Gegen Gewalt an Frauen

«Solothurn soll ein Zeichen setzen» - Kanton ist zum ersten Mal bei nationaler Kampagne dabei

Dominique Lysser setzt sich beruflich und privat für mehr Gleichberechtigung ein.

Dominique Lysser setzt sich beruflich und privat für mehr Gleichberechtigung ein.

Die Frauenstreikbewegung im Kanton Solothurn soll weitergehen: 2019 gibt es zum ersten Mal einen regionalen Beitrag an der nationalen Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen». Mitverantwortlich dafür ist Dominique Lysser, die sowohl für die nationale Kampagne als auch den kantonalen feministischen Verein tätig ist.

 Den Stand einer Gesellschaft, sagt Dominique Lysser, könne man daran messen, wie die Gesellschaft mit ihrer Geschichte umgehe. Lysser ist Historikerin. Geschichte, sagt die 28-Jährige, sei auch ein Spiegel der Gegenwart ‑ weil jeweils die Themen aufgearbeitet würden, die in der Gesellschaft präsent seien. Ein Thema müsste laut Lysser vermehrt diskutiert werden: Gewalt an Frauen. Am Montag startet eine Kampagne, die genau dieses Thema ins Zentrum rückt. Seit 2007 finden schweizweit die «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» statt. 2019 ist Solothurn erstmals dabei.

Die Frauenstreik-Bewegung geht weiter im Kanton

Die Solothurnerin möchte sich nicht als Alleinorganisatorin darstellen. Lysser ist aber mitverantwortlich dafür, dass der Kanton Solothurn an der Kampagne teilnimmt: Sie ist Praktikantin bei der feministischen Friedensorganisation, welche die Kampagne führt. Gleichzeitig ist die 28-Jährige Mitglied bei femso ‑ dem feministischen Verein, der nach dem Solothurner Frauenstreik gegründet wurde.

So ist im Frauenstreikjahr erstmals ein Solothurner Beitrag an der Schweizer Kampagne geplant: ein Vortrag der Historikerin Silke Redolfi über Schweizer Frauen, die bis 1952 ihre Bürgerrechte verloren, wenn sie einen ausländischen Mann heirateten. Rund 85000 Frauen waren betroffen.

«Wir können dieses Unrecht nicht wieder gut machen», erklärt Lysser. «Wir können dem Thema aber Bedeutung zuwenden.» Und zeigen, «dass die Schweiz nicht immer so progressiv ist, wie sie gerne dargestellt wird.»

Auch heute noch gebe es in der Schweiz nämlich «strukturelle Gewalt» ‑ wenn auch in einer anderen Form als damals. Die Historikerin spricht vom gängigen Schweizer Familienmodell ‑ die Mutter betreut die Kinder, der Vater arbeitet. Dieses sei nicht per se schlecht, festige aber stereotype Rollenbilder von Mann und Frau. Dies wiederum führe zu ungleicher Stellung von Mann und Frau in der Wirtschaft und der Politik, zu Lohnungleichheiten und Rentenunterschieden. Dadurch lebten viele Frauen in Abhängigkeitsverhältnissen, aus welchen sie nicht ausbrechen könnten ‑ auch wenn sie physische oder psychische Gewalt erleben. Betroffen seien alle Frauen; bei Migrantinnen, Schweizerinnen mit tieferem sozialen Status, alte Frauen in Heimen sei das Risiko besonders gross.

Es gebe zwar Leute, die etwa monierten, Frauen im Ausland ginge es schlechter. Aber: «Oft benutzen die Leute solche Argumente nur zum Ausweichen ‑ selbst befassen sie sich gar nicht mit der Situation von Frauen in anderen Ländern.» Diskutieren lohne sich in diesem Falle gar nicht. Weiter kritisiert Lysser: «Feminismus wird zu oft als Meinung abgetan» - auch wenn Studien Ungleichheiten bewiesen.

Das müsse anders werden ‑ auch im Kanton: «Solothurn soll ein Zeichen setzen», findet die Historikerin. Die Teilnahme an der Kampagne sei ein erster Schritt zu zeigen, dass man auch hier im Kanton weiter diskutieren wolle, weiterhin Gleichberechtigung fordere. Der Frauenstreik habe dazu beigetragen, dass sich immer mehr Leute auf solche Diskussionen einliessen. Lächelnd fügt Lysser an: «Insofern kann man den Streik als historisches Ereignis bezeichnen.»

«Die verlorenen Töchter»: Referat und Diskussion mit Historikerin Silke Redolfi, 30.11., 17 bis 20 Uhr, Kino im Uferbau Solothurn. Eintritt frei. www.fem-so.ch

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