«Wie ein Geschenk»
Nach 22 Monaten ohne Job: 58-Jähriger findet dank Zeitungsartikel neue Stelle

Jeden Monat werden allein im Kanton Solothurn rund 100 Menschen ausgesteuert, sie verlieren ihren Anspruch auf Unterstützung durch die Arbeitslosenversicherung. Deren Jobsuche ist nicht hoffnungslos. Ein Beispiel dafür ist der 59-jährige Reto Ryf.

Franz Schaible
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Es gibt auch Lichtblicke: Der 34-jährige Tobias Britz hat den 59-jährigen Reto Ryf ungeachtet seines Alters angestellt. Entscheidend seien das Fachwissen und die Berufserfahrung.

Es gibt auch Lichtblicke: Der 34-jährige Tobias Britz hat den 59-jährigen Reto Ryf ungeachtet seines Alters angestellt. Entscheidend seien das Fachwissen und die Berufserfahrung.

Michel Lüthi

«Das war für mich wie ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk.» Reto Ryf lehnt sich im Stuhl zurück und lächelt. Nach fast zwei Jahren Stellensuche hat es kurz vor der Aussteuerung geklappt und er hat einen neuen Arbeitsplatz gefunden. Trotz seines Alters von 58 Jahren. Das war vor rund einem Jahr.

Damals haben wir den Elektronik-Ingenieur in der Zeitung porträtiert, um der Arbeitslosigkeit ein Gesicht zu geben. Der Versuch einer Annäherung an einen Menschen, der ansonsten nur in den monatlich publizierten nackten Zahlen über die Arbeitslosigkeit auftaucht. Dank des Artikels hat Ryf die neue Beschäftigung gefunden.

«Das Alter ist jeweils bloss eine Zahl»

Sein neuer Arbeitgeber, Tobias Britz, erzählt. «Ich war auf Kundenbesuch in Niederbipp und während der Wartezeit habe ich die Zeitung zur Hand genommen – und den Artikel über Reto Ryf gelesen.» Er, der 34-jährige CEO und Mitinhaber der SmartLiberty SA in Le Landeron, griff noch am gleichen Abend zum Telefon und rief Ryf an. Dessen Ausbildung und vor allem seine Berufserfahrung – dieses Wort fällt im gemeinsamen Gespräch mit Ryf und Britz immer wieder – hätten genau dem Anforderungsprofil für den damals gesuchten technischen Verkaufsberater entsprochen.

Vom Jahrgang 1956 liess sich der Jungunternehmer nicht abschrecken. «Das Alter ist bloss eine Zahl», sagt Britz. Für ihn seien der Mensch dahinter und seine Kompetenzen entscheidend. Die Chemie zwischen den beiden stimmte offenbar überein, seit Oktober 2014 arbeitet der Solothurner Ryf im neuenburgischen Le Landeron – übrigens die Partnerstadt von Solothurn – als Verkaufsberater, zuständig für das Mittelland.

«Es lohnt sich immer, nie aufzugeben»

Die Philosophie von Tobias Britz ist offensichtlich nicht weit verbreitet. «Wenn ich mein Alter nenne, ändert sich die Tonalität schlagartig», berichtete Reto Ryf vor einem Jahr über seine fast zweijährige, erfolglose Stellensuche. Dabei sei das Alter fast nie explizit angesprochen worden. Er habe Absagen en masse mit Standardfloskeln erhalten. «Wir haben jemanden gefunden, der noch besser qualifiziert ist» oder «Sie sind für diese Stelle überqualifiziert.»

Verbittert ist er – ein Jahr später – deshalb nicht. Er habe aus diesem Prozess auch viel gelernt. Sich selbst rühmen will er nicht, und trotzdem gibt er eine Empfehlung ab an Menschen, die ebenfalls schon lange, lange einen neuen Arbeitsplatz suchen. «Es lohnt sich, nie aufzugeben. Auch am anderen Ende der Leiter kann es eine Lösung geben.»

Sein neuer Arbeitgeber sieht in der Anstellung eines älteren Stellensuchenden nichts Aussergewöhnliches. «Ich bin nicht speziell sozial eingestellt.» Er sei Leiter einer gewinnorientierten Unternehmung und nicht einer sozialen Institution. Der Betrieb müsse wachsen und eine entsprechende Rendite abwerfen. Kurz: «Ein neuer Mitarbeiter muss Erfolg bringen, unabhängig seines Alters.» Und das sei im Fall Ryf so. In nur einem Jahr sei es ihm gelungen, im Mittelland neue Kunden zu finden.

