Bürgerspital

Neues Zentrum für Altersmedizin: «Senioren sind immer fitter»

Die 50-jährige Vesna Stojanovic leitet seit 2018 die Akutgeriatrie der Solothurner Spitäler AG.

Seit April wird im Bürgerspital Solothurn ein Zentrum für Altersmedizin aufgebaut. Chefärztin Vesna Stojanovic über die Klinik, die im Kanton schon lange nötig gewesen sei – und nun die drittgrösste in der ganzen Schweiz ist.

Das Haus 9 am Bürgerspital Solothurn kennen die meisten als das rote Backsteingebäude, wo einst die Reha-Klinik drin war. Diese wurde Mitte Jahr geschlossen. Trotzdem herrscht Betrieb im roten Haus. Seit April wird eine Akutgeriatrie aufgebaut – ein Zentrum für Altersmedizin, wie es die Solothurner Spitäler AG (soH) seit acht Jahren in Olten betreibt und dort 45 Betten anbietet. Die 24 Betten in Solothurn sind alle belegt. Nächsten Sommer zieht die Klinik in den Neubau um, wo man Kapazität für 36 Personen hat. Vesna Stojanovic leitet beide Standorte und führt Visite bei oft gebrechlichen Patienten durch, die nach einer Operation oder einer Behandlung nicht einfach entlassen werden, sondern während bis zu drei Wochen betreut werden, bis sie nach Hause gehen; wenn sie das noch können.

Sagen Sie uns: Warum brauchtes ein Zentrum, das ausschliesslich für alte Menschen geschaffen ist?

Vesna Stojanovic: Laut dem Bundesamt für Statistik werden Senioren im Jahr 2030 mehr als 50 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Lag die Lebenserwartung im letzten Jahrhundert noch bei 50 Jahren, so werden Frauen heute 85, Männer 82 Jahre alt. Die steigende Anzahl Senioren muss adäquat betreut werden. Ich denke, dass so eine Klinik im Raum Solothurn schon lange nötig war.

Was bedeutet das Zentrum umgekehrt für den Kanton?

Wir nehmen Seniorinnen und Senioren bei akuten Krankheiten auf, bieten von Beginn an neben ärztlichen und pflegerischen Behandlungen aber auch Physio- und Ergotherapie sowie Ernährungsberatung, Logopädie und Sozialberatung an. So, dass die Patientinnen und Patienten so rasch wie möglich wieder ihre bisherige Selbstständigkeit erlangen. Für den ganzen Kanton bedeutet das Zentrum, dass man langfristig auch Kosten sparen kann.

Inwiefern?

Wenn wir die steigende Anzahl älterer Patienten von Beginn an gut betreuen, ist die Chance höher, dass sie länger zu Hause wohnen können und gesund und selbstständig bleiben. So spart der Kanton Spitexkosten und Ausgaben für Heimplätze.

Braucht der Kanton auch ein Zentrum, weil Senioren heute eher krank sind – oder früher behandelt werden?

Im Gegenteil: Senioren werden immer fitter, wandern auch mit 70 noch, und wohnen mit 90 noch selbstständig zu Hause. Mit der heutigen Medizin und Prävention leben Menschen länger; weshalb es beispielsweise mehr Demenzerkrankte gibt als früher und insgesamt mehr Pflegefälle. Früher hat man Patienten in höherem Alter zudem selten operiert oder invasiv behandelt – sie wurden zu Hause in der Grossfamilie meistens von Angehörigen gepflegt, bis sie in jüngerem Alter als heute gestorben sind.

Bedauern Sie, dass sich Angehörige weniger um ihre Angehörigen kümmern?

Ich glaube nicht, dass das stimmt. Ich erlebe Angehörige immer als sehr engagiert. Es ist heute aber seltener, dass Patienten nur von Angehörigen zu Hause betreut werden. Bei berufstätigen Angehörigen ist eine Betreuung den ganzen Tag zu Hause nicht mehr möglich.
Die Solothurner Spitäler teilten Anfang Jahr mit, man würde nun «zu einem der grössten Versorger in der Altersmedizin schweizweit.

Was bedeutet das konkret?

Wir sind in der Deutschschweiz das drittgrösste Zentrum für Altersmedizin. In einem Kanton wie Basel und Zürich gibt es natürlich mehr Betten, diese sind aber auf mehrere Zentren verteilt. Wir sind mit unseren Standorten in Olten und Solothurn definitiv dabei und haben ein Netzwerk an Geriatern aufgebaut. Damit sind wir auch für künftige Projekte gerüstet.

Können Sie uns ein Beispiel dafür geben?

Heute kommen häufig auch Heimbewohner im Akutfall zu uns. Das ist aber für Demenzerkrankte sehr belastend, weil sie durch einen Umgebungswechsel zuerst delirant (Anmerkung der Redaktion: verwirrt) werden. Sinnvoller für Patienten wäre, wenn wir Ärzte in den Heimen solche Patienten betreuen können. Wenn Heime und Hausärzte mit dabei sind, könnten wir ein solches Projekt aufgleisen.

Gibt es denn genug Geriater?

Schweizweit gesehen sind es 200 – das sind zu wenig. Bei der soH sind wir gut aufgestellt. Alle Stellen – auch in der Pflege – sind besetzt. Studenten der Berner Fachhochschule und der Uni Basel können ihre Ausbildung teilweise bei uns absolvieren; damit sind wir auch im Bereich Nachwuchs abgesichert. Man muss aber schon sehen: Die Ausbildung geht lange. Nach den sechs Jahren Medizin-Studium kommt zuerst die Weiterbildung von 5 bis 6 Jahren und danach noch die dreijährige Ausbildung zum Geriater.

Warum haben Sie eigentlich die Ausbildung gemacht?

Ich war als Assistenzärztin auf einer geriatrischen Station. Das hat mich enorm geprägt: Der Leiter ist mit den Patienten sehr professionell, aber auch sehr empathisch umgegangen, was diese sehr geschätzt haben. In der Geriatrie betrachten wir den Menschen zudem als Ganzes – sein akutes Leiden, seine Vorgeschichte, seine Funktionalität, sein Umfeld – aber auch seinen mutmasslichen Willen und seine Wünsche. Man erlebt viel Schönes. Während meiner Ausbildung in Basel wurde eine Patientin während ihres Aufenthaltes im Spital 107 Jahre alt – und wünschte ein Geburtstagsfest mit Tanz. Nach dem Aufenthalt konnte sie wieder nach Hause.

Ist die Akutgeriatrie Durchgangsstelle zwischen Spital und Heim – oder können Patienten nach dem Spital nach Hause?

In zwei Drittel der Fälle können die Patienten wieder nach Hause. Ein Drittel muss zuerst in ein Ferienbett. Davon muss wieder ein Drittel im Heim bleiben. Wir klären aber schon von Anfang an auf der Geriatrie ab, was der Patient nach dem Aufenthalt braucht; wer kocht und einkauft, ob die Spitex kommen muss oder ein Mahlzeitendienst benötigt wird. Immer mit dem Ziel, dass die Seniorin oder der Senior so lange wie möglich selbstständig leben kann.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1