BMC

Selbst Krisenjahr dürfte für Velobranche ein gutes werden: «Im Mai schossen die Verkäufe durch die Decke»

Der Chef posiert mit dem BMC-Tour-de-France-Rennrad im Velodrome in Grenchen. David Zurcher im Element.

Der Chef posiert mit dem BMC-Tour-de-France-Rennrad im Velodrome in Grenchen. David Zurcher im Element.

David Zurcher, CEO der Schweizer Velomarke BMC, spricht im Interview über den Zweirad-Boom nach Corona, verrät, wie viele Kilometer er pro Jahr abspult und welche Pläne er mit BMC im Rennsport hat.

Es giesst in Strömen. Aprilwetter im Juni, typisch für das verrückte Jahr 2020. Drinnen im Velodrome im Süden Grenchens, unweit des Regionalflughafens, ist es trocken. Im Oval surrt die Nationalmannschaft der Bahnradfahrer über sibirisches Fichtenholz. Mittendrin steht David Zurcher, 51, Chief Executive Officer von BMC, Schweizer ­Velomarke mit Weltruf. Vor sich das Rennvelo, auf dem das von BMC gesponserte «NTT Pro Cycling»-Team die Tour de France 2019 bestritt, 6,8 Kilogramm leicht, vorwiegend aus Carbon bestehend, 14'000 Franken teuer.

Sie sind heute mit dem Auto zur Arbeit gekommen. Haben Sie selbst überhaupt Zeit, Rad zu fahren?

David Zurcher: Oh ja, im Schnitt komme ich einmal die Woche mit dem Velo, rund 50-mal im Jahr. Ich wohne in der Umgebung von Basel, es ist also ein ordentliches Stück. Insgesamt fahre ich pro Jahr rund 12'000 Kilometer. Übrigens bin ich so ein grosser Fan des E-Bikes geworden.

Dann sind Sie voll im Trend.

Ja, das mag sein. Aber E-Bikes galten lange als Fortbewegungsmittel für alte oder nicht Fitness orientierte Personen. Erst langsam setzt sich die Wahrnehmung durch, dass es nicht nur extrem viel Spass macht, weil man schneller und weiter fahren kann, sondern sehr wohl auch gut für die Fitness ist.

Das müssen Sie sagen.

Ich meine es vor allem so. Wenn ich mit dem E-Bike hierherfahre, dann mit der gleichen Herzfrequenz wie auf dem Rennrad, ich komme einfach schneller voran in weniger Zeit.

BMC ist nicht gerade als Vorreiter bei den E-Bikes bekannt.

Das stimmt. Aber wir sind seit zwei Jahren mit dabei. Bis jetzt vor allem mit einem E-Mountainbike und einem E-Lifestylebike. Wir haben jetzt auch angefangen, E-Rennräder zu fertigen. Der ganze E-Bike-Bereich hat sicher Entwicklungspriorität bei uns. Wir sehen darin eine grosse Chance für die kommenden Jahre. Man tut etwas für die Gesundheit, ist aktiv, es hat aber auch ökologische Aspekte.

Sind Sie nicht zu spät auf den Zug aufgesprungen?

Nein, das glaube ich nicht. BMC war nie und ist kein Massenprodukt. Wir sind eine Premiummarke. Unsere Stärke liegt im Bereich der Innovation. Je komplizierter es ist, desto mehr Spass macht es uns. Das ist gerade auch bei unseren E-Bikes der Fall. Aber wissen Sie was?

Nein, sagen Sie, bitte.

Viele andere Marken wachsen vor allem im E-Bike-Bereich sehr stark, stagnieren aber ansonsten. Wir wachsen auch im traditionellen Geschäft, in den letzten Jahren vor allem international.

Warum?

Es war eine der zentralen Aufgaben, die ich 2014 von Andy Rihs bekam. Er hat mich als CEO geholt, als ich bei Specialized Chef der Rennradgruppe war. Andy Rihs wollte, dass ich BMC auf dem Weltmarkt etabliere.

Ist Ihnen das gelungen?

Wir sind auf gutem Wege. In den letzten Jahren sind wir im Ausland stärker gewachsen als im bereits starken Heimmarkt Schweiz. Wir liefern heute in rund 60 Länder. Der Anstieg der im Ausland verkauften Bikes hat zugleich dazu geführt, dass wir den Umsatz stark steigern konnten.

Dank Corona geht der Boom weiter.

Langsam, Corona muss man sehr differenziert betrachten. In einer ersten Phase war es äusserst herausfordernd. Wir waren ziemlich schnell betroffen, weil wir auf der ganzen Welt Firmen haben, die für uns produzieren. So musste zum Beispiel schon Mitte Januar einer unserer Lieferanten von Carbonrahmen in China schliessen. Da stellte es sich als Stärke heraus, dass wir unsere Produktion auf fünf, sechs Länder verteilt haben. Die Umsätze aber brachen wegen der Pandemie spätestens im März massiv ein.

