Lukas Fenner

Solothurner Kantonsarzt zu Corona: «Wichtig ist, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht nachlassen»

Zur richtigen Zeit am interessanten Ort: Kantonsarzt Lukas Fenner an seinem Arbeitsort im Solothurner «Ambassadorenhof».

Zur richtigen Zeit am interessanten Ort: Kantonsarzt Lukas Fenner an seinem Arbeitsort im Solothurner «Ambassadorenhof».

Die Solothurner Bevölkerung kann im Kampf gegen das Coronavirus auf einen sachkundigen Kantonsarzt zählen – besonders, wenn dieser ruhig und geduldig agiert. Lukas Fenner ist assoziierter Professor und Epidemiologe. Im Interview plädiert er dafür, die geltenden Massnahmen beizubehalten und verweist auf globale Zusammenhänge.

Lukas Fenner, Prof. Dr. med., ist seit Dezember 2017 als Solothurner Kantonsarzt im Amt, aber so viele Anfragen wie in diesen Wochen musste er wohl noch nie beantworten. Als Kantonsarzt leitet er den kantonalen Sonderstab Corona, und er informiert jeweils mit Gesundheitsdirektorin Susanne Schaffner über die neusten Entwicklungen im Kanton. Dies tut der 47-Jährige ruhig, geduldig, und eher zurückhaltend.

Fenner scheint die Öffentlichkeit nicht zu suchen. Obwohl er zu den Wissenschaftlern gehört, die momentan besonders gefragt sind: Der Epidemiologe hat sich während seiner wissenschaftlichen Karriere immer wieder mit Infektionskrankheiten befasst, und bis heute forscht er mit einem kleinen Pensum an der Universität in Bern.

Gleich zu Beginn des Gesprächs im Solothurner «Ambassadorenhof» macht er klar, was er nicht will: Er möchte die Massnahmen, die das Bundesamt für Gesundheit (BAG) im Kampf gegen das Coronavirus ergriffen hat, nicht als Wissenschaftler kritisieren. Momentan sei nicht der Zeitpunkt für gegenseitige Kritik, sondern für Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure, betont er. An seiner Erfahrung als Wissenschaftler lässt er die Öffentlichkeit aber gerne teilhaben.

Seit einigen Wochen ist das öffentliche Leben in der Schweiz massiv eingeschränkt. Wo stehen wir in der Schweiz derzeit im Pandemieverlauf?

Lukas Fenner: Das ist auf Grund der aktuellen Situation unheimlich schwer zu beurteilen. Wir haben in den letzten Wochen einen starken Anstieg dieser COVID-19 Fälle beobachtet, jetzt gibt es offenbar eine leichte Abschwächung der Zunahme. Im Moment wäre ich sehr vorsichtig, voreilige Rückschlüsse zu ziehen und zukünftige Entwicklungen zu beurteilen.

Das heisst, wir können noch nicht mit Sicherheit sagen, dass die Ansteckungskurve flacher wird?

Nein, das können wir so im Moment nicht sagen. Bei den Modellberechnungen ist die Unsicherheit in der Voraussagekraft noch zu hoch.

Wann rechnen Sie mit dem Peak?

Das ist rein spekulativ. Es wird wohl irgendwann im April oder Mai zu erwarten sein.

Wir werden also noch eine Weile mit der Pandemie leben müssen. Kommt es im Herbst zu einer zweiten Welle?

Ob es dann wirklich zu einer zweiten Welle kommt im Herbst, können wir im Moment nicht beurteilen. Es ist durchaus möglich, dass dies zutrifft. Aber es hängt von verschiedenen Faktoren ab, etwa von der Durchseuchung, die in der ersten epidemischen Welle passiert ist. Oder davon, ob es schon bald ein Impfangebot gibt. So könnte die zweite Welle ausbleiben oder nur sehr beschränkt auftreten.

Der Bundesrat hat die Bevölkerung dazu aufgerufen, standhaft zu bleiben. Auf was müssen wir in den nächsten Wochen achten?

Wichtig ist, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht nachlassen. Das heisst, dass wir mit sämtlichen Massnahmen, die wir ergriffen haben, weiterfahren. Also möglichst daheim bleiben, Distanz halten, Menschenansammlungen vermeiden und die Risikogruppen besonders schützen. Und zwar bis wir wissen, wie es weitergeht. Es wäre jetzt einfach zu früh um darüber zu diskutieren, ob man gewisse Massnahmen zurückfahren kann oder nicht.

