Kanton Solothurn

Pilzkontrollstellen nehmen ab – auf Apps sollen sich Sammler aber nicht verlassen

Als Ergänzung ja – aber niemals als einziger «Experte»: Pilz-Apps auf dem Handy sind mitunter nicht zuverlässig genug.

Als Ergänzung ja – aber niemals als einziger «Experte»: Pilz-Apps auf dem Handy sind mitunter nicht zuverlässig genug.

Pilzkontrolleure im Kanton Solothurn konstatieren eine Schere zwischen dem Interesse am Pilzlen und dem Nachwuchs in den Vereinen.

Die Pilzsaison lässt bisher zu sehr wünschen übrig. Es war schlicht zu trocken. Nur Steinpilze haben sich im Kanton bisher in grösseren Zahlen finden lassen. Nun hoffen die Pilzkontrolleure auf den Regen, der während der letzten paar Tage und Nächte gefallen ist.

«Nach dem Regen passiert sicher etwas. Denn der Boden ist noch warm und lässt auf einen Pilzboom hoffen.» So ermutigt Markus Flück, seit 31 Jahren Kontrolleur in Oensingen und Umgebung, die Sammlerinnen und Sammler. Nach einer Baisse des Interesses um die Jahrtausendwende stellt Flück in den letzten Jahren ein gesteigertes Interesse am Pilzlen fest. «Es freut mich sehr, dass mehr Frauen und ganze Familien in die Pilzkontrolle kommen als früher.» Das ist eine Einschätzung, die von anderen Pilzkontrolleuren geteilt wird.

Mit 60 Jahren ist Flück einer der jüngsten Pilzkontrolleure im Solothurnischen. Er hat mehrere Bücher zum Thema geschrieben und dokumentiert Pilze oft mit der Kamera. «Ich war weitherum der erste, der die Bäume in die Pilzbetrachtung einbezogen hat. Heute weiss jeder, dass Pilze und Bäume aufeinander angewiesen sind», erzählt Flück. «Wir Menschen meinen wir hätten das Internet erfunden. Dabei kommunizieren Pilze und Bäume seit Urzeiten durch ein Netzwerk miteinander, das dem Internet an Leistungsfähigkeit kaum nachsteht und von dem wir erst wenig wissen.»

Pilz-Apps bieten grosse Bibliotheken

Am 17. September hat im Wallierhof die periodische Prüfung zur Auffrischung der Kenntnisse für die Pilzkontrolleure stattgefunden. Die Kontrolleure der Gemeinden müssen diese Prüfung alle drei Jahre absolvieren, einige von ihnen tun das sogar jedes Jahr. Am Rand der Veranstaltung hat die Gruppe den Computer-Apps zur Pilzbestimmung auf den Zahn gefühlt, wie Flück erzählt. Das Ergebnis ist niederschmetternd: Einen tödlich giftigen weissen Knollenblätter habe eine auf Google verbreitete App als Speisepilz Bovist bestimmt, bloss, weil die Manschette am Stiel fehlte.

Andreas Baumgartner, Kontrolleur von Bettlach und Oberdorf, betont: «Niemals einen Pilz essen, den man mit einer App bestimmt hat.» Wird diese Regel beherzigt, seien Pilz-Apps hingegen keine schlechte Sache, um etwas über die Organismen im Wald zu lernen. Baumgartner: «Manche Apps verfügen über grosse Bibliotheken, die auch Fachleute gern nutzen.»

Mut zum Unbekannten – aber nur mit Kontrolle

Die meisten Hobby-Pilzler halten sich an ihre Favoriten, Maronenröhrlinge und Eierschwämme etwa. Alle übrigen Pilze lassen sie stehen. Kurt Rohner, Kontrolleur für Biberist und Umgebung, findet diese Selbstbeschränkung bedauerlich. Er ermutigt die Sammler, beim Waldspaziergang jeweils einen oder zwei unbekannte Pilze mitzunehmen und sie dem Ortskontrolleur vorzulegen. Wichtig dabei: Jeden Pilz getrennt von den übrigen aufbewahren. «Haben Sie den Mut, Ihren Horizont zu erweitern», ruft Rohner auf zur Abenteuerlust.

