Kanton Solothurn

Schnuppern nur mit negativem Test: Corona erschwert die Nachwuchs-Rekrutierung in Pflegeheimen

Im Praktikum Einblick in den Pflegeberuf erhalten: In Coronazeiten ist das nur sehr beschränkt möglich.

Im Praktikum Einblick in den Pflegeberuf erhalten: In Coronazeiten ist das nur sehr beschränkt möglich.

Dass der Kanton Heime und Spitäler zur Ausbildung von ausreichend Berufsnachwuchs verpflichtet, zeigt: Der Fachkräftemangel ist in Pflegeberufen besonders akzentuiert. Corona erschwert die Rekrutierung von Auszubildenden.

Alters- und Pflegeheime sind besonders vulnerabel: Sollte das Coronavirus in eine Institution eingeschleppt werden, hätte das unter Umständen verheerende Folgen für die Bewohner. Dementsprechend vorsichtig sind die Institutionen derzeit mit der Rekrutierung von jungem Nachwuchs: Also genau der Gruppe der Bevölkerung, die bei einer Ansteckung mit dem Virus möglicherweise keine Krankheitssymptome aufweist.

Einige Institutionen haben ein ausgeklügeltes Selektionsverfahren für Schnupperstifte hochgefahren, um doch noch an Nachwuchs zu kommen. Andere bieten die Stellen momentan gar nicht erst an. Wieder andere rekrutieren normal weiter, einzig mit strengeren Hygienemassnahmen und -instruktionen.

Eigenen Mitarbeitern eine Chance geben

Zwei Pflegeheime in Olten, St. Martin und das Haus zur Heimat, verzichten vorerst auf Schnupperstellen. Das Risiko sei schlicht zu gross. «Wir sind normalerweise sehr grosszügig mit den Schnupperstellen», sagt Urs Hufschmid, Heimleiter des Pflegeheims St. Martin. Aber weil der Kontakt zu den Bewohnern doch recht eng wäre, schätzt er das Risiko grösser ein als den Nutzen. Einen Teil der freien Lehrstellen für nächstes Jahr kann der Geschäftsleiter voraussichtlich mit Jahrespraktikanten aus dem Berufsvorbereitungsjahr besetzen. «Sie haben die Pole-Position im Rennen um die Lehrstellen», sagt er.

Das Haus zur Heimat setzt hingegen eher auf die eigenen Mitarbeiter. «Wir wollen nebst Jugendlichen auch unseren eigenen Leuten die Möglichkeit geben, eine weitere Ausbildung zu machen», sagt der Heimleiter, Marco Petruzzi. Bis Ende Jahr finden im Heim daher keine Schnupperpraktika mehr statt. Man habe sich vor kurzem aber entschieden, ab Oktober wieder Eignungspraktika für potenzielle Lehrlinge anzubieten.

Gezielte Selektion von möglichen Lehrlingen

Ähnliches führen andere Pflegeheime bereits durch, etwa das Pflegeheim «Läbesgarte» in Biberist. «Wir gehen die Rekrutierung wie geplant an, einfach mit einer anderen Struktur», sagt Diana Kabashi, Bildungsverantwortliche des Heims. Statt einzeln werden die interessierten Schüler nun in kleinen Gruppen zu einem Vorgespräch, abgetrennt vom Bewohnerbereich ausserhalb der Institution, eingeladen. Dort bringt man ihnen einerseits die Hygienepraktiken im Haus bei. Andererseits selektioniert man während Gesprächen und gemeinsamen Spielen gezielt geeignete Kandidaten zum Schnuppern.

Auch die Stiftung Alterssiedlung in Grenchen hat ein Selektionsverfahren im Vorfeld eingeführt. Allerdings: «Wir klären bei den Gesprächen die Dringlichkeit ab», sagt der Bildungsverantwortliche Manuel Kupferschmid. Angenommen werden nur Kandidaten, die gezielt einen Lehrvertrag erhalten und nicht nur den Beruf kennen lernen wollen.