Werden die Massnahmen bisher genügend eingehalten?

Soweit wir es beurteilen können und einschätzen, werden die Massnahmen gut eingehalten. Wir haben im Kanton Solothurn, zusätzlich zu den Informationen des Bundesrates und des BAG, an den letzten beiden Wochenenden Sensibilisierungskampagnen durchgeführt, um mit besonders gefährdeten Gruppen persönlich in Kontakt zu treten. Der Kanton Tessin hat damit Erfahrungen gesammelt. Zivilschützer sind im Rahmen dieser Aktion mit der Bevölkerung in Kontakt getreten und die Rückmeldungen waren durchweg positiv. Einfach zu beurteilen ist der erzielte Erfolg bei den Veranstaltungen: Dort sind wir praktisch auf null, das kann man polizeilich auch gut kontrollieren.

Solothurn war einer der ersten Kantone, welche die Anzahl zulässiger Teilnehmer an Veranstaltungen tief ansetzte. Waren Sie als Kantonsarzt die treibende Kraft dahinter?

Ich habe mich sicher früh dafür eingesetzt, dass man die Veranstaltungsverbote durchsetzt und sich möglichst früh auf tiefe Teilnehmerzahlen einigt. Ich habe mich auch dafür eingesetzt, dass das in der ganzen Schweiz gemacht wird. Es ging darum, dass wir die Interaktionen zwischen den Menschen verringern und so dafür sorgen, dass es zu keinen lokalen Ausbrüchen kommt. Schliesslich hatte bei den Massnahmen aber der Regierungsrat das letzte Wort.

Als Epidemiologe haben sie genau jenen fachlichen Hintergrund, den es für die Bewältigung der aktuellen Krise braucht. Wie sehr hilft Ihnen das jetzt als Kantonsarzt?

Tatsächlich zieht sich das Thema Infektionskrankheiten wie ein roter Faden durch meinen Lebenslauf. Ich habe mich sehr früh damit beschäftigt, aber es ist reiner Zufall, dass ich jetzt in eine so grosse Pandemiephase reinrutsche als Kantonsarzt. Doch ich bin natürlich froh, dass ich Kenntnis davon habe, um was es eigentlich geht.

Sie waren in Tansania als klinischer Mikrobiologe in der Feldarbeit tätig, und Sie haben ein grosses historisches Interesse. Beides haben Sie in der Forschung Tuberkulose und Influenza zusammengebracht. Etwa indem Sie am Beispiel der russischen Grippe 1889 und der spanischen Grippe 1918 zeigten, dass die Mortalität steigt, wenn zur Tuberkulose eine Influenza-Pandemie kommt. Wie nützlich sind solche Erkenntnisse heute?

Wir können aus der Vergangenheit lernen. Die historischen Analysen zeigen etwa, dass es immer Interaktionen gibt zwischen verschiedenen Infektionskrankheiten. Wir haben die Tuberkulose genommen, das ist eine chronisch entzündliche Krankheit der Lunge, und mit den Grippezahlen verknüpft. Und es hat sich gezeigt, dass es verheerend ist, wenn zwei Erreger aufeinandertreffen. Eine Interaktion zwischen zwei Infektionen muss man einfach immer bedenken. Es ist auch möglich, dass SARS und Influenza sich gegenseitig beeinflussen, und dass es so noch grössere Schäden gibt. Pandemien haben mich immer fasziniert, es gab in der Vergangenheit viele dieser viralen Pandemien, und es wird sie auch in Zukunft geben.

Epidemiologen kennen sich mit Pandemien bestens aus. Der Bund hat aber erst am Montag angekündet, dass er ein Beratungsgremium mit Wissenschaftlern gründet. Ist das nicht ein bisschen spät?

Lieber spät als gar nicht. Ich begrüsse es natürlich, dass die Wissenschaft nun aktiv einbezogen wird. Wir haben in der Schweiz eine sehr grosse Zahl an Wissenschaftlern, die auch international gut vernetzt sind. Aber es ist auch klar, dass es im Rahmen einer solchen Krisenbewältigung nicht nur um wissenschaftliche Fakten geht, die wir einbeziehen müssen. Wichtig ist auch, dass Massnahmen umsetzbar und an die lokale Verhältnisse angepasst sind. Es muss in ein Gesamtkonzept geben, das wir klar durchziehen können.

