Statistik 2019

«Solothurn ist kein Tierversuchskanton» - aber auch bei uns gibt's jährlich Hunderte Versuche

Fische und Regenwürmer werden im Labor für die Versuche verwendet.

Fische und Regenwürmer werden im Labor für die Versuche verwendet.

Fast 5000 Tiere wurden 2019 im Kanton Solothurn für Tierversuche verwendet. Im Vergleich zu Vorjahren finden heutzutage deutlich mehr Versuche statt. Dies ist aber vor allem auf eine Firma zurückzuführen. Die Tendenz, mit Tierversuchen zu forschen, nimmt ansonsten ab - ebenso wie die Kritik an den Versuchen.

4829. So viele Tiere waren im vergangenen Jahr Teil von Tierversuchen im Kanton Solothurn. Über 3500 Fische, aber auch einige Vögel, Schweine und Rindvieh sind in der Statistik des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen erwähnt. In Vorjahren finden sich deutlich weniger Einträge; 2013 etwa waren es nur 41. Aber: «Solothurn ist kein Tierversuchskanton», erklärt Doris Bürgi Tschan, Kantonstierärztin, am Telefon.

So gab es vergleichsweise im Kanton Bern 2019 über 95 000 Versuche. Und in Solothurn, führt die Kantonstierärztin aus, gebe es auch keine umstrittenen Versuche etwa mit Affen, wie sie zum Beispiel in grösseren Forschungsinstituten durchgeführt werden, die es etwa in Zürich gibt.

Interessant im Kanton ist aber: Die heutige Zahl aus der Statistik des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen stammt mehrheitlich von einer einzigen Firma.

Für Mensch und Umwelt: Tests an Wurm und Fisch

Nachgefragt bei der Firma IES (Innovative Environmental Services) in Witterswil. Stefan Höger, Geschäftsführer, erklärt, worum es bei den Versuchen geht: «IES führt Studien durch, die Klarheit darüber bringen sollen, inwieweit Substanzen, natürlich vorkommend oder synthetisch hergestellt, unsere Umwelt belasten.» Man teste etwa, ob Chemikalien, ein Beispiel dafür sind Pflanzenschutzmittel, schädlich für verschiedene Ökosysteme sind.

Unter anderem geschieht dies im Tierversuch, vorwiegend mit wirbellosen Tieren wie Insekten und Regenwürmern, aber auch mit Fischen und Fröschen. Laut Geschäftsleiter Höger stammen diese entweder aus eigener Zucht oder werden von «speziellen, akkreditierten Züchtern bezogen». Auf die Frage, wie genau die Tests durchgeführt werden, heisst es, man führe Versuche streng nach international anerkannten Vorschriften am lebenden und gesunden Tier durch. Deren Anzahl schwanke von Jahr zu Jahr. Diese Zahl ist ausschlaggebend für die eingangs erwähnte Statistik – seit die Firma im Kanton Solothurn tätig ist, hat die Anzahl Tierversuche stark zugenommen, was den Unterschied zu deutlich tieferen Zahlen in Vorjahren erklärt.

Zu den Versuchen bei der IES kommen laut Kantonstierärztin Bürgi Tschan einzelne weitere Versuche, wie etwa die Blutentnahme bei einem Pferd – auch ein solcher Eingriff bei einem lebenden Tier zählt per Definition als Tierversuch, sobald dieser einem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn dient.

Egal welche Art von Versuch: Zuerst braucht es eine Bewilligung, danach finden jährliche Kontrollen statt.

Ethisch umstritten – genaustens kontrolliert

Der Tierschutz spielt rund um Tierversuche eine grosse Rolle. Bereits bei den Bewilligungen, die es dafür braucht, wie Jacques Voland, Sekretär der Berner Tierversuchskommission, berichtet. Diese beurteilt Gesuche für die Kantone Bern, Solothurn und Luzern und empfiehlt dann das Gesuch zu genehmigen oder abzulehnen. Eine eigene Kommission lohnt sich im Solothurnischen auf Grund der vergleichsweise tiefen Anzahl Versuche nicht.

Zusammengefasst gilt für Bewilligungen:

Aktuell ist eine Initiative zur Abschaffung von Tierversuchen beim Parlament hängig.

Vergleichbare Vorlagen wurden in der Vergangenheit stets abgelehnt, diskutiert wird aber immer wieder über das Thema. Etwas seltsam masst etwa an, dass das Töten von Tieren in die leichteste Schweregradkategorie, in diese werden Tierversuche eingeteilt, fällt. Dazu führt Voland aus, dass das Töten so zu geschehen hat, dass das Tier keine Schmerzen oder Ängste verspürt. Der Experte betont zudem, dass Tierversuche in der Schweiz nach «allen Regeln der Kunst» durchgeführt werden.

Umstrittene Versuche an Vögeln liegen Jahre zurück

Dem zuständigen Bundesamt zufolge sind Tierversuche in der Schweiz tendenziell rückläufig. Bei der IES heisst es von CEO Höger, man verwende schon zahlreiche Ersatzmethoden, um «in allen Bereichen Tierversuche zu reduzieren oder zu ersetzen.» Derzeit könne aber ohne die Tests keine Chemikalie zugelassen werden, «da das Risiko für Mensch, Tier und Umwelt auf Grund dieser Daten berechnet wird.»

Kantonstierärztin Bürgi Tschan spricht davon, dass im Kanton noch nie ein Versuch beantragt oder bewilligt wurde, bei dem man hätte denken müssen «Muss das denn sein?». Auch öffentliche, kritische Stimmen gibt es derzeit nicht. Das war vor einigen Jahren etwa anders, als noch Versuche an Alpenseglern unternommen wurden. Damals kritisierte etwa die Aktionsgemeinschaft Schweizer Tierversuchsgegner, dass die geschützten Tiere 2006 darauf untersucht wurden, wie sie sich unter Stress verhalten. Das wird im Kanton nicht mehr gemacht. Zu den heutigen Versuchen sagt Bürgi Tschan, «dass man gut begründete und sorgfältig geplante Versuche durchführt, dient dem Wohl der Menschen und dem Wohl anderer Tiere».

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