Fussball, Ski alpin, Tennis – ja, die Schweiz ist regelmässig an internationalen Sportwettkämpfen vertreten. Die Leistungen der Spitzensportler werden jedoch häufig kritisch diskutiert. «Das alpine Schweizer Männer Team geht am Stock», las man beispielsweise jüngst im «St. Galler Tagblatt».

Was dabei aus dem Blick gerät: Die Schweizer Sportlandschaft besteht aus mehr und viele Sportler erzielen abseits der breiten medialen Beachtung grosse Erfolge. So triumphieren etwa Heinz Frei und Marcel Hug regelmässig im Rennrollstuhl. Auch der Kanton Solothurn beheimatet derzeit zwei vielversprechende Nachwuchstalente: Licia Mussinelli (15) und Lisa Schultis (19), Kadersportlerinnen der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung (SPV).

Mehrfache Weltmeisterinnen

 Die jungen Rennrollstuhlfahrerinnen kamen beide mit Spina bifida (offenem Rücken) zur Welt, eine Fehlbildung, die bei ihnen eine Lähmung der Beine zur Folge hat. Der Eindruck, dass sie unter diesem Schicksal leiden, entsteht aber gar nicht erst. Zu selbstbewusst und fröhlich treten sie auf. Zudem können Lisa und Licia in ihrem jungen Alter wohl auf wesentlich mehr sportliche Erfolge zurückblicken als so mancher, der ohne körperliche Einschränkung lebt.

So ist Licia mehrfache Sprint-Weltmeisterin in den Alterskategorien U18 und U23, Lisa mehrfache Weltmeisterin im Staffellauf 4×100 Meter. Dazu gesellt sich eine beachtliche Anzahl Silber- und Bronzemedaillen aus Junioren-Schweizer- und Weltmeisterschaften.

Nein, sie kennen kein anderes Leben als jenes im Rollstuhl. In der Schule hätten sie mit den Mitschülern nie Probleme gehabt. Eher mit der Tatsache, dass die Schulhäuser (noch) nicht behindertenfreundlich waren, erzählt Lisa. Bezüglich Integration habe sich mittlerweile aber viel getan. Licia besucht derzeit die 9. Klasse in Solothurn. In der Talentförderklasse erhalte sie zwei Mal pro Woche einen halben Tag Trainingszeit. «Insgesamt trainiere ich zehn Stunden pro Woche. Dazu kommt eine Stunde Krafttraining.»

Das Training umfasse unterschiedliche Aspekte, vieles hänge aber von der richtigen Technik ab. Im Krafttraining hingegen arbeite sie an Koordination, Reaktion und Explosionskraft. «Man will ja gewinnen. Und wenn man hinten liegt, ist man zwar bereits sehr schnell unterwegs, will aber angreifen», was viel Kraft abverlange.

Auch psychische, wie Lisa ergänzt: «Man muss in diesem Moment ausblenden, dass einem alles wehtut und es ‹süürelet› in den Armen.» Sie selbst trainiere bis zu 14 Stunden pro Woche, wobei sie Unterstützung von der Vebo Oensingen erhalte. Dort hat Lisa eine 60-Prozent-Stelle, zudem sponsert der Betrieb, zusammen mit der Roger Federer Foundation, das Nachwuchstalent. Und damit auch sie die Ausgaben bezahlen kann, wird Licia von der Star Division Ltd. unterstützt. Weitere Sponsoren bzw. Paten suchen sie über die Sporthilfe.

«Sport ist ein Teil von mir»

Zum Rollstuhlsport seien sie via Rollstuhlclub Solothurn gekommen, wo sie zunächst polysportive Trainings besuchten. An den Rennrollstuhl hätten sie sich schnell gewöhnt, auch wenn dieser sich stark vom üblichen unterscheidet. So knien die Fahrerinnen darin und sind mit dem Oberkörper stark nach vorne geneigt. Die beiden Nachwuchstalente trainieren beide teilweise in Nottwil, wo sie den Austausch mit und den Ansporn durch die anderen Sportler schätzen.

Aufgrund der langen Anfahrt finden viele Trainings aber zu Hause statt. Dies wird durch ein spezielles Trainingsgerät möglich, das vom Prinzip her an ein Laufband erinnert: Der dreirädrige Rennrollstuhl wird auf ein Gestell mit Rollen montiert, auf welchen anschliessend gefahren wird. Ja, das nehme alles viel Zeit in Anspruch, «mit meinen Freunden treffe ich mich halt nach den Trainings», so Licia.

Und Lisa ergänzt, sie habe nie das Gefühl gehabt, für den Sport etwas opfern zu müssen. Was dieser ihr bedeute? «Das kann ich gar nicht in Worten ausdrücken.» Er gebe ihnen Selbstbewusstsein und Lebensqualität, sind sich die Sportlerinnen letztlich einig. Und Lisa pflichtet ihrer Freundin bei, als diese sagt: «Der Sport ist ein Teil von mir.»

Derzeit absolvieren die zwei jungen Frauen ihre Wettkämpfe noch auf der Bahn. «Ja, Marathon würde mich auch reizen», sagt Lisa mit einem Glänzen in den Augen. «Aber erst später. Eins nach dem anderen.» Vorerst haben Lisa und Licia dieselben Ziele: die Elite-Europameisterschaften im Juni (Grosseto, IT) und die Paralympics 2020 in Tokyo. Und wer weiss: Vielleicht bringen sie dann zusammen mit Hug und Frei – übertragen in den Medien – die nächsten Schweizer ParalympicsMedaillen nach Hause ...

Interessierte können vom 26. bis 29. Mai in Nottwil den «ParAthletics 2016» beiwohnen. Der Eintritt für Zuschauer ist kostenlos.