Sie haben als Wissenschaftler unter anderem auch zum Berner Arzt Dr. Friedrich Wilhelm Ost geforscht, der Ende des 19. Jahrhunderts als Seuchenpolizist in der Stadt Bern unterwegs war. In einem Interview im letzten Jahr haben Sie die Arbeit als Kantonsarzt mit der Arbeit eines Seuchenpolizisten verglichen. Hätten Sie gedacht, dass Sie diese Rolle tatsächlich einmal in diesem Ausmass übernehmen müssen?

Nein, das muss ich offen gestehen. Das habe ich nicht gedacht. Und ich glaube, wir alle sind ein Stück weit überrascht worden, obwohl wir wussten, dass sich eine virale Pandemie früher oder später wieder ereignen kann. Und wir sind ja auch nicht unvorbereitet in diese Pandemie gegangen. Es gibt vom BAG eine Pandemieplanung, und jeder Kanton hat das auf seine eigenen Verhältnisse angepasst. Auch die Spitäler waren nicht unvorbereitet. Aber dass wir so einschneidende Massnahmen erlassen, etwa ein totales Veranstaltungsverbot und ein Verbot von Menschenansammlungen von über fünf Personen, das hat vor zwei Monaten noch niemand vorausgesehen. Ich glaube, dass wir darüber noch in 20 Jahren reden werden.

Wie fühlen Sie sich in der Rolle als Seuchenpolizist?

Die Seuchenpolizei war aus historischer Sicht immer dann gefragt, wenn es darum ging, dass man lokale Herde unterbrechen musste. Wie Doktor Ost in der Stadt Bern, der die Choleraepidemie bekämpft hat. Jetzt sehen wir grössere Dimensionen, da reicht die Seuchenpolizei alleine nicht mehr aus. Aus diesem Grund haben wir den Sonderstab Corona unter meiner Leitung im Kanton schon Ende Januar etabliert. Der Sonderstab hat sich laufend vergrössert und an die Dimension der Pandemie angepasst. Er umfasst ganz viele verschiedene Bereiche, etwa die Bildung, die Wirtschaft, die Spitäler. Für das Alltagsgeschäft bleibt da wenig Zeit.

Wie sieht ihr Alltag denn momentan aus?

Konkret sind wir immer im engen Austausch mit den Mitgliedern des Sonderstabes und haben regelmässige Sitzungen. Wir müssen die Situation immer wieder neu analysieren, etwa mit den Spitälern die Kapazitäten überwachen. Oder wir müssen die Schutzmaterialien bewirtschaften und darauf achten, dass wir noch zwei bis drei Monate durchhalten können. Die Aufgabenbreite ist enorm gewachsen, und damit auch der Sonderstab.

Wie gut vorbereitet war der Kanton Solothurn für diese Pandemie?

Wir haben früh reagiert und vorausschauend gehandelt. Seit Ende Januar ist der Sonderstab Corona einberufen worden, der sich laufend den Aufgaben angepasst hat. Die Bundesvorgaben wurden stets zeitnah und konsequent umgesetzt. Die Solothurner Spitäler haben momentan genügend Kapazitäten, aber sie werden noch weiter ausgebaut. Ein Beispiel dafür ist, dass alle Kliniken im Kanton ihr Operationsprogramm im wählbaren Bereich, also nicht notfallmässigen Operationen, und ein Teil des Personals von den Privatkliniken, das für die Intensivmedizin geeignet ist, verschoben wurde. Die öffentlichen Spitäler wurden so entlastet und gezielt gestärkt. Aber wir wollen uns weiter vorbereiten, falls es wirklich schlimmer kommen sollte.

Zusätzlich wird der Neubau des Bürgerspitals Solothurn in Betrieb genommen und die ehemalige Höhenklinik Allerheiligenberg wird reaktiviert ...

Genau. Wir haben verschiedene Gebäude im Kanton zur Verfügung, die wir für unterschiedliche Zweck nutzen können. Wir haben bei der Vorbereitung gewusst, dass wie diese Optionen haben. Wir wissen zwar nicht immer genau, welche Patienten und Patientenzahlen auf uns zukommen, aber wir haben bei den Vorbereitungen abgeklärt, welche geeigneten Liegenschaften wir zur Verfügung haben. Die Höhenklinik Allerheiligenberg wird für zusätzlichen Pflegeheimbedarf vorbereitet, der Balmberg steht für eine medizinische Quarantänestation bereit. Das ehemalige Asylzentrum Fridau in Egerkingen haben wir etwa in der Hinterhand dafür, wenn es in den Asylzentren so viele Fälle gibt, dass wir sie in den bestehenden Räumlichkeiten nicht mehr isolieren können und auslagern müssen.

