Amtsgericht Solothurn-Lebern
«Skrupellose Wildwestmethoden» in Grenchen

Weil er an einer Party verprügelt worden war, griff ein 44-jähriger Mazedonier in einem Grencher Lokal zur Waffe – es traf den «Falschen». Nun muss er sich dem Amtsgericht Solothurn-Lebern stellen.

Hans Peter Schläfli
Drucken
Teilen
In Grenchen fielen zwei Schüsse im Gang vor einem Partylokal, in einem flachen Winkel Richtung Boden gerichtet (Symbolbild).

In Grenchen fielen zwei Schüsse im Gang vor einem Partylokal, in einem flachen Winkel Richtung Boden gerichtet (Symbolbild).

Keystone

Zwei Schüsse wurden im Morgengrauen des 16. Oktober 2016 im Untergeschoss des Howeg-Gebäudes in Grenchen abgegeben. Dort befand sich damals ein Lokal für Publikum aus dem albanischen Kulturkreis. Ein Mann wurde im Knie getroffen und mittelschwer verletzt. In diesen Tagen muss sich nun der Schütze, ein mittlerweile 44-jähriger Mann aus Mazedonien, vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern wegen schwerer Körperverletzung und Gefährdung des Lebens verantworten.

Das eine Gesicht des Angeklagten: Ein Vater, der sich in einem Mehrgenerationenhaus um seine Grossfamilie kümmert. Das zweite Gesicht: Ein vorbestrafter Kleinkrimineller, der an einer Geburtstagsparty in Grenchen nach einem Streit übel verprügelt wurde, sich nach Solothurn begab, um sich eine geladene Waffe zu besorgen, dann nach Grenchen zurückkehrte und im Gang vor dem Partylokal zwei Schüsse in einem flachen Winkel Richtung Boden abgab.

Eine der Kugeln zersplitterte und ein Querschläger traf das Knie eines unbeteiligten Partygastes. Das an sich unbeteiligte Opfer bleib fast ein Jahr komplett arbeitsunfähig, leidet bis heute unter Schmerzen und den psychischen Folgen, sodass für den ebenfalls aus dem albanischen Kulturkreis stammenden Mann ein normales Leben fast nicht mehr möglich ist.

Der Verteidiger fordert einen Freispruch

Bis zu diesem Punkt stimmten die Aussagen der verschiedenen Parteien ziemlich überein. Doch dann wurde es schwierig. Als erster Zeuge wurde der damalige Barbetreiber angehört, der zu den Männern gehörte, die den Angeklagten verprügelt hatten. Es war offensichtlich, dass es ihm – vermutlich wegen des albanischen Ehrenkodexes – sehr unangenehm war, gegen den Angeklagten auszusagen. So sprach dieser Zeuge von Geräuschen, wenn er die Schüsse meinte. Erst nach mehrfachem Nachhaken durch Amtsgerichtspräsidentin Raphaela Schumacher bestätigte er schliesslich seine früheren Aussagen, wonach er nach den Angeklagten mit einer Waffe in der Hand erkannt hatte.

«Ich kam aus dem WC und sah auf dem Gang den Angeklagten mit weiteren Personen. Da hörte ich einen Schuss. Hinter mir war der Barbetreiber, für den der Schuss wohl gemeint war», beschrieb das Opfer die Tat. «Ich sah zwei der drei Männer, die mich vorher zusammengeschlagen hatten und die wollten mich wieder angreifen. Da habe ich aus Angst zwei Schüsse Richtung Boden abgegeben», sagte dazu der Angeklagte.

Zwischen Täter und Opfer hatte eine Distanz von etwa 11 Metern bestanden. «Der Angeklagte wollte vor allem dem damaligen Barbetreiber zeigen, wer er ist, und dass man mit ihm nicht so umgehen kann», sagte Staatsanwalt Martin Schneider zum Tatmotiv.

«Er wollte zwar niemanden töten, sonst hätte er die Schüsse gezielt abgegeben. Der Täter nahm aber in Kauf, jemanden zu treffen, was dann ja auch geschah»,

sagte Schneider weiter ausführend. Eine Notwehrsituation habe nicht bestanden. «Er hätte sich umdrehen und einfach wieder gehen können, so wie er gekommen war. Man stelle sich vor, jeder trage eine illegale Waffe mit sich herum und feuere diese bei einem Streit einfach so ab. Das wären skrupellose Wildwestmethoden.» Der Staatsanwalt forderte eine Freiheitsstrafe von 44 Monaten und einen Landesverweis von 8 Jahren.

Rechtsanwalt Alexander Kunz akzeptierte im Namen seines Mandanten einzig den Vorwurf des illegalen Waffenbesitzes. «Bei der Verletzung des Opfers handelt sich um eine fahrlässige, leichte Körperverletzung», sagte der Verteidiger. Dies sei so aber nicht angeklagt worden. «Die Aussagen waren total widersprüchlich und man muss davon ausgehen, dass die laut Anklage gefährdeten Personen nicht einmal anwesend waren», begründete er, warum es auch bei der Gefährdung des Lebens einen Freispruch geben müsse. So war am Ende eines langen Verhandlungstages nur eines klar: Der viel zu leichte Zugriff auf eine Schusswaffe hat gleich zwei Leben ruiniert: Das des Opfers und des Täters.

Die Urteilsverkündung findet am Dienstag um 14 Uhr statt.

Aktuelle Nachrichten