Solothurn, Basel, Aargau und Bern
Psychische Belastungen bei Nordwestschweizer Lernenden: Studie zeigt, rund 60 Prozent sind betroffen

Bisher gab es kaum Daten über psychische Auffälligkeiten bei Lernenden. Dabei ist die Lage bedenklicher als gedacht. Das zeigen die Ergebnisse einer neuen Studie aus Basel zu Nordwestschweizer Kantonen.

Nora Bader
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Berufsbildnerinnen und Berufsbildner fühlen sich gemäss Studie in vielen Bereichen ihrer Tätigkeit sicher; eine Ausnahme seien jedoch Themen rund um psychische Schwierigkeiten.

Berufsbildnerinnen und Berufsbildner fühlen sich gemäss Studie in vielen Bereichen ihrer Tätigkeit sicher; eine Ausnahme seien jedoch Themen rund um psychische Schwierigkeiten.

Valentin Hehli / ARG

Gärtner, Köchin oder doch lieber eine kaufmännische Ausbildung? Die Berufsausbildung ist ein erster wichtiger Schritt ins Berufsleben. Sie stellt Jugendliche vor neue Herausforderungen. Und dies in der für viele ohnehin nicht einfachen Zeit der Pubertät.

Während die Mehrheit damit gut klarkomme, gebe es eine nicht unerhebliche Gruppe, die in der Berufsausbildung Auffälligkeiten zeige. Sei es disziplinarisch, leistungsbezogen oder im zwischenmenschlichen Kontakt. Das zeigt eine am Mittwoch veröffentlichte Studie aus Basel, welche in beiden Basel, Solothurn, Aargau und Bern durchgeführt wurde.

Das Gesundheitsdepartement Basel-Stadt hat gemeinsam mit dem Kompetenzzentrum Workmed der Psychiatrie Baselland und in Zusammenarbeit mit dem Bereich Mittelschulen und Berufsbildung BS, dem Gewerbe- und Arbeitgeberverband sowie der Stiftung Rheinleben im Frühjahr 2021 Berufsbildnerinnen und Berufsbildner der Deutschschweiz befragt. Thema: «Psychisch auffällige Lernende im Betrieb».

Nicht befragt worden sind allerdings die Lernenden selbst. Darauf angesprochen, sagt Niklas Baer, Leiter Workmed Psychiatrie Baselland: «Tatsächlich haben wir nur die Sicht der Berufsbildnerinnen und Berufsbildner erfasst. Das ist ein erster Schritt. Die Studie wäre komplett, wenn auch die Jugendlichen befragt würden.» Man ziehe in Betracht, das in einem späteren Schritt nachzuholen.

Psychische Auffälligkeiten bei Lernenden sind häufig

Lanciert wurde die Studie, weil es bis anhin kaum Daten gab, wie sich psychisch auffällige Lernende in der Ausbildung verhalten, wie sie aufgefangen werden und welchen Unterstützungsbedarf Verantwortliche für die Berufsbildung haben.

Die Befragungen wurden in der Deutschschweiz geführt. Im Umlauf waren über 9000 Fragebogen, teilweise beantwortet wurden rund 6500, ganz beantwortet rund 3000.

Nun liegen die Ergebnisse vor. Einerseits entwarnen sie: 41 Prozent der Lernenden schliessen ihre Lehre problemlos ab. Die Studie zeigt jedoch auch, dass 59 Prozent einen problematischen Lehrverlauf aufweisen. 33 Prozent von den Lernenden gelinge es, die Schwierigkeiten während der Ausbildung zu lösen, wahrscheinlich mit grossem Engagement aller Beteiligten.

Bei 26 Prozent bleiben die Probleme bis zum Schluss ungelöst.

In diesen Fällen erfolgt laut Studie in über einem Drittel (35 Prozent) ein Lehrabbruch. Dies zeigt sich auch in der steigenden Anzahl von Neurenten bei der Invalidenversicherung (IV). Wobei bei Lehrabbrüchen oft auch Anschlusslösungen gefunden werden könnten.

«Die übrigen zwei Drittel schliessen ihre Lehre zwar ab, es bleibt dabei jedoch offen, wie und ob sie den Einstieg ins Berufsleben schaffen», kommt die Studie zum Schluss. Und: 40 bis 50 Prozent der Lernenden mit Problemen seien zumindest vorübergehend wegen psychischer Probleme in Behandlung. «Die Ergebnisse sollten weder dramatisiert noch bagatellisiert werden», so Baer. Aber es bestehe vermutlich ein zu geringes Bewusstsein über die Häufigkeit von psychischen Belastungen.