Was die Pilzkontrolle grundsätzlich angeht, sind sich alle einig: Sie muss unbedingt bestehen bleiben. Jeder Kontrolleur hat schon einmal einen Giftcocktail vorgelegt bekommen, der eine ahnungslose Familie ins Spital, wenn nicht gleich ins Grab hätte bringen können. Aus diesem Grund geben sich die Kontrolleure Mühe, Interessierten ihre Arbeit nahezubringen. Sie gehen mit Schulklassen und Vereinen in den Wald und nehmen sich bei den einzelnen Kontrollen Zeit ihre Arbeit zu erklären. Rohner sagt dazu: «Nichts ist so faszinierend, wie wenn bei Kindern das Pilzinteresse erwacht. Die Fragen, die sie dann stellen, sind ausgesprochen clever.»

Auch Speisepilze können giftig sein

Margrit Ryser, die Grande Dame der Solothurnischen Pilzlerszene, geht so weit zu sagen, dass sie als Kontrolleurin sich selbst immer wieder überflüssig gemacht habe. Sie habe Stammkunden über die Jahre hinweg so sorgfältig geschult, dass diese schliesslich ohne Kontrolle ausgekommen sind.

Dass Knollenblätterpilze hoch giftig sind, ist bekannt. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass man sich mit überalterten Speisepilzen vergiften kann. Markus Flück erklärt: «Der Regen kann Pilze aufhübschen, die zum Essen zu alt sind. Als Kontrolleur erkennt man das sofort – für Laien ist das schwieriger.» Aus diesem Grund empfiehlt er, erst einige Zeit nach dem Regen Pilze sammeln zu gehen, um dann frische Exemplare zu finden.

Nicht alle üben das Amt aus

Es werden jedes Jahr Kontrolleure ausgebildet. So verfügt allein der Pilzverein Grenchen über elf diplomierte Kontrolleure. Doch das löst das Nachwuchsproblem nicht. Erstens üben nur vier der elf das Amt tatsächlich aus. Zweitens sind immer mehr Kontrolleure im Pensionsalter.

Die Vereine stellen fest, dass sich zwischen den Fachleuten und den Gelegenheits-Pilzlern eine Schere öffnet. Erstere werden immer älter. Letztere sind jung und gemäss Beobachtungen von Rohner und Flück zahlreicher als vor 20 Jahren. Doch diese Generation zeigt kaum mehr Neigung den Vereinen beizutreten und die anerkannte Schulung zu absolvieren.

Es gibt immer weniger Kontrollstellen

Die Folgen zeigen sich darin, dass die Pilzkontrollstellen im Kanton abnehmen. In den letzten 18 Jahren ist ihre Zahl von 33 auf 15 geschrumpft. Bis 2017 war die Pilzkontrolle in der kantonalen Lebensmittelverordnung geregelt. Im Oktober jenes Jahres wurde die Verordnung, Bundesrecht folgend, ausser Kraft gesetzt. Obligatorisch war, wie Kantonschemiker Martin Kohler präzisiert, nicht die Gemeindepilzkontrolle an sich, sondern nur die Meldung der Kontrolleure an den Kanton. Im Sinn des Service public hält der Kanton seither an den jährlichen Prüfungen der Kontrolleure fest.

Die Pilzvereine bemühen sich nach Kräften, «verwaiste» Gemeinden ohne eigene Kontrolleure mit zu betreuen. Doch nun manifestieren sich die Löcher immer deutlicher. Das zeigt sich zum Beispiel an Oensingen/Balsthal, wo Flück zusammen mit seinem Kollegen Urs Widmer zwischen Olten und Solothurn die einzige Kontrollstelle betreut. Im letzten Jahr, einem guten Pilzjahr, wurden sie mit 60 Kontrollen pro Woche zeitweise fast überrannt.

Liste der Kontrollstellen: www.vapko.ch

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