalb der Spitzname des Sohnes. «Sie hat geraucht wie ein Industriegebiet», schreibt der Sohn seinem Vater und weiter: «Sie betatschte mich nur, wenn sie mir auf den Hintern gab.» Madame Eisenfaust habe er sie deshalb genannt.

Bis er etwa drei Jahre alt war, wurde er von der Mutter mit einem Strick an ein Tischbein gebunden und seine grösste Freude war es damals, Fliegen, die sich zufällig neben ihm auf dem versifften Boden niederliessen, zu quälen und zu töten. «Es sind halt seine einzigen Spielsachen gewesen», erklärt Happel diese verstörende Episode.

Nur wenn er bei der Mutter Schläge abholen gegangen sei, habe er ihre Haut gespürt. Ein kurzer fast flüchtiger Moment mütterlicher Wärme, bis es dann zum schon fast erlösenden Schlag kam. Man liest: «Danach explodiert es in deinem Kopf.»

Der traurige Höhepunkt dieses Lebens dieses Ungeliebten gipfelt dann in der Ermordung der Schreckensmutter; es folgt der Aufenthalt im Gefängnis. Auf der untersten Hierarchiestufe, «noch hinter den Kinderschändern. Mein Selbstmitleid tropft in die Suppe», schreibt der Sohn seinem Vater.

Keine einfache Kost an diesem ersten Literaturtagemorgen. Moderatorin Martina Kuoni fragt bei Happel nach, wie sie es erkläre, dass dieser Täter zu seiner eloquenten Sprache gekommen sei. «Es gibt Verbrecher, die in ihrer Zelle acht Stunden lesen.» Das habe sie recherchiert und sie lasse Pommfritz in der Geschichte auch erzählen, wie er zum Schreiben und zum Schwadronieren kam. Ihrem Protagonisten selbst, so monströs er auch sei, habe Arthur Rimbaud (1854–1891) Pate gestanden. Ein zerstörender und selbstzerstörerischer Dichter des 19. Jahrhunderts.