Es klingt wie ein Agentenkrimi: Ein peruanischer Polizeichef der Antidrogenbehörde, Deckname Carlos, wirbt in Rom und Paris zwei Exil-Peruaner an, um mit ihnen am 17. Mai 2016 die Schwester des Staatspräsidenten in deren Haus im solothurnischen Oberdorf zu überfallen. Das Opfer spähen sie zwei Tage zuvor aus. Sie wollen der Frau einen Koffer mit anderthalb bis zwei Millionen Euro Drogengeld stehlen.

Allerdings lässt sich vor Ort kein Geldkoffer finden. Nach Überzeugung von Staatsanwalt Raphael Stüdi gehört aber auch «Carlos» ins Reich der Fantasie. Am Donnerstag standen die beiden «Amateure» des Überfalls im Alter von 39 und 37 Jahren vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern. Sie waren einige Monate nach der Tat in Deutschland und Italien festgenommen worden.

Basierend auf den DNA-Spuren, die am Tatort sichergestellt wurden, waren nur sie an jenem Nachmittag ins Haus eingedrungen, wo sie die Hausherrin und deren erwachsene Tochter überwältigten und fesselten. Zur Einschüchterung verwendeten die Räuber eine schwarz lackierte Spielzeugpistole.

Nach vergeblicher Geldkoffersuche hätten die beiden mehrfach vorbestraften Täter einige hundert Franken Bargeld und eine Halskette im Wert von knapp 20 000 Franken mitgenommen. Dies, nachdem den Frauen die Flucht gelungen war und sie Nachbarn alarmiert hatten.

Schwester von peruanischem Staatspräsidenten überfallen

Schwester von peruanischem Staatspräsidenten überfallen

In einem Einfamilienhaus in Oberdorf überfallen Unbekannte zwei Frauen. Es handelt sich um die Schwester und die Nichte eines Staatspräsidenten. Der Beitrag wurde am 20.5.2016 auf Tele M1 ausgestrahlt.

Angst um Familien

Die Mutter leidet seit dem Überfall unter derart schweren psychischen Problemen, dass sie sich vom Prozess ärztlich dispensieren liess. Die Begehren von Verteidigerseite, auch die ältere Frau müsse am Prozess teilnehmen und zudem müsse ihre Vergangenheit auf Vergehen durchleuchtet werden, wies das Gericht ab.

Die Mutter soll beim Überfall geschlagen und gewürgt worden sein. Doch dafür wollte keiner der beiden Männer geradestehen. Ansonsten waren sie grundsätzlich geständig. Allfällige Lügen im Verfahren entschuldigten sie mit der Sorge um ihre Familien in Lima.

Sie betonten, sie hätten niemanden verletzen, sondern nur die Millionen an sich bringen wollen – und schoben die Hauptschuld auf «Carlos»: Erst während des Überfalls habe ihr Anführer die Opfer als Schwester und Nichte des peruanischen Staatsoberhauptes geoutet.

Ausserdem habe «Carlos» damit geprahlt den Sohn (respektive Bruder) der Frauen umgebracht zu haben. Dieser war wenige Monate früher bei einem Verkehrsunfall in Lima unter ungeklärten Umständen umgekommen.

Die Aussage der Tochter gestaltete sich aufwändig. Die Angeklagten verfolgten das Prozedere per Videoübertragung aus dem Nachbarraum. Von dort aus stellten sie sich ihrem Opfer auch einzeln vor. Die zierliche junge Frau, von Beruf Zahnärztin, wirkte gefasst und gab ihre Aussagen mit leiser Stimme zu Protokoll.

Anders als ihre Mutter sei sie seit dem Überfall nicht in psychologischer Behandlung. «Das Bild meiner Mutter am Boden, eine Pistole gegen den Kopf gepresst, werde ich mein Leben lang nicht vergessen», sagte sie. Seither bekomme sie im Kontakt mit spanisch sprechenden Männern Angst.

Acht Jahre Gefängnis gefordert

Der Staatsanwalt forderte für beide Beschuldigten je acht Jahre Freiheitsstrafe für besonders gefährlichen Raub, Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung. Die beiden amtlichen Verteidiger sehen den Sachverhalt ganz anders.

Sie glauben der «Carlos»-Version und stellen den Bargeld- und Schmuckdiebstahl in Abrede. Sie wollen lediglich eine Verurteilung für versuchten Raub akzeptieren und Freiheitsstrafen von maximal 32 Monaten respektive (beim jüngeren Mittäter) von zwölf Monaten bedingt, bei einer Probezeit von zwei Jahren.

Im Zivilverfahren erhoben die Frauen gegenüber den Beschuldigten Genugtuungsforderungen in der Höhe von 25 000 Franken (Mutter) und 5000 Franken (Tochter). Das Urteil wird heute Nachmittag eröffnet.