Wild

Plastikzäune sind immer wieder für den Tod von Wildtieren verantwortlich

Rehe welche sich in Plastikzäunen verheddern, verletzen sich oft. Doch auch Hundehalter oder Autofahrer sind für immer mehr tote Wildtiere verantwortlich. Die Rücksichtnahme sinkt

Es sind keine schönen Bilder. Rehe, die in Plastikzäunen hängengeblieben sind. Verheddert, verletzt, verendet. Die Bilder stammen aus dem Unterleberberg. Kurt Frölicher zeigt sie der Zeitung. Er ist Jäger aus Leidenschaft. Seit 50 Jahren ist der Riedhölzer auf der Pirsch. In den letzten Wochen haben sich einige Vorfälle ereignet, die Frölicher erschüttern. «Die Rücksicht gegenüber der Natur nimmt ab», sagt der 72-Jährige.

1842 Hektaren gross ist das Waldegg-Revier, in dem Frölicher schon fast sein ganzes Leben jagt. Es reicht vom Verenabach bis zur Balmfluh hinauf und wieder runter bis zur Siggernmündung an der Aare. Frölicher kennt das Revier, die Leute kennen ihn. Kommt es zu einem Zwischenfall, rufen die Leute den Pensionär an.

Wehrlos gefangen

Letzten Sonntag war es wieder so weit: In der Gumme bei Niederwil hatte sich ein Reh in einem Plastikzaun verfangen. Die Kunststoffschnur hatte sich mehrfach um den Kopf gewickelt. Das Tier zappelte, schlug aus. Mit Markus Morand, Jagdleiter des Reviers, hielt Frölicher den Rehbock fest. Er durchtrennte die Plastikschnur mit einer Zange und liess das Tier gehen. Kein Einzelfall: Eben erst musste Frölicher in Riedholz ein Tier aus einem Plastikzaun befreien. Letzten Herbst rückte Markus Morand nach Balm aus. Dort ging es für das Tier weniger glimpflich aus. Ein Hund hatte das wehrlose, im Zaun verhedderte Tier gerissen. Es war tot.

Tierschutz kennt das Problem

Plastikzäune sind besonders gefährlich für die Rehe. «In einem Metallzaun verfängst sich das Tier weniger», sagt Frölicher. Der starre Draht wickelt sich weniger gut um die Hörner. Für Frölicher ist klar: «Die Zäune gehören im Winter weg.»
Beim Schweizer Tierschutz STS ist das Problem bekannt. Die Organisation warnt in einem Merkblatt vor Knotengitter-Zäunen und Weidenetzen als gefährliche Hindernisse für Wildtiere. Tiere, die durchschlüpfen wollten, bleiben hängen und können verenden. Der Tierschutz empfiehlt, auf diese Zäune in der Nähe von Waldrändern oder Gebieten mit häufigem Wildwechsel zu verzichten. Wildtiere sind Fluchttiere. «Zäune werden auf der Flucht oft nicht mehr als Grenze erkannt», schreibt der Tierschutz.

Noch kein Thema ist das Problem beim Solothurner Bauernverband. Bauernsekretär Peter Brügger führt dies darauf zurück, dass es in der Region eher wenige professionelle Bauern gibt, die Schafe halten - und damit Weidenetze verwenden. «Es sind oft Hobbyzüchter», sagt Brügger. Zwar hätten Viehbauern in der Region oft Nylonschnüre. «In der Regel nimmt man diese im Winter aber rein, sonst gehen sie kaputt.»

Trotz Tafel: 2 tote Tiere diese Woche

«Jäger machen vieles für die Wildtiere», sagt Frölicher. Eben erst war er mit Mitarbeitern des Baudepartements unterwegs, damit im Gebiet Hinterriedholz/Attisholz Wildwarntafeln aufgestellt werden. Eingesetzt hat sich Frölicher auch für Warntafeln im Galmis zwischen Rüttenen und Balm. Gestern vor einer Woche sind sie montiert worden. «Ein Tag später wurde ein Tier angefahren.»

Letzten Montagabend erhielt er erneut eine Meldung. Auf der gleichen Strecke war trotz des Warnlichts an den Tafeln wieder ein Tier angefahren worden. «Warum werden die Tafeln nicht beachtet?», fragt Frölicher. Allein im Waldegg-Revier mussten die Jäger 2012 47 mal ausrücken, um angefahrene Tiere zu bergen. Füchse, Rehe, Dachse oder sogar ein Schwan waren darunter.

Streunende Hunde als Gefahr

Diese Woche hat sich auch die Polizei zu den Wildtieren geäussert. In den letzten Wochen sind bei der Kantonspolizei mehrere Meldungen über streunende Hunde eingegangen, die Rehe gerissen haben. Nur schon im Februar sind fünf Hundebesitzer angezeigt worden. Einen Fall kennt auch Kurt Frölicher. Im Riedhölzer Wald schreckte ein Hund ein Reh auf. Auf der Baselstrasse kam das flüchtende Tier unter ein Auto. Grundsätzlich sei im Schnee die Chance, dass ein Hund das Tier reisst. «Das Reh sackt ein und ist langsamer als sonst.» Und auch wenn der Hund das Tier nur aufscheucht, ermüdet das die Viecher.

Bei der Balmburg in Tod gestürzt

Gerade in der Winterzeit ruhen Rehe oft nur unweit von Waldwegen. Sie brauchen ihre Energie, um bei Schnee und Kälte überleben zu können. «Zum Äsen gehen die Tiere dann aus dem Wald auf die Felder, wo sie das Futter herausscharen», sagt Frölicher.

Eben erst hat er unterhalb der Balmburg eine Gams geborgen. Das Tier lag tot auf dem Parkplatz. Es ist - wie kurz zuvor ein Wildschwein - von der Balmburg hinuntergestürzt. Frölicher ist überzeugt: Das passiert einer Gämse nur, wenn sie zuvor aufgescheucht worden ist. «Leute, die quer durch den Wald laufen: Das ist als ob jemand Fremdes durch Ihre Wohnung läuft. Jeder hat das Recht im Wald zu sein. Aber warum sind die Leute nicht so vernünftig und bleiben auf dem Waldweg?»

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