Kanton Solothurn

Nur die Besten sind gut genug: So sieht die neue Ausbildung zum Polizisten aus

Zweimal jährlich beginnt im Kanton Solothurn ein Ausbildungslehrgang für angehende Polizisten. Während zwei Jahren lernen sie an der Polizeischule in Hitzkirch LU und im Korps, was es braucht.

Im September durften 14 Polizistinnen und Polizisten ihre Diplome zur bestandenen Polizistenausbildung entgegennehmen. Diese 14 Absolventinnen und Absolventen waren die letzten dieser Ausbildungsform. Die einjährige Berufsausbildung wird nun umstrukturiert. Der Bund forderte, mehr Praxis in die Ausbildung zu binden, um den Beruf weiterhin anzuerkennen. Zukünftig wird die Ausbildung zur Polizistin bzw. zum Polizisten darum zwei Jahre dauern. «Polizeianwärterinnen und Anwärter im Praxisjahr werden im zweiten Jahr eng durch erfahrene Sachbearbeiter begleitet», sagt Christian Spycher, Ausbildungsverantwortlicher der Kantonspolizei Solothurn. Seit 2008 begleitet er Anwärterinnen und Anwärter der Polizistenausbildung im Kanton Solothurn. Pro Jahr starten zwei Ausbildungslehrgänge.

Aufnahmeverfahren

«Aus all den Bewerbern wollen wir die Besten», sagt Ausbildungschef Christian Spycher. Deshalb ist das Aufnahmeverfahren sehr komplex. Nach Einreichen der Bewerbungsunterlagen werden die Anwärterinnen und Anwärter zu einem Online-Test eingeladen, der zuhause durchgeführt wird. Dabei wird die Intelligenz, die deutsche Sprache, Rechnungssätze, das Erinnerungsvermögen sowie der gesunde Menschenverstand geprüft. «50 Prozent bestehen die erste Prüfungsstufe nicht», so Spycher. Nach Bestehen dieser Prüfung werden die Anwärter zur Hauptprüfung bei der Kantonspolizei eingeladen. Sie werden nochmals auf ähnliche Themen getestet. «Hier wollen wir insbesondere prüfen, wer zuhause geschummelt hat», meint Spycher dazu. Hier kommen 30 Prozent nicht durch.

Anschliessend folgt die Fitnessprüfung. Die Kandidatinnen und Kandidaten erhalten im Voraus genaue Angaben zu diesem physischen Test. «Deshalb bin ich jeweils enttäuscht, wenn ich sehe, dass sie nicht genügend vorbereitet sind», so der Ausbildungschef. Nebst der Fitness ist die Persönlichkeit sehr wichtig. Bei einem Gespräch wird das Bild der Person vervollständigt. Es werden auch auf Referenzen des Arbeitgebers zurückgegriffen. In weiteren Interviews und Gruppenarbeiten versetzen sich die Kandidaten in verschiedene Rollenspiele und beurteilen erste Fälle. Zum Schluss werden sie vom Vertrauensarzt medizinisch abgeklärt. Beim Bestehen aller Aufnahmepunkte erhalten die Anwärterinnen und Anwärter einen positiven Bescheid. Pro Lehrgang werden zwischen fünf bis sieben Polizistinnen und Polizisten ausgebildet.

Schulische Grundausbildung

Die schulische Grundausbildung dauert rund zehn Monate. In der interkantonalen Polizeischule in Hitzkirch werden während dieser Zeit verschiedene Module erarbeitet. Ein Polizist, eine Polizistin ist zuständig für Sicherheit, Ruhe und Frieden und das Einhalten der Gesetze. Während ihres Berufsalltags sind ihre psychischen und physischen Fähigkeiten sehr gefordert. Als Polizist ist man Allrounder und Spezialist zugleich. Dies wird den neuen Polizeiangestellten in verschiedenen Fächern gezeigt und vermittelt.

Eigene Erfahrungen sammeln sie in unterschiedlich langen Praktikas. Im ersten dürfen die angehenden Polizistinnen und Polizisten den Berufsleuten über die Schulter schauen. Dabei können sie erste Berufsluft schnuppern. Bereits im zweiten fünfwöchigen Praktikum dürfen die Schülerinnen und Schüler dann erste eigene Tätigkeiten ausüben. Dieses Praktikum erfolgt im Korps. Die angehenden Polizistinnen und Polizisten werden gemäss ihrem Wohnort auf die umgebenen Korps zugeteilt. Da werden sie die ganze Ausbildung über tätig sein.

In der schulischen Ausbildung lernen sie das theoretische und ethische Handeln und es wird an den eigenen Kompetenzen gearbeitet. Als Polizist/in trägt man viel Verantwortung und muss auch schwierige und anspruchsvolle Aufgaben übernehmen können. Die Ausbildung will ein realitätsnahes und ethisch korrektes polizeiliches Berufsbild vermitteln. 

Die Ausbildung ist ein strenger Weg um Polizist zu werden.

Prüfung der Einsatzfähigkeit 

Die schulische Grundausbildung wird abgeschlossen mit der Prüfung der Einsatzfähigkeit, abgekürzt PEF. Inhaltlich gleicht die PEF der bisherigen Berufsprüfung. Mit der Änderung der Struktur wollen die Ausbildungsverantwortlichen, dass die Polizistenschülerinnen und -schüler mehr Erfahrungen sammeln können und dabei eng begleitet werden. Darum wird die Ausbildung um ein Jahr verlängert. «Mit dieser Prüfung wollen wir sicherstellen, dass die Polizeianwärterinnen und -anwärter im Praxisjahr im Aussendienst bestehen können», sagt Christian Spycher.

