Kolumne Felix Gmür

Ostern in der Krise: Der Bischof von Basel über die trügerische Ruhe in diesen Tagen

«Ostern verhindert keine Krisen. Es überwindet sie.» Bischof Felix Gmür.

«Ostern verhindert keine Krisen. Es überwindet sie.» Bischof Felix Gmür.

Krisen zeigen Symptome. Sie haben Ursachen und einen Verlauf. Ursache der Coronakrise ist ein Virus, ihren Verlauf beschreibt dessen Ausbreitung über den gesamten Globus. Das Virus betrifft alle, und es betrifft alle existenziell. Es geht ums Ganze, und daran zeigt sich, dass es eine Krise ist.

Manche kämpfen um Leben und Tod. Für kleinere Unternehmen geht es um Sein oder Nichtsein. Davon hängt die Existenz von Millionen von Menschen und Familien ab. Die ganze Gesellschaft ist auf dem Prüfstand, das Gesundheitssystem, die Altersvorsorge, die Lieferketten, der Zusammenhalt zwischen den Generationen, das Zusammenspiel von Ländern und Regierungen. Sogar die Armee wurde aufgeboten. Die Zeiten sind dramatisch. Krisenzeit.

Markantes Krisensymptom ist der Lockdown. Stillstand, beinahe. Seit Wochen erfüllt eine fast schon gespenstische Ruhe den öffentlichen Raum. Nahezu alles ist geschlossen, die Kirchen sind leer. Ruhe überall. Verordnete Distanz, körperlicher Abstand. Das ist die Stunde des menschlichen Erfindergeistes. Die technischen Errungenschaften ermöglichen trotz physischer Distanz soziale Nähe. Das gute alte Telefon hat Hochkonjunktur. Soziale Plattformen zeigen uns die Gesprächspartner am Bildschirm. Wir können einander hören und sehen. Die Kirchen sind da keine Ausnahme. Kontaktmöglichkeiten werden wahrgenommen und ausgeschöpft. Die Osterbotschaft wird verkündet und verbreitet, auf Papier und elektronisch, schriftlich und mündlich, per Dienstleister und, was besonders freut, durch viele Freiwillige. Kerzen und Glocken und Gebete zeigen öffentlich den Zusammenhalt. Die Christenheit feiert Ostern, auch in Krisenzeiten. Ist also alles nicht so tragisch?

Die Ruhe trügt. Sie ist zwiespältig. Im privaten Raum, in den Köpfen und Haushalten, in engen Wohnverhältnissen und bei Menschen in prekären Lebensbedingungen herrscht weiterhin emsiges Treiben. Die äussere Ruhe verlagert sich als Unruhe ins Innere. Dort macht sich Unsicherheit breit, vielleicht Apathie, Aggression, auch Angst. Die innere Unruhe wühlt auf. Zweifel kommen hoch, auch Glaubenszweifel. Ostern gerät durch die Osterfeiern im Lockdown-Modus nicht in die Krise, auch wenn die Situation schmerzt. Entscheidend ist der Glaube an das, was sich an Ostern ereignet. Osterglaube ist der Glaube an die Auferstehung. Dieser allerdings ist in der Krise. Hier ist der kritische Punkt, hier zeigt sich, dass zu einer Krise immer eine Unterscheidung der Geister gehört und eine Entscheidung gefordert ist. Es geht ums Eingemachte. Das schreibt bereits Paulus: «Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch Christus nicht auferweckt worden. Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer, leer auch euer Glaube» (1Kor 15,13f).

Zweifler, für die der Glaube leer ist, sind keine neue Erscheinung. Gläubige aller Zeiten kennen Zweifel. Berühmt ist der Apostel Thomas, der den Beinamen «der Ungläubige» erhielt. Für ihn hat die durch andere bezeugte Auferstehung keine Evidenz. Er will sehen: «Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht» (Joh 20,25). Er ist damit nicht allein. Auch die anderen Jünger, immerhin die Speerspitze der Christenheit, glauben, es sei ein Geist, als Jesus ihnen erscheint. Auch sie wollen sehen und berühren. Statt zu glauben, stürzt sie die Erscheinung des Auferstandenen in eine Krise: «Sie erschraken und hatten grosse Angst» (Lk 24,37). Um sie dennoch zu überzeugen, beteuert Jesus: «Kein Geist hat Fleisch und Knochen, wie ihr es bei mir seht» (Lk 24,39). Die Jünger müssen den ganzen Jesus sehen, in Fleisch und Blut, damit sie glauben. Das ist ihrem biblischen Menschenbild geschuldet. Es sieht den Menschen immer als Einheit, als Ganzheit, und der Leib und Seele sind dabei «Aspekte» des Menschen. Für die «westliche» Welt und Kultur ist das eine Herausforderung, weil unser Menschenbild idealistisch geprägt ist und Leib und Seele, Materie und Geist voneinander trennt und vor allem den Geist hochhält. Da kann unser Glaube an Grenzen stossen, in die Krise geraten. Aber schon bei den Jüngern entwickelt sich der Osterglaube aus der Krise des Zweifels.

Verstört ist auch Maria von Magdala in der Krise. Erst, als Jesus sie mit ihrem Namen anspricht, wird sie hellhörig. Sie wendet sich um, erkennt Jesus. Dazu braucht sie einen Perspektivenwechsel. Dieser ereignet sich in der persönlichen Begegnung. Ihr Osterglaube ist Frucht einer Krisenbegegnung. Er verhindert keine Krise, aber er eröffnet neue Perspektiven.

Die Unruhe lässt uns suchen. Was braucht die Welt, wenn sie gerecht sein soll? Was kann dem freien Markt überlassen werden, was nicht? Wie spannen die Länder zusammen? Neuer Perspektiven bedarf unsere Welt. Wir gehören zusammen, alle. Das merken wir jetzt schmerzlich. Ostern verhindert keine Krisen. Es überwindet sie.

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