Bei der Umsetzung des nationalen Pandemieplans gibt es schwere Versäumnisse in den Kantonen, was die Versorgung mit medizinischen Gütern wie Schutzmasken und Desinfektionsmitteln betrifft. Gab es auch im Kanton Solothurn Engpässe?

Schutzmaterial ist zwar nicht im Überfluss da, aber wir haben von Anfang an Reserven gehabt, die wir mit den Bundeskontingenten und gezielten Zukäufen erweitert haben. Jeder muss in dieser Krise sehr sorgsam mit diesem Schutzmaterial umgehen und untereinander aushelfen, falls es an Material fehlt. Wir haben unsere Prioritätenliste, diese Empfänger bedienen wir. Aber wir müssen mit diese Bewirtschaftung darauf abzielen, dass es noch zwei bis drei Monate dauern kann.

Wie viele Betten stehen auf den Intensivstationen zu Verfügung?

Aktuell sind im Kanton 40 Beatmungsplätze inklusive intensivmedizinische Plätze vorhanden, sowie 200 Isolationsplätze. Diese Kapazitäten können noch weiter ausgebaut werden. Ich finde es aber immer schwierig, über Zahlen zu sprechen, da diese immer nur eine Momentaufnahme aufzeigen. Modellrechnungen bringen nur bedingt etwas, letztlich müssen wir die maximal hohen Kapazitäten schaffen, insbesondere im Bereich Intensivmedizin und Beatmung. Und da sind wir mit Volldampf dabei.

Was glauben Sie: Wie werden die Epidemiologen in 20 Jahren auf das Jahr 2020 zurückblicken?

Wir werden feststellen, wie wichtig ein gut funktionierendes Gesundheitssystem und eine öffentliche Hand mit genügend Reserven und Ressourcen ist. Auch die Wissenschaft wird eine wichtigere Rolle spielen. Zweifellos wird diese Coronavirus-Pandemie 2020 ein prägendes Ereignis sein: eine Pandemie mit wesentlichen Einschränkung des persönlichen und sozialen Lebens, Spitäler, die in Beatmungsstationen umfunktioniert werden, Einsatz von Zivilschutz und Spitalsoldaten, die wirtschaftliche Dimension. Aber auch die Schnelligkeit der Wissenschaft – wie beispielsweise das Genom des neuen Coronavirus sequenziert und identifiziert wurden und klinische Studien rasch neue Erkenntnisse brachten. Wichtig wird es sein, dass wir genau analysieren, wie wir mit der Krise umgegangen sind. Wie waren wir vorbereitet, und was müssen wir in Zukunft besser machen, damit wir bei einer weiteren Pandemie noch besser reagieren können? Das sind Fragen, die man sich aber erst in der postpandemischen Phase stellen muss.

Zum Schluss eine persönliche Frage: Wie geht es Ihnen in dieser Zeit eigentlich?

Ich bin beruflich sehr eingespannt. Ich arbeite, ich gehe heim, ich gehe wieder arbeiten, also kann ich eigentlich gut mit den aktuellen Einschränkungsmassnahmen leben. Was mich persönlich sehr beschäftigt ist die Lage in Afrika. Ich habe zwei Jahre in Tansania gelebt, und ich habe noch sehr viele Kontakte dorthin, und es macht mir Sorgen. Ich habe auch die Ebola-Epidemie in Westafrika aus der Sicht eines ostafrikanischen Landes miterlebt, und konnte erahnen, was diese Epidemie für Tansania bedeutet hätte. Das Gesundheitssystem wäre vermutlich sehr rasch an seine Grenzen gekommen. Sie haben null Reservekapazitäten im Gesundheitswesen, eine geringe Ärzte- und Pflegepersonaldichte, und sie haben auch die diagnostische Kapazitäten nicht. Das könnte diese Länder massiv treffen, wenn der neue Coronavirus sich dort unkontrolliert verbreiten würde. Das dürfen wir nicht vergessen.

Autor

Rebekka Balzarini

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