Würdigung

Selbst im Chaos fand Fotograf Hansruedi Riesen Ästhetik

Am 26. September verstarb der Solothurner Fotograf Hansruedi Riesen im Alter von erst 66 Jahren. Eine Würdigung.

Vor kurzem hielt ich eine Aufnahme von der ehemaligen Kammgarnspinnerei Derendingen in der Hand und reflexartig kam mir Hansruedi Riesen in den Sinn. Gar oft hatten wir über die Aufnahmen diskutiert, die er in der «Kammgi» gemacht hatte, aus denen im Jahr 2002 das Buch «Kammgi, ein Stück Textilgeschichte in der Schweiz» entstanden ist.

Das Titelbild zum 2002 erschienen Buch «Kammgi, ein Stück Textilgeschichte»:

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Und ich dachte daran, wie oft und intensiv wir über Fotografie sprachen, insbesondere über Industriefotografie und Reportage, in beiden Gebieten hatten wir Erfahrungen gemacht. Wir unterhielten uns aber auch gerne übers Kochen und den Jazz. Vor vielleicht zehn Jahren haben wir uns aus den Augen verloren und ich fragte mich nun, was Hansruedi unterdessen wohl so macht und wo er ist. Die Antwort kam mit der Todesanzeige.

Anfang der 1980er-Jahre, als wir eine Zeit lang gemeinsam für die «Solothurner Zeitung» arbeiteten, zeigte er mir seine Fotos von älteren Gebäuden, Fabriken und Werkstätten und von dem, was darin gearbeitet wurde: Serien von Schwarz-Weiss-Bildern in hoher Qualität, sowohl von den Aufnahmen her, als auch von den Kopien, die Riesen davon angefertigt hatte.

Auf einem Foto waren einige kleine Werkzeuge zu sehen, so hingelegt, als wäre es eine schöne Rosette. Ob er das so arrangiert habe, fragte ich. Riesen reagierte ganz entsetzt und sagte, so etwas würde er niemals tun. Der Mann, der das Werkzeug braucht, wisse sehr wohl, warum er es so hingelegt hat.

Er konnte hervorheben und zeigen, was verborgen ist

Je länger je besser verstand ich, dass Hansruedi nicht nur so fotografierte, sondern sich auch als Mensch so verhielt. Er wusste die Qualitäten und Werte zu schätzen, die andere geschaffen haben. In der Fotografie sah er das Mittel, diese sichtbar zu machen. Hervorheben und zeigen, was verborgen ist, auch von Orten, wo man es gar nicht vermutet, das faszinierte ihn. Respekt haben, nicht aufdringlich sein machten es ihm möglich, Menschen auf den Fotos so natürlich zu zeigen, wie wenn kein Fotograf da wäre.

Selbst im Chaos von herumliegendem Material fand er eine Ästhetik. Diese Fähigkeit brachte ihm ausserordentliche Anerkennung für Fotos, die er für den Jahresbericht 1992 der Firma von Roll gemacht hatte: «Hier wird Industriefotografie gepflegt, wie man sie heute leider nur noch in Galerien geboten bekommt», war in der Wirtschaftszeitschrift «Bilanz» zu lesen; sie hatte Gestaltung und Qualität von 100 Geschäftsberichten schweizerischer Unternehmen bewerten lassen.

Zwar habe er eine Mechanikerlehre gemacht, aber immer den Wunsch gehabt, «so richtig zu fotografieren. Ich wusste nur nicht so genau was», erzählte Hansruedi einmal. Dass es die Reportage und Dokumentarfotografie sein soll, sei ihm auf einer dreimonatigen Reise durch Italien klar geworden. Dort entstand denn auch seine erste Reportage und er begann, sich systematisch zum Fotografen auszubilden. Mit Erfolg, die Liste von allen möglichen Druckerzeugnissen und Ausstellungen mit Fotos von Hansruedi Riesen ist sehr lang geworden. Sein Name wurde in den Bereichen Industrie-, Architektur- und Reportagefotografie zu einem Begriff. Ferner hatte er das Vertrauen von Künstlern erarbeitet, namentlich von jenen, die mit Eisen arbeiten.

Seine Sujets sind kaum mehr zu finden

Beim Verfolgen seiner Ziele konnte er hartnäckig sein. Und manchmal fühlte er sich unverstanden, zog sich zurück. Der Kontakt zwischen uns wurde spärlicher. Als er mir dann doch wieder einmal eine Serie Fotos zeigte, fiel mir auf, was mir schon früher hie und da aufgefallen war: Hansruedi hatte die Aufnahmen wieder dunkler kopiert als sonst. Darauf angesprochen antwortete er, dass ihn das, was er fotografiere, halt stark beschäftige.

Er empfinde es oft als sein Pech, dass sich vieles verändert, nachdem er es fotografiert habe, aber leider eben nicht zum Guten. Tatsächlich sind viele jener Gebäude, Firmen und Produktionsstätten verschwunden, die Hansruedi Riesen magisch angezogen hatten. Sujets wie im Buch über die «Kammgi» sind kaum mehr zu finden. Und so wie die Zahl dieser Sujets abgenommen hat, so nahm offenbar auch Riesens Energie in den letzten Jahren stetig ab.

Ein Foto aus dem «Kammgi»-Buch

Ein Foto aus dem «Kammgi»-Buch

Autor Alois Winiger war bis zu seiner Pensionierung viele Jahre Fotograf und Redaktor dieser Zeitung.

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