Post aus Berlin
So lebt es sich auf der Karl-Marx-Allee

Die ersten Eindrücke unseres Redaktionskollegen Lucien Fluri von seinem temporären Wohn- und Arbeitsort.

Lucien Fluri
Drucken
Teilen
Leben auf der Karl-Marx-Allee
4 Bilder

Leben auf der Karl-Marx-Allee

Lucien Fluri

Ein Klick im Internet, die Wohnung in Berlin war gebucht. Nur: Wo bin ich da gelandet?
Ostberlin. Vor mir liegt die Karl-Marx-Allee. Keine Strasse in Berlin ist wie diese. Schnurgerade führt der sechsspurige DDR-Prachtboulevard auf den Alexanderplatz zu, direkt auf den 17-stöckigen Bürobunker der «Berliner Zeitung», wo ich nun drei Monate arbeite.

Täglich pedale ich die Allee runter. Tritt um Tritt begegnen mir die zu Stein gewordenen Segnungen des Sozialismus. Pompöse Fassaden, Stuck, Säulen und Friese. Arbeiterpalast reiht sich an Arbeiterpalast. Monumentaler Ostklassizismus.

Ich wohne im wohl längsten Baudenkmal Deutschlands, im letzten Gebäudekoloss. Auf den Trümmern des Zweiten Weltkriegs zog hier der Arbeiter- und Bauernstaat in den 1950ern auf knapp drei Kilometern Arbeiterpaläste im Moskauer Zuckerbäckerstil hoch. 2'700 Wohnungen. Fahrstuhl und Fernwärme gehörten damals schon dazu. (Als das Geld nicht mehr reichte, kam der Plattenbau und füllte die Lücken.) Am 17. Juni 1953 begann hier der Volksaufstand. Stalinallee hiess die Strasse damals noch. Als der tote Diktator 1961 aus dem Lenin-Mausoleum verschwand, änderte sich über Nacht auch der Name der Allee.

Heutige Ideologie heisst Konsum

Die Karl-Marx Allee mag unter Denkmalschutz stehen. Seine Ideologie tut es hier längst nicht mehr. Heute ist das Quartier Kiez. Und Kiez ist Konsum. Bar an Bar an Bar reiht sich in der Niederbarnimstrasse, die zu Beginn der Allee abzweigt. (Und wir sind noch längst nicht in Kreuzberg.) In der angrenzenden Frankfurter Allee gibts über Hunderte von Metern nur noch Läden mit liberalsten Öffnungszeiten.

Nur drinnen im düsteren Flur meines monumentalen Arbeiterpalasts mit den hohen, hellen Räumen ist der Muff des morbide gewordenen Sozialismus noch spürbar. Hölzerne Briefkästen aus den 50ern kleben neben dem Eingang. Schummrige Lampen mit vergilbten grossen Glasschirmen geben wenig Licht ab. Es riecht nach kaltem Rauch. Jeder will möglichst schnell in seine sanierte Wohnung. Oder an die Sonne nach draussen. Doch über das Wetter wollen wir gar nicht reden. Es würde Ihnen die Tränen in die Augen drücken und die Schweiz noch ein bisschen nasser machen. Sonne, nur Sonne.

Tränen kämen auch den Erbauern der sozialistischen Vorzeigesiedlung, wenn sie wüssten, was heute in ihren Bauten an Miete bezahlt wird. Für Schweizer Verhältnisse ist der Preis passabel. Für Berliner Verhältnisse nicht. Touristen und Kurzzeit-Bewohner wie ich sind für Makler ein gutes Geschäft – und für die Stadt ein Problem: Als ob es nicht sonst schon an Wohnungen fehlen würde (96'000 Menschen zogen zwischen 2011 und 2013 zu), vermieten immer mehr Besitzer ihre leeren Wohnungen lieber teurer an Touristen. Es gibt Quartiere, da gibt es mehr ausgeschriebene Ferien- denn Mietwohnungen.

Für Berliner wird es immer teurer, in ihrer Stadt zu leben. Im Roten Rathaus reagiert man darauf mit rigiden Mitteln. Derzeitige Riesenthemen: Mietpreisbremse, Zweck-entfremdungsverbot. Seit dem 1. Mai können Berliner Bürger sogar anonym beim Staat Nachbarn verzeigen, die ihre Wohnung – entgegen der Gesetze – für Touristen zweckentfremden. «Denunziation» rief da die «Süddeutsche Zeitung» in einem langen Artikel mit Bezug auf die DDR.

Desinteresse pur im Haus

Wohne ich vielleicht illegal? Muss ich nun Angst haben, meine Nachbarn könnten mich, der ich mit Koffern anreiste, als Touristen verraten? Niemand hat mich einziehen sehen, nur selten treffe ich im riesigen Bunker einen der Nachbarn. Desinteresse pur.

In der Grossstadt lebt es sich ganz anonym. Nur einmal, als ich um Mitternacht nach Hause kam, trat ein Mann mit Hut und Hund aus dem Lift. Schwarzer Zylinder, goldfarbenes Gilet, Fliege, Gehstock, Zweireiher. Er war der perfekte Dandy aus den 20er-Jahren. Das ist Berlin. Man ist immer mitten in einer Geschichte. Oder dann gleich mitten in der Weltgeschichte.

Aktuelle Nachrichten