Jugendliche profitieren von einem unterstützenden Umfeld

Die Studie zeigt weiter, dass Jugendliche von einem unterstützenden und funktionierenden familiären Umfeld, das Orientierung gebe, profitieren würden. «Zudem haben gute Freunde und eine aktive Freizeit einen deutlich positiven Einfluss auf den Lehrverlauf.»

Wie sich die Lernenden verhalten, sei ebenfalls sehr wichtig: Jugendliche, die sich an Regeln halten könnten, pünktlich und gut ins Team integriert seien, hätten eine grosse Chance für einen unproblematischen Lehrverlauf. Die Studie zeigt weiter auf:

«Lernende mit belastenden, wenig unterstützenden Familienverhältnissen, Suchtproblemen und fehlenden Basiskompetenzen haben es hingegen schwer, oft nicht erst seit Lehrbeginn.»

Je mehr Defizite Lernende hätten, desto höher sei das Risiko für Probleme in der Lehre. Einen besonders grossen Einfluss hätten Defizite im zwischenmenschlichen Bereich. Diese seien oft schon während der Schulzeit bekannt, die Informationen würden jedoch nicht weiterfliessen, was eine gezielte Unterstützung von Beginn weg verhindert.

Männliche Lernende zeigten in vielen Bereichen mehr Defizite auf als ihre Kolleginnen. Allerdings hätten sie weniger Angst, Fehler zu machen. Männliche und weibliche Jugendliche unterscheiden sich gemäss Ergebnissen der Studie massgeblich bezüglich ihrer Defizite, jedoch auch im Umgang mit diesen.

Männliche Jugendliche seien eher passiv, suchten seltener professionelle Unterstützung und neigten zu übermässigem Konsum von Suchtmitteln wie Alkohol oder Cannabis. Weibliche Jugendliche würden Probleme häufiger ansprechen, hielten sich häufiger an Abmachungen und würden seltener Suchtprobleme aufweisen.

Und: Er gehe davon aus, dass sich die Studie auf alle Jugendliche ausweiten lasse, egal ob sie eine Mittelschule besuchten oder eine Lehre absolvierten, so Reto Baumgartner, Vizedirektor Gewerbeverband Basel-Stadt und Leiter Berufsbildung. Allerdings sei das eine Vermutung. Fakt ist: Die Studie war bereits vor der Pandemie in Auftrag gegeben worden. Die Problematik hätte auch schon vorher bestanden, wurde durch die Pandemie allerdings noch verstärkt.

Grosses Engagement, jedoch Unsicherheiten bei psychischen Themen

Berufsbildnerinnen und Berufsbildner fühlen sich gemäss Studie in vielen Bereichen ihrer Tätigkeit sicher; eine Ausnahme seien jedoch Themen rund um psychische Schwierigkeiten. Allgemein scheint gemäss Gesundheitsdepartement wenig Austausch stattzufinden, wobei Berufsbildnerinnen und Berufsbildner mit zunehmender Berufserfahrung sowie solche aus kleineren bis mittleren Unternehmen eher eine Zusammenarbeit mit Dritten wünschen. Aus der Studie geht aber hervor:

«Berufsbildnerinnen und Berufsbildner sind oft sehr engagiert und bieten viel Unterstützung.»

Gleichzeitig werde bei Schwierigkeiten häufig zu lange gewartet, bis externe Stellen beigezogen würden. Dabei verstreiche wertvolle Zeit für gezielte Unterstützung, während sich die Schwierigkeiten verstärkten und allenfalls chronifizierten.

Für die Zukunft ist gemäss Initianten der Studie eine Sensibilisierung und Befähigung durch mehr Wissen zum Thema «Psychische Gesundheit» von Lernenden zu empfehlen. Gleichzeitig sei die Entwicklung von gut zugänglichen und spezifischen Angeboten für Berufsbildnerinnen und Berufsbildner erforderlich.

Der Basler Gesundheitsdirektor Lukas Engelberger stellte ein bikantonales Psychiatriekonzept in Aussicht. Bis 2024 sollen die beiden Basel die Spitallisten aktualisieren und entsprechende Leistunsaufträge neu vergeben. Und während in Bereichen wie etwa der Orthopädie Zulassungstops von Ärzten nötig seien (bz berichtete), gebe es in der Psychiatrie, insbesondere in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, zu wenig Angebote, so Engelberger. Gemäss Statistik ist in beiden Basel die Inanspruchnahme von stationären Behandlungstagen pro Kopf etwa doppelt so hoch wie im Schweizer Durchschnitt.