Was heisst das konkret, wie viel verloren Sie.

Es wurde zwar noch in ein paar Ländern verkauft, aber in wichtigen Märkten wie Frankreich, Spanien oder Italien war alles zu. Die Verkäufe schrumpften im Vergleich zum März 2019 auf knapp über 30 Prozent zusammen.

Aber Besserung kam schnell.

Ja, zum Glück. Schon im April waren die Verkäufe wieder bei rund 80 Prozent und im Mai schossen die Verkäufe durch die Decke. Nicht nur in der Schweiz übrigens, sondern international. Wir rechnen damit, dass wir schon bis Ende Juli einen Grossteil der coronabedingten Ausfälle kompensiert haben werden.

Hat Corona das Geschäft rückwirkend betrachtet sogar begünstigt?

Corona war und ist für viele von uns ein mentaler Stress. Der hat sich durch den Lockdown erhöht. Das Velofahren aber gibt dir ein Gefühl von Freiheit. In einer Zeit vieler Entsagungen kann der Wind im Gesicht wahnsinnig entspannend sein. Viele Menschen geniessen es, wieder rausgehen zu können.

Wie haben Sie es eigentlich während des Lockdowns im BMC-Hauptquartier in Grenchen gehandhabt, arbeiteten die Leute von zu Hause?

Wir haben schon eine Woche vor dem Lockdown auf Homeoffice umgestellt. Aber ja, während zweier Monate war die Aktivität deutlich tiefer als normal. Wir hatten vorübergehend auch Kurzarbeit, aber sind längst wieder voll am Arbeiten.

Brauchten Sie auch einen Covid-19-Kredit?

Nein, wir kamen ohne Kredit durch diese ungewissen Monate. Zum einen weil Andy Rihs ein sehr solides Fundament aufgebaut hat. Zum anderen aber auch, weil wir nicht nur deutlich mehr verkaufen konnten, sondern zudem auch unsere Verkaufspreise halten konnten.

Das gehört auch zum Premium­konzept.

Das ist so, wir sind quasi der Porsche unter den Velos. Höchste Qualität ist in unserer DNA. Wir haben uns zuletzt sehr stark aus dem reinen Rennsportbereich herausentwickelt. Insbesondere auch in den Lifestylebereich. Wir wollten diversifizieren, zugleich ist der Anspruch überall derselbe: höchste Ingenieurskunst mit bestem Design zu verbinden. Unsere Kunden sagen: «Ein BMC-Velo ist ein Statement.» Das macht uns wahnsinnig stolz.

Sie haben gute Jahre hinter sich, und selbst das Krisenjahr 2020 dürfte für die Velobranche ein gutes werden. Warum?

Das hat viele Gründe. Sicherlich spielen auch ökologische Überlegungen eine Rolle. Immer mehr Leute verzichten bewusst aufs Auto. Zudem spielt uns der Gesundheitstrend in die Karten, die Freude an der Bewegung. Das ist mit ein Grund, dass bei uns künftig auch der Spass eine wichtigere Rolle spielen wird und wir nicht mehr nur auf den Rennsport fokussieren werden. Radrennfahren kann sehr extrem sein.

Trotzdem sind die Sporthelden ja immer noch sehr wichtig für BMC.

Ja, klar. Julien Absalon, Nino Schurters Vorgänger als Serienweltmeister und Olympiasieger, ist einer unserer Botschafter und Leiter unseres Mountainbike-Teams. Genauso wie der Schweizer Olympiasieger Fabio Cancellara, der zwei, drei Mal pro Woche hier ist und uns unter anderem in der Entwicklung unterstützt.

Sie haben den Anspruch, die Besten zu sein. Aber Ihre Teams fahren derzeit nicht nach ganz vorne.

Das stimmt. Aber, wo wir im Profisport dabei sind, wollen wir gewinnen. Wir sind gerade dabei mit Absalon ein Team aufzubauen, das diesem Anspruch gerecht werden kann. So haben wir zum Beispiel U23-Weltmeister Filippo Colombo in unserem Team. Viele sehen in ihm den nächsten Schurter.

Im Radrennsport konnte Cadel Evans 2011 für BMC die Tour de France gewinnen. Das ist seither nicht mehr gelungen.

Auch hier sind wir im Aufbau. Wir haben jetzt mit dem japanischen Telekommunikationsunternehmen NTT (die Gruppe setzt jährlich 180 Milliarden Dollar um; Anm. d. Red.) einen sehr potenten Partner. Zusammen wollen ein Team aufbauen, das Massstäbe setzt. In Sachen Rennvelos sind wir weltweiter Marktleader. Keine andere Marke investiert so viel in Entwicklung wie wir. Es muss unser Anspruch sein, auch im Rennbereich ganz vorne zu sein.

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