Das Posaunespielen hat sich Thomas Tschirren selbst beigebracht. Schon als Vierjähriger habe er sich in das Instrument verliebt, erzählt er. Zunächst spielte er aber Flöte, in der Oberstufe dann Kornett. Das ersehnte Instrument erhielt er nach der Schulzeit. Unterricht besuchte er nie – dafür einige Seminare und Konzerte. 40 Jahre lang spielt der 54-Jährige Tschirren nun.

Er ist auch Mitglied in einem Quartett und der Musikgesellschaft Herzogenbuchsee. Er übe praktisch täglich, sagt er. Ständig sucht er auch nach Tipps und Tutorials im Netz. So stiess er zufällig auf eine Idee, die ihn nicht mehr losliess – und ihm schliesslich einen Preis in England bescherte.

Und so kam es: Tschirren schaute ein Video, in welchem sich eine professionelle Trompetenspieler und der Gründer einer englischen Stiftung unterhielten. Die stiftung will auch körperlich Beeinträchtigten das Musizieren ermöglichen. Konkret ging es um die Frage, wie auch Einarmige Trompete spielen könnten. Tschirren spann den Gedanken weiter: «Wie würde ich das Problem bei der Posaune lösen?»

Bei der Posaune dient der linke Arm der Stütze des Instruments und betätigt das Ventil, mit dem rechten Arm wird am Rohr gezogen um unterschiedliche Töne zu erzeugen. Es braucht also beide Arme. Es gebe schon Ständer oder Gerüste, um den Oberkörper, um das Instrument abzustützen, damit nur ein Arm benötigt wird, erzählt der zweifache Vater aus Niederönz. «Damit ist man aber nicht flexibel – man kann im Orchester nicht aufstehen, um ein Solo zu spielen; bei keiner Marschmusikformation mitmachen.» Eine andere Lösung musste her. So begann Tschirren zu tüfteln.

Thomas Tschirren zeigt seine Posaune für Einarmige

Die Lösung: Eine Schulterplatte

Thomas Tschirren ist stellvertretender Leiter des technischen Dienstes im Bürgerspital Solothurn. Dies seit rund zehn Jahren, zuvor arbeitete er elf Jahre lang auf der Ambulanz. Heute schaut er zur Infrastruktur, repariert, was es zu reparieren gibt, koordiniert die Einsätze von externen Handwerkern. Im grauen Arbeitsanzug und mit dem Telefon stets griffbereit ist er in den Gebäuden des Spitals unterwegs. Für seine geplante Erfindung – eine Posaune, die auch Einarmige spielen können – ging er auch in Freizeitkleidung jeweils Samstags in die Werkstatt. Hier schweisste und lötete er und verarbeitete Kunststoff, nachdem er zuerst eine simple Platte aus Blech entworfen hatte. Auf dieser kann die Posaune befestigt werden, so braucht es den linken Arm zur Stützung nicht.

Später perfektionierte er den Prototypen aus Kunststoff. «Die Platte muss sitzen wie ein Wanderschuh», erklärt Tschirren. Das Ventil auf der linken Seite des Instruments verband er mittels Kabel mit den Fingern der rechten Hand, durch einen Elektromagneten lässt sich so das Ventil betätigen. Es braucht nur einen Arm, um die Posaune zu spielen. Relativ schnell merkte Tschirren: «Das funktioniert.» Letzten Sommer schickte er ein Video seiner Erfindung an die englische Stiftung OHMI, die sich dafür einsetzt, dass auch Behinderte Zugang zu Instrumenten erhalten. So wurde Tschirrens Tüftelei preiswürdig.

«Musik ist etwas Erbauendes»

Die hierzulande kaum bekannte OHMI-Stiftung vergibt jährlich Awards für Instrumente, die entweder neu gebaut oder so umgebaut werden, dass auch körperlich Beeinträchtigte sie spielen können. Die Bedingung: «Das Instrument muss von A bis Z einwandfrei klingen; ohne musikalische Abstriche spielbar sein.»

Im Herbst wurde Tschirren nach Birmingham eingeladen, wo er einen Award für seine Erfindung erhielt. Er berichtet in diesem Zusammenhang vor allem von den Erfahrungen vor Ort: «Das war extrem spannend.» Zuvor habe er sich ja nie Gedanken darüber gemacht – «mit einer körperlichen Einschränkung ist Musizieren meist ausgeschlossen.» In England habe er gesehen, was für Ansätze es gibt, um dies zu ändern. So habe ein Hornist ohne Arme mit den Zehen Horn gespielt, ein verunfallter ehemaliger Profispieler mit nur einem Arm Saxofon.

«Genau das ist der Punkt: Profis sollen auch nach Unfällen spielen, Erwachsene an Musikgruppen teilhaben, Kinder von klein auf ein Instrument erlernen können.» Musik sei etwas «Erbauendes, Schönes, Persönliches.» Die Posaune etwas «Elegantes, Geradliniges, Simples.» Deshalb fasziniere ihn beides – beides wolle er mehr Menschen ermöglichen. Der 54-Jährige räumt ein, es handle sich um einen kleinen Markt. «Aber in diesem gibt es grosse Möglichkeiten.» So sei ein älterer Bekannter, der in der Jugend auf dem Bauernhof der Eltern einen Arm verloren hat, nach Tschirrens Rückkehr auf ihn zugekommen. Er habe ihm erzählt, dass er immer gerne Posaune gelernt hätte. Jahrelang frönte er dann dem Gesang, weil das Posaunenspiel nicht möglich war.

Tschirren überlegt nun, seine Adaption auch der Bassposaune anzupassen – an dieser gibt es zwei Ventile, die getätigt werden müssen. Die nächste Ausschreibung für den OHMI-Award wäre 2020 – «aber ich lege mich jetzt noch nicht fest.» Dafür hat sich der 54-Jährige nun entschlossen, Posaunenunterricht zu nehmen – «um neue Inputs zu erhalten.»