Die Prüfung ist zusammengestellt aus vier Punkten. Im ersten Teil absolvieren die Prüfenden eine Theorieprüfung. Diese dauert zwei Stunden und dort wird das schulische und theoretische Wissen abgerufen. Danach folgt eine Situation am Schalter. Diese Aufgabe ist neu. «Dabei geht es um den Umgang mit dem Bürger und die richtige Anwendung der Berufsethik», erklärt Spycher. Zum Schluss folgt die praktische Prüfung. Die Schüler bearbeiten in zufälligen Zweiergruppen während eineinhalb Stunden ein Fallbeispiel. Von der Ausrückung bis zum Rapport muss alles detailliert behandelt werden. Dies kann ein Verkehrsunfall, häusliche Gewalt oder ein Einbruchsdiebstahl sein. Nach erfolgreich bestandener Prüfung können die Schülerinnen und Schüler ins Praxisjahr übergehen. Bei Nichtbestehen der Prüfung kann diese wiederholt werden. «Die zuständige Stelle ist noch in Abklärung, wie oft die Prüfung wiederholt werden darf», sagt der Ausbildungsverantwortliche. Ebenfalls neu wird die Erfahrungsnote der Polizeischule angerechnet.

Durchhalteübung 

Am Schluss des ersten Ausbildungsjahres erleben die Polizeischülerinnen und Schüler eine 28-stündige Durchhalteübung. «Das soll ein Erlebnis sein, das die Schüler – im positiven Sinne – nie vergessen sollen», fasst es Christian Spycher zusammen. Die Übung startet um drei Uhr morgens und umfasst verschiedene Aufgaben. Die Absolventen wissen dabei nicht, was auf sie zukommen wird.

Während der ganzen Übung werden Punkte verteilt, die am Schluss zur Erfahrungsnote zählen. Die Übung soll den angehenden Polizistinnen und Polizisten Erfahrungen ermöglichen und sie ihre Grenzen erkennen lassen. «Oftmals hat man das Gefühl, es geht nicht mehr, aber es geht trotzdem noch weiter. Dies aber unter enger Beobachtung der Übungsleitung», spricht Christian Spycher aus eigener Erfahrung. Bald 22 Jahre ist es her, seit er ebenfalls die Durchhalteübung absolviert hat. Nach 24 Stunden kann es sein, dass man an seine Grenzen stösst, doch das schöne ist, wenn man diese überschreiten kann.

Durchhalteübung Polizei Solothurn 2019

Durchhalteübung Polizei Solothurn 2019

Angehende Polizeischülerinnen und -schüler mussten an der diesjährigen Durchhalteübung nicht nur den Aufgaben ihrer Ausbildner, sondern auch dem garstigen Wetter trotzen.

Praxisjahr

Das anschliessende Praxisjahr dauert 14 Monate. Die Polizistinnen und Polizisten arbeiten nun aktiv auf dem Polizeikorps mit. Dabei werden sie von einem «Götti» eng begleitet. Regelmässig erhalten die angehenden Polizistinnen und Polizisten ein strukturiertes Feedback. Die Situationen werden ausführlich besprochen und nachbearbeitet. «Es ist wichtig, dass die Situationen besprochen werden – was man gut gemacht hat und wo man sich noch verbessern kann», betont Spycher.

Während des Jahres werden vier Fälle genauer besprochen und mit Hilfe eines Leitfadens detailliert aufgenommen. Diese werden dann in Form eines Lerntagebuches festgehalten und schliesslich acht Wochen vor der Prüfung an die Prüfungsexperten abgegeben. Die Experten haben dann bis zur Prüfung Zeit, die Dossiers zu bearbeiten und sich auf die Prüflinge individuell vorzubereiten. 

Eidgenössische Berufsprüfung

Den Abschluss der Ausbildung macht die Eidgenössische Berufsprüfung. Diese neue Berufsprüfung beinhaltet zwei Gespräche. Im ersten stellen die Kandidaten ihr Portfolio zu den vier behandelten Fällen vor. Danach stellen die Experten spezifische Fragen dazu. «Da jeder und jede seine eigenen Fälle bearbeitet hat, kann der Prüfungsexperte auf die prüfende Person eingehen», erklärt Spycher.

Anschliessend folgt ein Gespräch zu allgemeinen Fragen. Das können Theoriefragen sowie auch kleine Fallbeispiele sein. «Einiges ist noch nicht ganz definiert, bis zur Prüfung werden aber die Details geregelt sein», sagt Ausbildungschef Christian Spycher dazu. Die ersten Absolventen dieses Formates werden erst in zwei Jahren erfolgen. Doch nach bestandener Prüfung sind die Schülerinnen und Schüler Absolventen der Berufsausbildung zum Polizisten.

Zukunft

Nach der bestandenen Berufsprüfung arbeiten die ausgebildeten Polizistinnen und Polizisten zwei bis vier Jahre auf ihrem Korps weiter. Bei Beginn der Ausbildung erhalten die Absolventinnen und Absolventen eine Anstellungsgarantie. Erst nach ersten Dienstjahren ist es den Polizisten möglich, sich weiterzubilden oder den Standort zu wechseln. «Zurzeit haben wir jährlich genügend Anmeldungen. In den nächsten fünf Jahren wird aber eine Pensionierungswelle auf uns zukommen. Deshalb sind wir daran, diese frühzeitig zu überbrücken», sagt Christian Spycher abschliessend. 

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