Seniorenuniversität

Seniorin aus Riedholz geht regelmässig an die Uni: «Ich muss nicht mehr - ich darf»

Je älter sie werde, umso wissbegieriger sei sie, erzählt Margrit Gloor beim Kaffee.

Je älter sie werde, umso wissbegieriger sei sie, erzählt Margrit Gloor beim Kaffee.

Für ihre Termine braucht sie keine Agenda, zum Einkaufen keine Liste: Margrit Gloor aus Riedholz ist 78 Jahre alt, und körperlich und geistig noch total fit. Seit über 10 Jahren besucht Gloor regelmässig Vorlesungen an der Seniorenuni. «Um den Anschluss nicht zu verpassen.»

Zum Interview reist Margrit Gloor per Autostopp an. Das erzählt die 78-Jährige, die pünktlich und elegant gekleidet zum Termin erscheint, mit einem Lächeln im Gesicht. Passiert sei ihr das noch nie: Ihre Uhr sei stehengeblieben. So hat sie den Zuganschluss verpasst und sich dann an die Strasse gestellt und den Arm rausgestreckt. Lustigerweise geht es ums Thema Anschluss dann auch im Gespräch – wenn auch in einem ganz anderen Kontext: Seit 14 Jahren besucht Margrit Gloor die Seniorenuniversität in Bern. «Um den Anschluss nicht zu verpassen», wie sie erklärt.

Studieren zum Vergnügen – für 80 Franken im Jahr

40 Vorlesungen im Jahr, 80 Franken Jahresbeitrag für Seniorinnen und Senioren ab 60 Jahren. Mit diesen Zahlen lässt sich die Seniorenuni kurz zusammenfassen. Seit sie pensioniert sei, so die studierte Betriebswissenschafterin, nehme sie an Vorlesungen teil. «Im ersten Jahr habe ich mir im Programm noch angekreuzt, was ich besuchen möchte.» Medizin, Musik, Mathematik – die Vorlesungen decken ganz verschiedene Themengebiete ab. «Als ich dann begonnen habe, auch bei der Einlasskontrolle mitzuhelfen – und dadurch mehr Vorlesungen gehört habe – stellte ich fest: Eigentlich kann ich von allen Themen profitieren», sagt Gloor. «Eigentlich interessiert mich alles.»

So habe sie seither keine einzige Vorlesung verpasst, erzählt die 78-Jährige. Angemeldet für die Seniorenuni hat sie sich vor 14 Jahren; im selben Monat, in dem sie pensioniert worden ist. Schon vor der Pension habe sie gewusst: «Ich brauche dann wieder eine neue Aufgabe.» Sie überlegte sich, Philosophie zu studieren. Das hätte sie dann als Studentin selber bezahlt – mehr als die 80 Franken jährlich, die sie die Mitgliedschaft bei der Seniorenuni kostet. Und, so Gloor, sie wolle ja auch nicht studieren, um ein Diplom zu erhalten – das gibt es an der Seniorenuni nicht. «Ich bin zum Vergnügen dort.»

Als «hervorragend» bezeichnet Gloor die Uni. Auch, weil das Angebot niederschwellig sei, sodass wirklich alle ab 60 teilnehmen könnten.

Gerne an der Uni; noch lieber an der Seniorenuni

Sehr lange sei ihr die Zeit vorgekommen, in der coronabedingt keine Vorlesungen stattfanden. Zwei konnten im Frühlingssemester noch über die Bühne gehen; dann gab es keine mehr bis zu Beginn des Herbstsemesters. Nun gibt es wieder Vorlesungen; es gilt Maskenpflicht und nur jeder zweite Platz wird besetzt. Dafür können Seniorinnen und Senioren auch von zu Hause aus online teilnehmen. Gerade in diesem Bereich habe sich einiges getan, erzählt Gloor. «Als ich anfing, da hatten die meisten keinen Laptop dabei – oder noch nicht einmal ein E-Mail-Adresse!» Heute sei dies auch an der Seniorenuni Standard.

Über sich selbst sagt die Riedholzerin: «Ich brauche einfach Tempo, bin gerne aktiv.» So ist sie auch im Solothurner Steinmuseum tätig; hat zuvor eine philosophische Diskussionsrunde geleitet. Sie nähe viele ihrer Kleider selbst, könne auch mal zwei Tage lang gärtnern, beim Fensterputzen alles stehen und liegen lassen, weil Freunde anrufen, die irgendwo eine Ausstellung besuchen wollen.

«Das war schon eine lange Zeit für mich, so ohne Vorlesung», sagt Gloor rückblickend über die Zeit ohne Vorlesungen. Nun, im aktuellen Programm, geht es weiter mit Vorlesungen über Pflegeroboter, Franz Kafka, Datenschutz, Frauen im antiken Rom.

«Ich ging immer gerne zur Schule», sagt die Seniorin. «Aber wie bei vielem anderen verhält es sich nach der Pensionierung so: Ich muss nicht mehr, ich darf.» Und: «Je älter ich bin, umso wissbegieriger werde ich.» So habe sie auch schon an Studien teilgenommen, von welchen sie an der Seniorenuni erfahren habe. Denn: «Wenn das sonst niemand macht – wie sollen wir dann Fortschritte machen?»

Und vor allem behalte sie an der Seniorenuni – wie eingangs erwähnt – den Anschluss an das, was gerade wichtig ist. Dort werden auch Gedächtnistraining und Sportstunden angeboten. Dafür hat sich Margrit Gloor noch nie angemeldet: «Ich brauche weder Agenda noch Einkaufszettel.» Ausschliessen wolle sie heute aber natürlich nicht, dass sie auch diese Angebote irgendwann interessieren könnten.

Mehr Infos zur Berner Seniorenuniversität.

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