«Schwarzes Licht»
Die neue Ausstellung im Kunstmuseum Solothurn thematisiert das Erhabene in der zeitgenössischen Kunst

Einen «wohligen Schauer» hat Kurator Robin Byland zum roten Faden seiner Abschlussausstellung gemacht. Mit dem «schwarzen Licht» endet seine Assistenz im Kunstmuseum Solothurn.

Vanessa Simili
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Kurator Robin Byland in der Grotte von Sara Masüger

Kurator Robin Byland in der Grotte von Sara Masüger

Hanspeter Bärtschi

Die Ausstellung «Schwarzes Licht» spürt das Erhabene in der zeitgenössischen Kunst auf. Sie präsentiert zwölf Positionen, die «symptomatisch für dieses Gefühl sind», sagt Kurator Robin Byland bei einem Rundgang in der Ausstellung. Und weiter: «Edmund Burke, der den Begriff Mitte des 18. Jahrhunderts in die Philosophie der Ästhetik einführte, hat vom Erhabenen als einem ‹delightful horror›, einem wohligen Schauer, gesprochen.» Diesem gehe immer eine Art Schrecken voraus. Den wohligen Schauer hat Byland zum roten Faden seiner Abschlussausstellung gemacht. Nach fast fünf Jahren endet im Januar 2022 seine Assistenz im Kunstmuseum Solothurn.

Das Furchteinflössende der Naturgewalt

«Das Gefühl des Erhabenen stellt sich ein, wenn man zwar eine Restgefahr verspürt – beispielsweise während eines Gewittersturms –, sich aber aufgrund seiner Vernunft jenseits dieser Bedrohung stellen kann», erläutert Byland. Ihn haben Werke von zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern interessiert, die dieses Gefühl verdichten und sichtbar machen.

Robin Byland

Robin Byland ist in Niedergösgen aufgewachsen. Seit Mai 2017 ist er als wissenschaftlicher Assistent im Kunstmuseum Solothurn tätig. Mit der Ausstellung «Schwarzes Licht» beendet Byland Ende Januar diese für ihn «sehr lehrreiche Zeit», wie er sagt. Byland hat den Master in Kunstgeschichte und Bildtheorie an der Universität Basel abgeschlossen. Wo genau seine nächste berufliche Zukunft liegt, sei noch unklar. Sicher ist, dass er sich auch weiterhin mit Kunst auseinandersetzen wird. «Mir bereitet die vermittelnde Position zwischen Kunst und Publikum enorm viel Freude», so Byland. (szr)

Als Ausgangspunkt für die Dramaturgie der Ausstellung dienen zwei Bilder aus der Sammlung des Kunstmuseums. «Gewittersturm», 1858, von François Diday und «Das Innere der Bärenhöhle bei Welschenrohr», 1778, von Caspar Wolf. Es sind Ölmalereien, die beide das Unvermögen des Menschen, die Natur zu beherrschen, zum Ausdruck bringen. Während bei ersterem das Furchteinflössende der Naturgewalt Thema ist, zeigt zweiteres einen fast winzigen Menschen, der mit einem Buch im Inneren einer grossen Höhle mit seiner Ratio dem Gefühl der Ehrfurcht und Überwältigung begegnet.

«Das Innere der Bärenhöhle bei Welschenrohr» von Robert Zandvliet.

«Das Innere der Bärenhöhle bei Welschenrohr» von Robert Zandvliet.

Hanspeter Bärtschi

Es sind zwei exemplarische Bilder aus der Kunstgeschichte, die der Betrachterin für die zeitgenössische Auseinandersetzung die Tür öffnen sollen. Interessanterweise trägt das knapp drei Meter hohe Bild des niederländischen Künstlers Robert Zandvliet (*1970), das im ersten Saal prominent platziert ist, den gleichen Titel.

Bedrohlich aber auch der Mensch

«Zandvliet hat das Bild von Caspar Wolf als Vorlage verwendet», so Byland. Formal ist Wolfs Bärenhöhle tatsächlich wiedererkennbar, dennoch findet durch die Abstraktion auch Transformation statt: Bei Zandvliet ist der Mensch im Zentrum absent. Die runde Form erinnert an ein kugelförmiges Gebilde – das mit einer Wucht auf die Betrachterin zuzustürzen scheint. Einem Meteorit ähnlich. Das Bedrohliche hier hat sich verschoben; es ist nicht die Weite der Natur, die unbegreiflich erscheint, sondern die Unmittelbarkeit und Gezieltheit, die den Betrachtenden konfrontiert.

Dass sich die Bedrohung für den Menschen seit den Anfängen des Begriffs teilweise verschoben hat, ist nicht weiter verwunderlich, bedenkt man die knapp 250 Jahre, die dazwischen liegen. Auch heute noch lassen Naturgewalten erschauern. Doch vermag nicht auch das Vordringen des Menschen in vermeintlich unberührbare Sphären der Natur ein Schreckensmoment zu verkörpern?

«Mouvement végétativ» von Victorine Müller

«Mouvement végétativ» von Victorine Müller

Hanspeter Bärtschi

So haben die Fotografien «Towards No Earthly Pole – Vostok» und «Towards No Earthly Pole – Rutford» von Julian Charrière (*1987) – welche dank des Ankaufs durch die Freunde des Kunstmuseums nun Teil der Sammlung des Kunstmuseums sind – tatsächlich etwas Beängstigendes. Als würde hier mit dem Fotografieren ein Akt eingefangen werden, der so in der Natur nicht vorgesehen ist. Vielleicht ist es die künstliche Beleuchtung durch Drohnen, welche bedrohlich wirkt. Die Stille des Eises wird gestört, das kann festgehalten werden. Geht hier der Mensch zu weit? Ist die prekäre Situation der Erde das Schreckliche, wenn man das Klima, die Globalisierung, den Umgang mit der Natur bedenkt?

Wir stossen an die Grenze des Erhabenen, denn angesichts dieser Tatsachen bleibt das Gefühl von Sicherheit aus. Dieses aber würde der Erhabenheit erst die Tür öffnen. Stattdessen stellt sich Ratlosigkeit ein. Denn anders als beim aufziehenden Sturm können wir vor dieser Gefahr nirgends hin flüchten.

Poetischer Abschluss mit einer Prise Humor

Die Ausstellung entlässt einen nicht in Beklemmung, sondern endet im sechsten Saal mit der poetischen Arbeit «Mouvement végétatif» von Victorine Müller (*1961). Drei transparente Ballone, je zwei Meter hoch, schweben wie Blasen im Raum. In ihrem Innern je ein ebenfalls transparentes Gebilde, das durch seine organischen Formen an Lebewesen erinnert. Die Arbeit weckt Assoziationen, die sich zwischen Embryo und Reagenzglas bewegen. Von unten beleuchtet, zeichnet das Licht weiche Formen an die Decke. Leichtigkeit und eine Prise Humor zum Abschluss.

Öffentliche Führung/Finissage: Samstag, 2. Januar, 11 Uhr.

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