Negativer Coronatest vor Antritt der Schnupperlehre

Einen Schritt weiter mit den Sicherheitsvorkehrungen geht das Alterszentrum Wengistein in Solothurn: Schnupperkandidaten müssen dort vor dem Beginn des Praktikums einen negativen Coronatest vorweisen. Diese Massnahme gelte allerdings auch für Mitarbeiter, die aus den Ferien zurückkehren oder für Tagesgäste im Heim, wie der Bildungsverantwortliche Matthias Mori auf Anfrage mitteilt.

Im Gegenteil dazu führt die Genossenschaft für Altersbetreuung und Pflege Gäu die Rekrutierung so normal wie möglich durch. Laut der Bildungsverantwortlichen Monika Imhof habe man nach dem Lockdown wieder Schnupperkandidaten mit den nötigen Schutzmassnahmen zu einem Vorgespräch eingeladen, wie das vor der Pandemie gängig war. «Geändert hat sich einzig, dass wir noch mehr auf die Hygienemassnahmen hinweisen als bereits vor der Pandemie», sagt Imhof. «Wann immer möglich werden wir ab den Herbstferien auch Schnuppereinsätze für Lehrstellen 2021 durchführen.»

Noch kein Druck wegen der offenen Lehrstellen

Bei der Art und Weise der Durchführung der Praktika sind sich die Institutionen allerdings einig: Die Schüler müssen eng begleitet werden und wenig bis gar keinen direkten Kontakt zu den Bewohnern und Patienten haben. Man ist aber generell guten Mutes, dass bis im Sommer 2021 alle Lehrstellen besetzt werden können. «Wir haben noch keinen Druck. Für die sinnvolle Berufswahl braucht es genügend Zeit und nicht Hektik, das bleibt unverändert», sagt Kabashi vom «Läbesgarte» Biberist. Die ersten Lehrverträge dürfen ohnehin erst ab November abgeschlossen werden. «Ich mache mir da keine Sorgen», sagt auch Kupferschmid aus Grenchen.

Sollte die Situation schlimmer werden und die Lehrstellen frei bleiben, gehen die Meinungen wieder auseinander. «Wenn alle Stricke reissen, werden wir auch Lernende sur dossier aufnehmen», sagt Matthias Mori vom «Wengistein». Auch der «Läbesgarte» sei bereit, Lernende anzustellen, die noch nie bei ihnen schnuppern waren. Die Oltner und Gäuer Heime lehnen dies strikt ab.

Stellen nicht auf Biegen und Brechen besetzen

Das ist auch die Empfehlung des Amts für Berufsbildung. «Es wäre fatal, wenn insbesondere im Zusammenhang mit der Ausbildungsverpflichtung offene Lehrstellen auf Biegen und Brechen besetzt werden müssten. Dies könnte im schlimmsten Fall zu einer Lehrvertragsauflösung führen», schreibt das Amt auf Anfrage. Man schaut aber auch hier zuversichtlich in die Zukunft. «Wir stellen bei den Jugendlichen in den Berufen des Gesundheitswesens nach wie vor eine überdurchschnittliche Nachfrage fest. Deshalb gehen wir davon aus, dass auch im 2021, wenn auch unter erschwerten Bedingungen und mit einer verzögerten Rekrutierungszeit, die Lehrstellen grösstenteils besetzt werden können.»

Dennoch nehmen die Institutionen mit ihren strengen Auswahlverfahren vielen die Möglichkeit, ein kurzes Berufswahlpraktikum zu machen. Das Amt für Berufsbildung jedoch habe Verständnis für das eingeschränkte Angebot der Lehrbetriebe. «Den Jugendlichen in den 8. Klassen stehen ja auch noch andere Möglichkeiten, wie das BIZ, die Berufsberatung, Berufsmessen oder elektronische Medien zur Verfügung, um sich über die Berufsbilder zu informieren.»

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