Die SmartLiberty SA mit 25 Angestellten entwickelt Sicherheits- und Kommunikationssysteme für die Langzeitpflege. Dabei gehe es etwa um mobilen Bewohnerruf, Weglaufschutz oder Assistenzruf, die Serviceleistungen sind modulartig miteinander kombinierbar. Produkte sind Armbänder mit Alarmfunktion bis hin zu Apps für Smartphones. Die Kunden sind grossmehrheitlich Alters- und Pflegeheime. Bei der Marktbearbeitung komme Ryf die profunde technische Ausbildung, seine perfekte Zweisprachigkeit und eben vor allem seine lange Berufserfahrung in verschiedenen Jobs zugute, beobachtet Britz.

«Das Erlebnis meines Vaters hat mich sensibilisiert»

Geprägt hat Britz aber trotz nüchterner Beurteilung des Rekrutierungsvorganges ein persönliches Ereignis im engsten Familienkreis. «Mein Vater war in derselben Situation wie Reto Ryf. Über 50-jährig verlor er seinen Arbeitsplatz und es war für ihn trotz guter Ausbildung und grosser Erfahrung fast unmöglich, eine neue Anstellung zu finden», erinnert er sich. «Das hat mich zum Nachdenken angeregt, ich wurde für das Thema sensibilisiert.» Deshalb wohl ist Ryf nicht der einzige Mitarbeitende mit langer Erfahrung. «Ich habe neben Ryf einen weiteren älteren Kollegen eingestellt, der auch sehr erfolgreich arbeitet.»

Oft vorgebrachte Argumente gegen die Anstellung älterer Stellensuchender wie zu hoher Lohn oder zu tiefe Flexibilität sind für Britz nicht stichhaltig. «Bringt ein jüngerer Mitarbeiter mit tieferem Lohn wirklich gleich viel wie ein erfahrener Berufsmann?», fragt er. Oder sei ein älterer Mitarbeiter tatsächlich weniger flexibel. Er mache andere Erfahrungen. Ältere, erfahrene Angestellte würden vielmehr gerne und motiviert arbeiten zum Wohl der Firma und nicht primär aus eigenen Kariereabsichten. «Wir sind ein relativ junges Team und da kann ein erfahrener Berufsmann die nötige Ruhe und auch Gelassenheit miteinbringen.» Das bestätigt Ryf: «Es braucht beides, Erfahrung und Erneuerung. Es braucht junge Berufskräfte frisch ab Presse und ältere Berufskräfte mit viel Erfahrung.»

Überraschend in diesem Zusammenhang sind die Resultate einer aktuellen Studie des Bundesamtes für Statistik. Daraus geht hervor, dass die grosse Mehrheit der Ausgesteuerten später wieder eine Erwerbstätigkeit aufnehmen kann. Innert fünf Jahren nach einer Aussteuerung befanden sich rund 10 Prozent weiterhin auf Stellensuche, 20 Prozent haben sich aus dem Arbeitsmarkt zurückgezogen und 70 Prozent fanden wieder eine Anstellung.

Viele müssen aber, so die Studie, sowohl einen Berufswechsel als auch teilweise erhebliche Lohneinbussen in Kauf nehmen. «Mit dem Auslaufen der Unterstützung durch die Arbeitslosenversicherung wächst der Druck auf die Stellensuchenden, einen tieferen Lohn in Kauf zu nehmen», lautet die Begründung in der Untersuchung.

«Es ist wichtig, die Bewerber ohne Scheuklappen zu prüfen»

Der Jungunternehmer selbst hat keine Probleme, mit einem älteren Mitarbeitenden zusammenzuarbeiten. Im Gegenteil. «Wenn wir als Tandem bei den Kunden auftreten, kommt das in der Regel gut an», sagt er lachend. Allerdings ist er nicht blauäugig und weiss, dass es ältere Arbeitnehmende generell schwieriger haben, einen neuen Arbeitsplatz zu finden.

Das zeigen auch Zahlen des kantonalen Amtes für Wirtschaft und Arbeit. Demnach sind 15- bis 24-jährige Arbeitslose durchschnittlich rund 130 Tage auf Arbeitssuche, die 25- bis 49-jährigen 225 Tage und die über 50-jährigen fast 300 Tage.

Viele seien sehr fachspezialisiert und Arbeitgeber hätten Angst, dass sie nur noch wenige Jahre arbeiten würden und sich somit der Aufwand nicht lohne, beobachtet Britz. Seine eigene offene Haltung zeigt sich in der Art, wie er die Personalrekrutierung angeht. Er schaue grundsätzlich alle Bewerbungen an, unabhängig des Lebenslaufes. «Es ist wichtig, die Bewerber ohne Vorurteile und ohne Scheuklappen zu beurteilen.»
Und davon profitierte Reto Ryf: «Meine schwierige berufliche Situation endete schliesslich als Märchen, welches wahr geworden ist.»

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