Kanton Solothurn

Senioren auf Achse sorgen für Ärger – dabei gäbe es genug Hilfsangebote

Dieser Anblick verärgert derzeit viele. Seniorinnen und Senioren gehören zu der Risikogruppe und sollten zu Hause bleiben. Viele nehmen diesen Aufruf nicht ernst. (Archivbild)

Dieser Anblick verärgert derzeit viele. Seniorinnen und Senioren gehören zu der Risikogruppe und sollten zu Hause bleiben. Viele nehmen diesen Aufruf nicht ernst. (Archivbild)

Der Bundesrat fordert die Bevölkerung zu Rücksicht auf – doch eine der grössten Risikogruppen scheint das nicht zu kümmern. Pro Senectute Kanton Solothurn will die Seniorinnen und Senioren sensibilisieren.

Das Corona-Virus verlangt uns Einiges ab: Wir sollen so oft wie möglich daheim bleiben, uns nicht in grossen Gruppen treffen und nur dann aus dem Haus gehen, wenn wir wirklich etwas erledigen müssen. Das sind nur einige der Empfehlungen, die der Bund der Bevölkerung in den letzten Tagen mit auf den Weg gegeben hat.

Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben sich in den letzten Tagen deshalb ins Homeoffice zurückgezogen, Schülerinnen und Schüler haben schulfrei, kulturelle Veranstaltungen und Aktivitäten von Vereinen wurden eingestellt.

Personen über 65 müssten eigentlich besonders vorsichtig sein, weil ihr Immunsystem weniger leistungsfähig ist als das Immunsystem junger Menschen.

Viele Senioren kümmern sich nicht um Aufruf

Doch obwohl sie besonders gefährdet sind, gehen viele Seniorinnen und Senioren nach wie vor selber Einkaufen, stehen in Grüppchen beisammen und geniessen die Sonne im Freien. Das sorgt in den Kommentarspalten von Onlinemedien und auf Facebook für Diskussionen.

In der Facebook-Gruppe «Gärn gscheh – Solothurn hilft» teilt eine Userin diese Woche ihre Beobachtungen mit der Community. «Ich war heute im Wald unterwegs mit meinen zwei Kindern. Was seh ich??? Nur Senioren die bestimmt alle über 65. waren. Im Dorf das Gleiche: Alte Leute am Velo fahren, spazieren, auf die Post gehen», schreibt sie besorgt.

Dass viele Seniorinnen und Senior nicht daheim bleiben, obwohl sie eigentlich nichts Dringendes zu erledigen haben, ist auch Ida Boos bekannt. Sie ist die Geschäftsleiterin von Pro Senectute Kanton Solothurn. «Wir haben einen Hype an Reklamationen», erzählt sie in ihrem Büro in der Nähe des Hauptbahnhofs in Solothurn.

«Unsere Telefone laufen heiss. Viele Leute finden es daneben, wie die Senioren trotz ausdrücklichen Warnungen und Hilfsangeboten noch immer selber Einkaufen gehen.» An Hilfsangeboten mangelt es laut Boos nicht. «Wir haben sehr viele Angebote von Menschen, die gerne helfen würden», sagt Boos. «Die Herausforderung ist, es zu erreichen, dass die Senioren realisieren, dass sie sich risikoreich verhalten.»

Während das Bundesamt für Gesundheit (BAG) empfiehlt, dass betagte Menschen nur noch zum Einkaufen oder für Arztbesuche aus dem Haus gehen soll, geht Pro Senectute Kanton Solothurn noch einen Schritt weiter: «Seniorinnen und Senioren sollen möglichst gar nicht mehr aus dem Haus gehen, sondern sich helfen lassen», fordert Boos.

Einkaufen als Gelegenheit zum plaudern

Denn nicht nur Kinder und junge Leute, sondern auch Seniorinnen und Senioren können Träger des Corona-Virus sein und so andere Leute anstecken. Boos übt deshalb deutliche Kritik an den älteren Menschen, die sich nicht daran halten: «Wir wollen eine Verlangsamung der Ansteckungen. Diese Seniorinnen und Senioren leisten momentan einen schlechten Beitrag an die ganze Gesellschaft.»

Ida Boos hat eine Erklärung dafür, dass sich viele ältere Menschen gerade das Einkaufen nicht nehmen lassen wollen. «Sie knüpfen einkaufen an soziale Kontakte. Das wollen wir ja normalerweise auch», sagt Boos.

Nur brauche es in den nächsten Woche eine Umstellung: «Jetzt müssen Seniorinnen und Senioren den Schritt zu neuen Technologien machen und sich auf digitale Kommunikation beschränken», fordert Boos. «Denn sozialer Kontakt muss nicht unbedingt physisch sein». Auch hier gebe es die Möglichkeit, Hilfe anzunehmen und sich von jüngeren Leuten unterstützten zu lassen.

Pro Senectute Kanton Solothurn versucht laut Boos in den nächsten Tagen, Seniorinnen und Senioren noch mehr zu sensibilisieren. In einem Newsletter fordert Pro Senectute die Abonnentinnen und Abonnenten auf, sich vertieft mit dem Thema Corona-Virus auseinanderzusetzen.

Ausserdem stellt Pro Senectute verschiedene Angebote bereit, damit die ältere Bevölkerung das Haus nicht mehr als nötig verlassen muss. So sind etwa Bewegungsvideos geplant, in denen die Leiterinnen von Bewegungskursen verschiedene Übungen zeigen, um daheim fit zu bleiben.

Ebenfalls macht Pro Senectute Solothurn auf bestehende Angebote aufmerksam, etwa den Mahlzeitendienst CasaGusto. Diesen Dienst hat Pro Senectute zusammen mit der Migros und der Post entwickelt, und damit können sich Betagte Mahlzeiten und Nahrungsmittel bis 11 Uhr bestellen.

Am nächsten Tag liefert die Post die Bestellung an der Haustür ab. In unserem Kanton wird jede Gemeinde mit diesem Dienst bedient.

Dass die aktuelle Situation für die ältere Bevölkerung nicht leicht ist, ist allen bewusst. Auch den Facebooknutzern, die sich über die Senioren in den Einkaufsläden ärgern.

Zuletzt wurde deshalb ein Aufruf in der Gruppe «Gärn Gescheh – Solothurn hilft» und auch auf anderen Seiten fleissig geteilt: «Lassen sie sich helfen, damit wir uns allen helfen», heisst es darin versöhnlich.

Autor

Rebekka Balzarini

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